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150 JAHRE BLINDENBILDUNG
IN DEUTSCHLAND
1806 - 1956
FESTSCHRIFT ZUR 150- JAHRFEIER
DER BLINDENBILDUNGSANSTALT BERLIN-STEGLITZ
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Herausgeber: Dr. Jurczek
Druck: Verwaltungsdruckerei Berlin, Berlin SO 36, Kohlfurter Straße 41 — 43
Bildbeiträge: Landesbildstelle Berlin
Umschlag-Entwurf : Ilse Hufenbach, Berlin-Nikolassee, Prinz-Friedrich-Leopold-Straße 3
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Grußwort
Tfäre es noch nötig , auf die Bedeutung hinzuweisen , die das Potential jener
Menschen für die Gemeinschaft dar stellt, die durch außergewöhnliche An¬
strengungen einen Sieg des Geistes über ihren Körper errungen haben — man
brauchte nur den Kamen Helen Kellers zu erwähnen.
Die Versehrten zweier Weltkriege haben uns zum Bewußtsein gebracht, daß
das Mitleid die unangemessenste Haltung ist , die wir gegenüber den Körper¬
behinderten einnehmen können, ja daß wir uns in der Beschränkung darauf
der Werte berauben, die in der Beife ihrer Selbstüberwindung liegen.
Aus diesem Grunde vor allem so darf man wohl sagen — und nicht aus
kommerziellen Erwägungen bemühen sich alle Verantwortlichen heute mit
einigem Erfolg, den Körperbehinderten durch sorgsame Entwicklung ihrer
speziellen Fähigkeiten das Selbstbewußt sein eines vollwertigen Mitgliedes der
Gesellschaft zu vermitteln .
Die hervorragende Leistung der Berliner Blindenbildungsanstalt und ihrer
E örder er ist in der Tatsache zu sehen, daß sie diesen Erkenntnissen in ihrer
15 0 jährigen Tätigkeit entscheidend mit zum Durchbruch verholfen haben _
Niemand wird diese Leistung besser zu würdigen wissen, als die , die in diesem
Hause das seelische und geistige Büstzeug für ihr Bestehen in einer Umwelt
bekamen, die im allgemeinen nicht allzuviel Rücksicht auf das Individuum
nimmt. Besonders verdienstvoll ist die Arbeit der Lehrer dieser Anstalt aber
auch, weil die pädagogischen Methoden, die sich aus der Betreuung blinder
Schüler entwickeln, einen fruchtbaren Beitrag zur pädagogischen Gesamt¬
erkenntnis dar st eilen.
Mit aufrichtiger Hochachtung beglückwünsche ich deshalb die Leitung und
die Lehrerschaft der Berliner Blindenbildungsanstalt zu dem Jubiläum, das
sie heute begehen können, und grüße die von ihnen Betreuten mit der Ver¬
sicherung, daß die Berliner Verwaltung auch in Zukunft ihre Anteilnahme am
Schicksal der Blinden tatkräftig beweisen wird.
Senator für Volksbildung
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Der Blindenbildungsanstalt Berlin- Steglitz
zum Gruß
Die Berliner Blindenanstalt als die älteste in Deutschland kann in diesem
Jahre auf ein 15 0 jähriges Bestehen zurückblicken. Mehr als die Hälfte dieses
stattlichen Zeitraumes , fast 80 Jahre , hat sie ihren Standort am Fuße des
Fichtenberges in der Rothenburgstraße in Steglitz. Obwohl sie als eine staat¬
lich-preußische Anstalt verwaltungsmäßig keine Beziehungen zu der Ge¬
meinde hatte , betrachteten die Steglitzer sie als ihre Blindenanstalt. Die gelbe
Armbinde gehört zum Straßenbild , und hilfsbereit leiht der Steglitzer dem
Blinden seinen Arm , um ihn über die verkehrsreiche Schloßstraße zu geleiten.
Die Gemeindeverwaltung ehrte das Andenken jener Männer , die als Päd¬
agogen das Blindenbildungswesen gefördert haben , indem sie die Straßen rund
um die Anstalt nach ihnen benannte — von der Zeunepromenade bis zur
Braillestraße.
Direktor Roesner hatte eine gute Wahl getroffen , als er 1872 mit Hilfe der
Pwthenbur gstiftung das Gelände am Fichtenberg für die wachsende Anstalt
erwarb. Zwar ist Steglitz längst in den brausenden Verkehr der Großstadt
einbezogen; aber zwischen der Schloßstraße und der Grunewaldstraße hat
der Fichtenberg die beschauliche Ruhe bewahrt , die eine Bildungsanstalt für
ihre Arbeit benötigt. Erst den Bombenangriffen des 2. Weltkrieges war es Vor¬
behalten , das friedliche Idyll zu zerstören , und zwar so gründlich , daß von
den Baulichkeiten der Blindenanstalt nur ein Trümmerfeld übrigblieb.
Mit der Anstalt war auch ihr Gründer und Unterhaltsträger , der Staat Preu¬
ßen, ein Opfer des großen Zusammenbruchs geworden. Da erwuchs der Stadt
Berlin die Aufgabe , das Werk Zeunes und Roesners in ihre Obhut zu nehmen;
sie beauftragte mit dem Weder auf bau und der Betreuung der Anstalt den
Bezirk Steglitz , und so wurde sie auch verwaltungsmäßig „ unsere Blinden¬
bildungsanstalt“.
Das Bezirksamt , insonderheit das Schulamt und das Bauamt betrachteten es
als eine Ehrenpflicht , neben der Beseitigung der umfangreichen Kriegsschäden
an den bezirkseigenen Schulgebäuden den Wiederaufbau der Blindenbildungs-
anstalt zu fördern und den von ihrem Direktor Dr. Jurczek im Interesse der
Blinden erhobenen Wünschen nach Kräften zu entsprechen. Daß dies nicht in
einem Zuge geschehen konnte , war schon in dem finanziellen Ausmaß des
Wiederaufbaues begründet. Hatte man zunächst behelfsmäßig unter Benutzung
der Keller Unterrichts- und Unterkunftsräume geschaffen , so konnte ab 1950
der systematische Wiederaufbau des Hauptgebäudes — wenn auch aus finan¬
ziellen Gründen in drei T eilab schnitten — vor genommen werden. Maßgebend
war dabei der Raumbedarf, der sich aus der Konzentration der verschiedenen
Berliner Blindenbildungseinrichtungen in Steglitz ergab ; doch wurden die
Bemühungen durch den Wunsch beflügelt, 1956 zum 150jährigen Bestehen
der Jubilarin und ihren Gästen ein würdiges Heim bieten zu können, das die
äußere Form des alten Baues nach Möglichkeit wahrt, aber in der inneren
Ausgestaltung die Vorteile moderner Bauweisen nutzt und so Arbeitsmöglich¬
keiten schafft, die Lehrern und Schülern zugute kommen. Die Haushalts¬
mittel, die das Land Berlin für den Wiederaufbau seit der Währungsreform
zur Verfügung gestellt hat, erreichen die stattliche Summe von 807 000 DM.
Dem Bezirksamt Steglitz gereicht es zur freudigen Genugtuung, daß es ge¬
lungen ist, den Wiederaufbau im wesentlichen bis zum Jubiläumsjahr fertig¬
zustellen. Möchte das als ein Zeichen gelten für unsern guten Willen, mit¬
zuarbeiten an dem Werk christlicher N ächstenliebe und praktischer Hilfs¬
bereitschaft für unsere blinden Mitmenschen, damit das innere Licht echter
Menschenbildung ihr dunkles Dasein freundlich erhellt.
Bezirks stadt rat für Volksbildung
Vorwort
Mit den Vorbereitungen zur 150- Jahrfeier der früheren Königlich Preu¬
ßischen, späteren Staatlich Preußischen und jetzigen Blindenbildungsanstalt
war auch die Frage nach der Art und Gestaltung der Festschrift verbunden.
Mir war klar, daß es diesmal unter keinen Umständen eine lokale Schilde¬
rung der Steglitzer Blindenbildungsanstalt geben durfte; denn das geschah
in Wort und Bild zum 75jährigen Ortsjubiläum vor vier Jahren und hätte
nur eine Wiederholung in variierter Form bringen können.
Die Gründung der Berliner Anstalt, der ersten Blindenanstalt in Deutschland,
ist für das gesamte Blindenbildungswesen so bedeutsam, der Einfluß auf
zahlreiche Blindeninstitute so evident, daß eine Festschrift neben der Wür¬
digung der eigenen Geschichte auch einen Teil der Entwicklung der Blinden -
bildung in Deutschland in den letzten 150 Jahren bringen muß. Unter diesem
Aspekt wurden die Themen von mir ausgewählt. Bewußt habe ich für die
einzelnen Kapitel junge aufstrebende Blindenpädagogen und bewährte ältere
Kräfte herangezogen. Die Koordinierung der einzelnen Kapitel war nicht
leicht, weil Überschneidungen vermieden werden mußten.
Die Geschichte der Blindenanstalten, auf die ich auf keinen Fall verzichten
wollte, mußte wegen des sonst allzugroßen Umfanges in einem Anhang zur
Festschrift erscheinen. Unter von mir herausgegebenen Richtlinien haben
sich alle Bildungsanstalten zur Mitarbeit zur Verfügung gestellt. Dabei
wurde von mir auf die lokale und eigenartige Entwicklung jeder Anstalt
gebührende Rücksicht genommen. Allen Kolleginnen und Kollegen danke ich
an dieser Stelle für ihre Mitarbeit.
Aus dieser Festschrift soll hervorgehen, wie die Probleme auf dem Gebiet
der Blindenbildung in den letzten 150 Jahren angefaßt, gelöst oder der
Lösung näher gebracht wurden. Aus dem ,,fiat lux“, das im Jahre 1806 in
leuchtenden Lettern über der Blindenbildung stand, ist im Jahre 1956
,,in mente et labore lux“ geworden. Fürwahr ein großer Erfolg der Blinden¬
pädagogen, der Augenärzte und nicht zuletzt der Blinden selbst.
Berlin -Steglitz, im Juli 1956.
Dr. Franz J u r c z e k
Direktor der Blindenbildungsanstalt
Aus der Geschichte der Blindenbildungsanstalt
Berlin - Steglitz
Von Elisabeth Hoff mann-Halbach, Blindenoberlehrerin
„Sterben ist nichts — doch leben und nicht sehen, das ist Unglück.“ Die
Situation der Blinden zur Zeit, als Schiller diese Worte in seinem „Wilhelm
Teil“ (1804) schrieb, ist damit gekennzeichnet. Blindsein war Unglück; das
größte Unglück, das dem Menschen widerfahren konnte. Es bedeutete lebens¬
länglichen Tod. Blindsein schloß aus der menschlichen Gesellschaft aus und
versagte die Teilnahme an ihren Kulturgütern. Der Blinde lebte in geistiger,
sozialer und wirtschaftlicher Isolierung, für Sehende ein Objekt des Mitleids,
des Almosens, sogar des Spottes, der Verachtung. Zwar nahm sich die Kirche
bereits sehr früh der Blinden an1). Sie gestand ihnen das Privileg des Betteins
zu. Blindsein war folglich gleichbedeutend mit Bettler-sein. Sie versuchte
weiter das Los der Blinden zu erleichtern, indem sie diese in Spitälern unter¬
brachte. Daß der Blinde aber auch ein Mensch war mit geistigen Gaben,
sozialen Gefühlen, mit Wünschen und Streben, blieb den sehenden Mit¬
menschen lange Zeit unbekannt. Erst der französische Philosoph und Schrift¬
steller Denis Diderot (1713 — 1784) wies in seinem „Lettre sur les
Aveugles ä l’usage de ceux, qui voient“, London 1749, darauf hin, daß auch
im blinden Menschen Fähigkeiten und Seelenkräfte vorhanden sind, die ge¬
fördert werden könnten. Er erkannte die Bildungsfähigkeit und Bildungs¬
bedürftigkeit der blinden Menschen, als noch niemand an eine Unterweisung
Blinder dachte. Das ist das Verdienst dieses Enzyklopädisten, daß er mit
seinem „lettre“ der Idee einer allgemeinen Blindenerziehung den Weg
bereitete.
Einzelne Blinde erregten zwar zu allen Zeiten die Aufmerksamkeit und Be¬
wunderung ihrer Zeitgenossen. Sie erwarben sich Kenntnisse, Fähigkeiten,
Fertigkeiten und leisteten oft Bedeutendes auf geistigem, künstlerischem oder
praktischem Gebiet. Klein nennt als Beispiele u. a. den ordentlichen Pro¬
fessor der Mathematik in Cambrigde Saunderson (1682 — 1739), die
Konzertpianistin Maria-Theresia von Paradies (1759 — 1824), den Holz¬
schnitzer Joseph Kleinhans (geb. 1777) 2).
Ihr Beispiel ermutigte die Pioniere der Blindenbildung, an die Bildungs¬
möglichkeit Blinder überhaupt zu glauben. Sie alle bewiesen ja, daß der
„homo caecus etiam homo“. Daß dieses „Mensch-sein“ nicht einigen wenigen,
geistig und meist auch sozial Hervorragenden Vorbehalten war, galt es zu
beweisen. Es mußten Mittel und Wege gefunden werden, allen Blinden die
*) Kretschmer: Geschichte des Blindenwesens, Ratibor, 1925 S. 32 ff.
2) Klein: Lehrbuch zum Unterrichte der Blinden, Wien 1819, S. 417 ff.
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Welt des Geistes und damit die Welt der Sehenden zu erschließen, sie zu
lösen aus ihrer sozialen Isolierung und hineinzuführen in die Gemeinschaft
der Sehenden, sie aus ihrem lebenslangen Tod ins wirkliche Leben zurück¬
zuführen.
Valentin Hauy (1745 — 1829) gründete 1784 in Paris die erste Blinden¬
anstalt der Welt. Es erscheint uns notwendig, auf Hauy näher einzugehen,
da wesentliche Anregungen und großer Einfluß auf Z e u n e , den Gründer
der Berliner Blindenanstalt, zu verzeichnen sind.
In den ,, Historischen Nachrichten von dem Unterrichte der Taubstummen
und Blinden“, Leipzig 1793, lesen wir, daß „man anfangs in der Meinung
war, daß der LTnterricht nur für einen oder den anderen Blinden, den die
Natur besonders mit einem feinen Gefühle ausgerüstet hätte, nützlich sein
würde, da aber von vierzehn Blinden, die sich bald nach der Errichtung des
Instituts im LTnterricht befanden, nur drei davon hinter den übrigen zurück¬
blieben, so gewann dieser Umstand das Zutrauen des Publikums, und man
wurde von der allgemeinen Anwendbarkeit und von dem Nutzen dieses
Unterrichts je mehr und mehr überzeugt“ 3).
Hauy umreißt das Ziel seines Unterrichts in einem ,, Essai sur l’Education
des Aveugles“, Paris 1786: ,,Die Blinden das Lesen zu lehren mit Hilfe von
Büchern in Hochdruck und sie mittels des Lesens die Buchdruckerei, das
Schreiben, das Rechnen, die Sprachen, die Geschichte, die Geographie, die
Mathematik, die Musik etc. zu lehren;
diese Unglücklichen in Künsten und Handwerken zu beschäftigen, z. B. in
Goldstickerei, Stricken, Büchereinbinden, Spitzenklöppeln, im Spinnen etc.;
erstens: um angenehm die von ihnen zu beschäftigen, die in guten Verhält¬
nissen leben;
zweitens: um vor dem Betteln die zu bewahren, die vom Glück nicht be¬
günstigt sind, indem wir ihnen die Mittel zum Lebensunterhalte geben und
ihre Arme sowie die ihrer Führer für die Gesellschaft nützlich machen
— das ist das Ziel unserer Anstalt“ 4).
Hauy arbeitete mit seinen Schülern stofflich-methodisch in enger Anleh¬
nung an den Unterricht Sehender. Er fertigte tastbare Lehrmittel an und
unternahm Leseversuche mit einer Reliefschrift. LTm Raum zu sparen, führte
H auy bereits Kürzungen ein. Durch das Lesen sollten die Blinden 1. die
Elemente der Wissenschaften erlernen, 2. ein Mittel gegen Langeweile
finden5). Alle Blinden, die ,,mit dem Finger lesen gelernt haben“, konnten
die bei Hauy gedruckten Bücher benutzen6). Die Musik wurde als Neben¬
fach, als Erholung, betrachtet. Da sie aber eine wesentliche Erwerbsquelle
s) Historische Nachrichten von dem Unterrichte der Taubstummen und Blinden, Leipzig
1793, S. 159.
4) Hauy, zitiert nach Michel, Blfrd. 1883, S. 11.
6) Hauy, a. a. O., S. 16.
6) Historische Nachrichten, a. a. O., S. 162.
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bedeutete, wurde sie mehr in den Mittelpunkt gerückt 7). Die Schüler wurden
vom 7. Lebensjahre ab in die Anstalt aufgenommen. Hauy plante sogar
eine Vorschule für Kinder vom 4. Lebensjahre an, die unter der Leitung
seiner Frau stehen sollte.
Die politischen Verhältnisse in Frankreich gestatteten Hauy nicht — er
war bei Napoleon in Ungnade gefallen — , seine Tätigkeit an der Anstalt
ungehindert fortzusetzen, aber er arbeitete als Idealist unter schwierigsten
Umständen weiter. Im Jahre 1806 folgte er einem Rufe des Zaren
Alexander I., in St. Petersburg eine Blindenschule einzurichten. Dies hatte
höchste Bedeutung für die Berliner Blindenanstalt.
Im Juli 1806 traf Hauy in Begleitung seiner Frau und seines blinden
Schülers Fournier in Berlin ein. Er hielt sich einige Zeit hier auf,
demonstrierte vor verschiedenen Gremien, der Akademie der Wissenschaften,
der philomatischen Gesellschaft, am Hofe des Prinzen Ferdinand, vor der
Öffentlichkeit usw., seine Unterrichtsweise, und F ournier legte Proben
seines Wissens und Könnens ab. Hauy kam in Beziehung zum literarischen
Salon der Henriette H e r z , in dem sich hervorragende Vertreter aus Wissen¬
schaft und Kunst versammelten: Die Brüder Humboldt, Schleier¬
macher, Reich ardt, Schadow waren Gäste und Freunde der
feingebildeten Frau. Auch der Gymnasiallehrer Johann August Z e u n e
war häufig Gast bei Henriette Herz. Bei ihr begegneten sich Hauy und
Z e u n e durch Vermittlung des damals berühmten Augenarztes Grapen-
g i e s s e r , und sie tauschten Gedanken über den Unterricht von Blinden
aus. Z e u n e war begierig, die Methoden und Erfolge von Hauy kennen¬
zulernen.
Am 14. Juli 1806 war Hauy die ,, Auszeichnung zuteil geworden, Sr.
Majestät, dem König, seine Methode nach den Haupttheilen darlegen zu
dürfen“ 8).
Das ,, Intelligenzblatt der Allgemeinen Literatur- Zeitung“ vom 6. August
1806 schreibt darüber: Hauy ,,ward nachmittags um 4 Uhr nach Char¬
lottenburg beschieden, wo er im Beysein der Königl. Familie, ingleichen des
Prinzen Heinrich, . . . den Gang des Unterrichts und den Geist seiner Me¬
thode anschaulich machte. Der gewandte Vortrag des Lehrers sowie die
Fertigkeit und Geschicklichkeit des Schülers gewährten eine trostreiche An¬
sicht einer schweren und gemeinnützigen Lehrkunst. Die Unterhaltung
dauerte beynahe zwey Stunden. Des Königs Fragen und Äußerungen be¬
zeugten den innigsten Antheil an der Sache selbst. Se. Majestät der König
übersandten darauf Hn. Hauy eine goldene, mit Höchstdero in Brillanten
gefaßtem Namenszuge gezierte Tabatiere zum Geschenk, .und zwar, wie das
dabey befindliche gnädige Cabinetsschreiben Sr. Majestät sich ausdrückt:
»damit Hr. Hauy sich vermittelst dieses Geschenkes erinnern möge, wie
7) Hauy, a. a. O., S. 47.
8) Intelligenzblatt der Allgemeinen Literatur-Zeitung vom 6. August 1806.
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großes Interesse Se. Majestät an der Darlegung seiner Methode genommen
habe, welche Allerhöchst Dieselben unverzüglich in Berlin in Anwendung
bringen zu lassen beschlossen hätten« .
Bereits am 11. August 1 806 veranlaßte König FriedrichWil heim III.
mit „Cabinetsorder“ die Gründung einer Blindenanstalt in Berlin und betraute
— auf Empfehlung von H a u y — Johann August Z e u n e mit der Leitung
der Anstalt.
Johann August Zeune war damals 28 Jahre alt. 1778 in Wittenberg als
Sohn eines Universitätsprofessors für alte Sprachen geboren, studierte er
1798 bis 1802 in Wittenberg, promovierte 1802 mit einer Dissertation
„de historia geographiae“, erhielt 1805 einen Ruf als Hilfslehrer ans Ber¬
linische Gymnasium zum Grauen Kloster, war nach Gründung der Berliner
Universität 1810 Ordinarius für Geographie, später (1811 — 1823) auch
Dozent für Germanistik, insbesondere Literatur. In seiner Disziplin trat er
mit mehreren Schriften hervor:
1802 De Historia geographiae, Viteberg
1808 Gea, Versuch einer wissenschaftlichen Erdbeschreibung, Berlin
1809 Über Basaltpolarität, Berlin
1815 Erdansichten, Berlin
1842 Über Erdbildung, Berlin
1844 Die drei Stufen der Erdkunde, Berlin
Zeune leistete Bedeutendes als Vorläufer von Carl Ritter und war
mitbeteiligt an der Gründung der „Geographischen Gesellschaft“ in Berlin
1828. Seine Liebe zur deutschen Sprache führte er gern auf seinen mütter¬
lichen Ahn Wolfram von Eschenbach zurück. Als Fachgelehrter in der Ger¬
manistik erreichte er zwar nicht viel. Aber er begeisterte als glühender
Patriot in seinen Vorlesungen über das Nibelungenlied, die er im Auditorium
maximum halten mußte, seine Zuhörerschaft. Zeune war bedeutenden
Männern seiner Zeit sehr verbunden. So zählte er u. a. Fichte und Jahn
zu seinen Freunden. Die Vielseitigkeit, Interessiertheit und geistige Auf¬
geschlossenheit wirkte sich in seinem Unterricht aus und kam seinen Schü¬
lern zugute.
Zeune begann seinen Blindenunterricht am 13. Oktober 1806 mit einem
Schüler, dem pommerschen Pfarrerssohn Wilhelm Engel. Am Ende seiner
Amtszeit hatte er etwa 250 Schüler betreut.
In der Schrift „Beiisar“9), die sieben Auflagen erfuhr (7/1846), gibt
Zeune das Programm seiner Unterrichtsarbeit: Er will „den Blinden
9) Zeune nennt seine Schrift nach dem Feldherrn Belisarius, der nach der Sage auf Be¬
fehl von Kaiser Justinian (527 — 565) geblendet wurde. Der blinde Beiisar, Sinnbild
schnellen Glückswechsels, „stellt sich als schuldloses Opfer eines großes Neides dar.;<
(Zeune, Vorrede zu Beiisar, 7/1846).
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nicht nur die allgemeine menschliche Bildung, sondern auch solche Fertig¬
keiten verschaffen, wovon sie beim Austritte aus der Anstalt sich ihren
Erwerb einigermaßen sichern können; so ist hiernach der Unterricht ein
dreifacher: 1. Handarbeiten, 2. Tonkunst, 5. Wissenschaft“. Diese Drei-
Teilung des Blindenunterrichts bleibt erhalten. Sizeranne formuliert
1900 die Gebiete des Unterrichts als Schul-, Musik- und Arbeitsunterricht10).
Es ist nur eine Akzentverschiebung im Verlauf der fast 100 Jahre erfolgt;
während bei Z e u n e die Handarbeiten als Existenzgrundlage an erster
Stelle stehen, nennt Sizeranne als das Fundamentalste den Schulunter¬
richt, bei Z e u n e Wissenschaften genannt, zuerst. Im Vorwort zur Schrift
von Freudenberg „Zur Klärung des Urteils über Blinde“, Berlin 1847,
spricht Zeune „den Grundsatz aus, daß die Blindenunterrichts- Anstalten
nicht einseitig verfahren dürfen und entweder Handarbeiten oder Tonkunst
oder Wissenschaft, sondern alle drei Fächer zugleich ausbilden müssen“.
Zeune stand in Beziehung zu den pädagogischen Zentren seiner Zeit. Er
besuchte während einer Schweizer Reise .(1824) Pestalozzi und setzte
sich mit seiner Unterrichtsmethode auseinander. Er erklärte sich in allen
die Zahlenverhältnisse betreffenden Fächern mit „Pestalozzi, dem Tief¬
denkenden“ einverstanden. Aber in der Erdkunde ging er eigene Wege. Er
glaubte, daß Pestalozzi hier den eigenen Grundsätzen untreu geworden
sei, indem er „den einpfropfenden und tötenden Weg statt des entwickelnden
und lebendigen ) ging. Zeune forderte Anschauung statt Theorie, ent¬
wickelnde Beobachtung und Erkennen der Zusammenhänge an Stelle von
Auswendiglernen von Namen und Daten. Er erkannte die Wichtigkeit des
Heimatprinzips in der Erdkunde und verlangte einen stufenweisen Aufbau
von der Kenntnis des Vaterorts zur Kunde des Vaterlandes und endlich zur
Anschauung des ganzen Erdballes1"). Für die Unterrichtspraxis hatte
Zeune einen tastbaren Stadtplan von Berlin, eine Karte von Preußen und
einen Reliefglobus ausgearbeitet. Diese Lehrmittel, besonders der Globus,
fanden auch Verwendung im Unterricht Sehender. Zeune kann als der
erste Erdkundemethodiker bezeichnet werden.
Ebenso wie für die Erdkunde forderte Zeune auch für den Naturkunde¬
unterricht Anschauungsmaterial. In Geschichte, Sprachkunde, Religion
wendete er dagegen keinerlei Veranschaulichung an. Hier glaubte er allein
durch mündlichen Vortrag Kenntnisse vermitteln zu können.
Die Berliner Anstalt unter Zeune wurde Zentrum — Bildungs- und
Arbeitszentrum für die Blinden von Berlin und Umgebung und für die
norddeutsche Blindenpädagogik im allgemeinen. Von Berlin aus führten
Verbindungen zu den meisten deutschen und vielen ausländischen, sogar
überseeischen Blindenanstalten: Im Jahr 1809 tritt der blinde Johann Knie
als Schüler in Zeune’s Anstalt ein. Er war der bedeutendste aller Schüler.
10) Sizeranne, zitiert nach Watzel, Blfrd 1900, S. 169.
n) Zeune: Über Blindenunterricht, in „Neue Berlinische Monatsschrift“, Februar 1808
zitiert nach Blfrcl. 1904, S. 104.
12) Zeune: Beiisar oder über Blinde und Blindenanstalten, Berlin 7/1846, S. 93.
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1819 gründete Knie die Breslauer Blindenanstalt und leitete als erster
Blinder eine deutsche Blindenschule. Ein anderer Zeune-Schüler, Krause,
war Mitbegründer der Anstalt in Halle. Die Anstaltsgründer Flemming,
Vollrath, von Mallinkrodt und Bartholdy hatten den Un¬
terricht von Z e u n e kennengelernt, bevor sie ihre Anstalten in Dresden
(1809), Weimar (1825), Paderborn (1842) und Düren (1845) gründeten.
Stüber (Freising-München), H a u g (Gmünd) und Jülich und Stol¬
tenberg (Hamburg) besuchten die Berliner Anstalt, um die Arbeit dort
kennenzulernen. Z e u n e selbst hatte nicht nur viele deutsche, sondern
auch ausländische Anstalten gesehen: Er war in Wien und Zürich, in Brügge
und Amsterdam. Manche ausländischen Blindenlehrer waren auch seine
Gäste in Berlin: Guillie aus Paris, ein Nachfolger von Hauy, trug
sich am 14. August 1854 ins Gästebuch ein. Der Rektor der Warschauer
Taubstummenanstalt kam, um einen blinden Lehrer aus Zeunes Anstalt
nach Warschau zu holen. Howe aus Boston informierte sich eingehend
bei Zeune, ehe er die Leitung der Bostoner Anstalt 1852 übernahm. Er
sandte regelmäßig die Bostoner Anstaltsberichte, und es fand ein frucht¬
barer Briefwechsel zwischen Berlin und Boston statt. Im ,, Beiisar“ schrieb
Zeune über den Einflußbereich und die Bedeutung seiner und der Wiener
Anstalt (gegründet 1804): ,,Die beiden Anstalten zu Wien und Berlin haben
für den Blindenunterricht in ganz Deutschland segensvoll gewirkt, • — die
Wiener für Errichtung ähnlicher Anstalten in Süddeutschland, so wie die
Berliner für das nördliche Vaterland. Selbst aufs Ausland haben beide
Anstalten gewirkt, und so wie ein alexandrinischer Blinder in der Wiener,
so sind Zöglinge aus Gibraltar und Petersburg in der Berliner Anstalt unter¬
richtet und erzogen worden. Ja, mittelbar stehen beide Anstalten sogar jenseits
des Meeres mit den Anstalten der neuen Welt in Verbindung, die Wiener
mit Philadelphia, die Berliner mit Boston“13).
Im Namen der „Sektion im Ministerio des Innern für den öffentlichen Unter¬
richt“ schreibt Wilhelm von Humboldt am 20. Juli 1809 aus Königs¬
berg an Zeune: Die Sektion „erwartet mit voller Zuversicht von Ihnen,
daß Sie der Ihrer Bildung anzuvertrauenden Menschenklasse, welche durch
ihr trauriges Los von dem vollen tätigen Leben getrennt ist, nach Möglich¬
keit dieses wiederzugeben, alles aufbieten werden“. Zeune hat diese Er¬
wartungen von Humboldt in vollem Umfang gerechtfertigt: Er entriß
die Blinden dem Zustand der Untätigkeit und führte sie in die menschliche
Gesellschaft ein, in der sie Rechte und Pflichten übernehmen sollten. Er
versuchte, ihnen das Leben inmitten der Sehenden zu erleichtern, indem er
sie weitgehend wie Sehende behandelte14), und war bemüht, die Wechsel¬
wirkung zwischen Blinden und Sehenden überall herzustellen.
Zeunes Einfluß wirkte bis ins 20. Jahrhundert. Seine Ideen waren seinen
Nachfolgern grundlegend und richtungweisend. Hoffnungen und Ziele, die
ihm unerfüllt blieben, konnten unter seinen Nachfolgern verwirklicht werden.
13) Zeune: Beiisar a. a. O., S. 57 f.
14) Freudenberg: J. A. Zeune in Blfrd. 1896, S. 146.
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So z. B. sein größtes Anliegen, daß allen Blinden ein Schulunterricht zuteil
werden könnte oder daß der Staat das Fortkommen der Blinden fördere. Die
Sicherung der selbständigen Existenz der Blinden, um die er sich sorgte,
wurde erreicht. Die schulischen Hilfsmittel, um die er sich bemühte, fanden
Verbesserung und Vervollkommnung.
Wir versuchen nun aufzuzeigen, wie der Einfluß von Z e u n e unter seinen
Nachfolgern gewirkt und wie seine Arbeit weiterentwickelt und vervoll¬
kommnet wurde.
Die Forderung, daß alle Blinden beschult werden sollten, war bis zur ihrer
gesetzlichen Regelung Hauptanliegen der Blindenpädagogen. H a u y hatte
sie als erster aufgestellt. Der 6. Blindenlehrerkongreß in Köln 1888 forderte,
daß alle jugendlichen, bildungsfähigen Blinden in Blindenanstalten erzogen
werden sollten. Er beschloß, sich deswegen an die Landesregierungen und
Provinzialverwaltungen zu wenden. Durch die Gesetzgebung wurde eine
Verbesserung der schulischen Situation der Blinden erreicht: 1875 wurde
mit einer gesetzlichen Regelung der Fürsorgepflicht auch die provinzielle
Selbstverwaltung auf diesem Gebiete eingeführt. Die Provinzial -Verwal¬
tungsorgane wetteiferten in der Fürsorge für die Versehrten. Nach Gesetz
vom 11. Juli 1891 verteilten sich die Kosten der Unterbringung eines Gebrech¬
lichen auf Provinz, Kreis und Gemeinde. Eine Anstaltserziehung stand da¬
durch jedem Blinden offen. Fast wäre bereits 1891 erreicht worden, daß
blinde Kinder, für die auch der allgemeine Schulzwang galt, in beson¬
deren Schulen unterrichtet und, falls notwendig, als Internatsschüler
in Blindenanstalten untergebracht werden müßten. Aber erst am 1. April
1912 trat in Preußen das ,, Gesetz über die Beschulung blinder und taub¬
stummer Kinder“ in Kraft. Z e u n e s Ziel, allen blinden Kindern eine
Beschulung zuteil werden zu lassen, war damit erreicht.
Die zweite Forderung von Zeune, daß der Staat das Fortkommen der
Blinden fördere, konnte erst viel später verwirklicht werden.
Unter Wulff (1883 1897) wurde das Bemühen um ,, nachgehende Für¬
sorge“ sehr intensiviert.
Wulff erstrebte die „wirtschaftliche Selbständigkeit der Blinden“ und
gründete deshalb im Oktober 1886, 80 Jahre nach der Anstaltsgründung
durch Zeune, den „Verein zur Beförderung der wirtschaftlichen Selb¬
ständigkeit der Blinden“. Aber erst mit der gesetzlichen Gewährung eines
Pflegegeldes für alle Blinden15) in Verbindung mit der gesetzlich geregelten
Unterbringung Schwerstbeschädigter in Betrieben 16) kann diese Forderung
Z e u n e s , daß der Staat das Fortkommen der Blinden fördere, als erfüllt
betrachtet werden.
15) Im Land Berlin wird nach Gesetz vom 4. August 1954 Pflegegeld für alle Blinden
vom 16. Lebensjahre an gewährt.
16) Schwerbeschädigtengesetz vom Juni 1953.
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Zu Beginn der Blindenbildung wurde den Schülern eine Ausbildungszeit in
der Anstalt für 3 bis 6 Jahre zugesichert. Die Eltern mußten sich schriftlich
verpflichten, ihr Kind nach Ablauf dieser Zeit zu sich zurückzunehmen.
Während der Ausbildungsjahre sollten im blinden Kinde die geistigen An¬
lagen entfaltet werden, es sollte außerdem im Handwerk derart ausgebildet
sein, daß es darin eine Existenz finden könnte, und dazu sollte es auch in der
Musik geübt sein. Eine „gute Allgemeinbildung“ in dem Sinne, daß der
Mensch durch sie befähigt ist, sich in jeder Lebenssituation zurechtzufinden
und im Daseinskampf zu bestehen, kann in solch kurzer Schulzeit nie erreicht
werden, weder bei Sehenden, noch viel weniger bei Blinden. R o e s n e r
(1872 — 1883) schuf die äußeren Voraussetzungen für eine erweiterte, gründ¬
lichere Ausbildung: Unter seiner Leitung wurde die Anstalt 1877 aus der
Berliner Innenstadt nach Steglitz verlegt. Die Anstalt war 1806 in Miet¬
räumen in der Gipsstraße 11, dann in der Alexanderstraße unter gebracht.
1812 wurde ihr ein ehemaliges Militärlazarett auf dem Georgenkirchhof
angewiesen. 1838 kaufte Zeune das Haus der „Plamann’schen Erziehungs¬
anstalt“ in der Wilhelmstraße 139. Die Mittel dazu waren durch die v.
Rothenburg - Erbschaft vorhanden. Der Rittmeister a. D. Freiherr
von Rothenburg vermachte der Blindenanstalt sein ganzes Vermögen
von etwa 88 000 Talern 17). 1874 konnte Roesner aus diesem Ver¬
mächtnis das 1,75 ha große Gelände in Steglitz kaufen und bebauen. In
den neuen Gebäuden war Raum genug vorhanden, um eine schärfere Tren¬
nung der Berufs- und Schulbildung durchzuführen, wobei dem eigentlichen
Schulunterricht ein stärkeres Gewicht beigelegt wurde. Roesner er¬
strebte das Niveau einer ,, gehobenen Volksschule“. Seine Schule umfaßte
vier äufsteigende Klassen. Er gab das erste Lesebuch für Blinde in Linien¬
schrift heraus und ließ auch das erste deutsche Punktschriftbuch, den 2. Band
der Gedichte von Schiller, drucken. Auf seine Veranlassung stellte ein Buch¬
drucker die erste geographische Papierkarte, eine Flußkarte von Deutsch¬
land her. Sein Nachfolger. W ul ff baute die Schule weiter aus: Eine Vor¬
schule für die 5 bis 9jährigen sowie eine Hilfsklasse für die Schwach¬
begabten wurden eingerichtet. Die Schule wurde später noch stärker ge¬
gliedert. Neue Unterrichtsgegenstände wurden in den Lehrplan auf genommen.
Der Ruf nach einer „Pädagogik vom Kinde aus“ fand auch in der Blinden¬
anstalt Widerhall. Die Bedeutung von Friedrich F r o e b e 1 für die Blinden¬
schule wurde erkannt. Man hob hervor, daß es die Hauptaufgabe des Unter¬
richts sei, produktive Kräfte im Kinde zu wecken. Man begann, sich mit den
psychologischen Problemen des Blindenunterrichtes auseinanderzusetzen und
das pädagogische Tun entsprechend auszurichten.
Einen „Neuen Schwung“ erlebte der Blindenunterricht bei Zeune durch
Heranziehen „gedruckter Bücher“. Zeune zählt im „Beiisar“ alle im
Hochdruck erschienenen Bücher auf18).
1832 gründete er an seiner Anstalt eine Druckerei. In Berlin wurden „ein
deütsches Sprachthum, eine deütsche Leselehre, eine deütsche Geschichte,
17) Zeune: Beiisar, a. a. O., S. 76.
18) Zeune: Beiisar, a a. O., S. 88.
20
eine Weltgeschichte, eine Naturbeschreibung, eine christliche Sittens- und
Glaubenslehre in zwei Quartbänden und eine Erdkunde in vier Quartbänden“
gedruckt. Einige dieser Werke sind im Museum der Blindenbildungsanstalt
\orhanden. Unter den Nachfolgern von Z eune wurde die Druckerei zum
Teil als Anstalts-, zum Teil als Privatdruckerei weitergeführt. 1899 wurde
sie auf Punktschriftdruck umgestellt. Die ersten Werke waren ein „Jugend¬
album für Klavier“ und „Ergänzungen zum Brailleschen Musikschriftsystem
mit Beispielen . Bücher, Wochen- und Monatszeitschriften verbreiteten sich
von hier aus und gaben den blinden Lesern „neuen Schwung“.
Z e u n e meinte, daß eine rein geistige Ausbildung im allgemeinen nicht
zur Sicherung einer Existenz führen könnte. Die Erfolge seiner Nachfolger
beweisen aber, daß dem Blinden bei entsprechendem Unterricht auch auf
geistigem Gebiete die Berufe offenstehen, die nicht vorwiegend auf optischer
Leistung aufgebaut sind.
Die Frage nach der Ausbildung von Blindenlehrern war bei Z e u n e ein¬
fach gelöst: Der Blindenlehrerkandidat hospitierte in verschiedenen An¬
stalten oder auch nur in einer einzigen und ließ sich vom „Meister“
praktisch in die Unterrichtskunst einführen. Häufig waren Seminaristen bei
Zeune, die auf diese Weise einen Eindruck vom Unterricht Blinder ge¬
wannen. Sie sollten ihre Erfahrungen dann auswerten, wenn sich in ihrer
Dorfschule einmal ein blindes Kind befände. Zeune schlug sogar vor,
daß jeder Seminarist in Preußen vorübergehend in einer Blindenschule prak¬
tizieren sollte. Seit 1886 fanden in Steglitz auf Staatskosten 1 bis 2jährige
\ orbereitungskurse zur Ausbildung von Blindenlehrern statt. Beim 8. Blin¬
denlehrerkongreß 1895 in München wurde ein Antrag eingebracht, Blinden¬
lehrer-Prüfungen abzuhalten. Es wurde heftig dagegen protestiert, weil man
befürchtete, daß Lehrer in die Anstalten hineinkämen, „die immer am Tische
sitzen und theoretisch arbeiten. Ich will praktische Leute mit gutem Urteil
haben. Das kann man in der Regel nicht in der Prüfung feststellen, und
wir werden auf solche Weise keine so guten Blindenerzieher bekommen, wie
wir sie haben“19).
1900 legte Sizeranne einen „Entwurf zur Prüfungs- Ordnung für
Blindenlehrer" vor. Die erste Prüfung fand am 13. Oktober 1913 in Berlin-
Steglitz statt. '
Im Laufe der Jahrzehnte hatten sich die Lehr- und Lernmittel im Blinden¬
unterricht gewandelt. Man begann, sich auf den Anfang zurückzubesinnen
und die Arbeitsmittel der ersten Blindenlehrer als historisch, darum wert¬
voll zu sammeln. In Paris wurde 1887 ein Museum eröffnet, in welchem in
ziemlicher Vollständigkeit „alle, bisher zum Gebrauch für Blinde erfundenen
Gegenstände vorhanden waren20). 1890 wurde das Blindenmuseum in
Berlin -Steglitz angelegt. Bei der 100-Jahr-Feier 1906 waren die Samm¬
lungen so umfangreich, daß sie in einem eigenen Gebäude untergebracht
wurden.
19) Büttner, in Kgr. Ber. 1895, S. 147.
20) Blfrd. 1887, S. 52.
21
Wie schon zu Z e u n e s Zeiten nahmen die Behörden und die Öffentlich¬
keit stets Anteil an der Arbeit in der Blindenanstalt. Das beweisen die
Fremdenbücher und die Berichte von den Anstaltsfesten. Es waren besondere
Tage, wenn Glieder der kaiserlichen Familie der Anstalt einen Besuch ab-
statteten oder sich die Arbeiten Blinder vorlegen ließen. Z e u n e war er¬
füllt von väterlichem Stolz, als er in einem königlichen Schreiben Anerken¬
nung für seine Zöglinge Engel und G r o t h e fand. Ebenso stolz wird
sein Nachfolger Matthies (1898 — 1920) gewesen sein, als er Kaiser
Wilhelm II. die für die Weltausstellung in St. Louis (1904) bestimmten
Lehr- und Lernmittel zeigen durfte, die die äußeren Einrichtungen und
den inneren Betrieb der Anstalt und damit zugleich den gegenwärtigen Stand
des deutschen Blindenwesens veranschaulichen sollten.
Unter der wohlwollenden Aufsicht der staatlichen Behörden entfaltete sich
aus kleinsten Anfängen die Anstalt von Johann August Z e u n e. Seine
Ideen, Wünsche und Hoffnungen wirkten über Jahrzehnte hinaus. Doch dem
ruhigen Weitergedeihen seines Werkes wurden durch äußere Einwirkungen
Halt geboten. Schon unter Z e u n e drohte der Anstalt durch politische
Ereignisse der Ruin. Z e u n e konnte der finanziellen Not durch Einsatz
seines eigenen Vermögens entgegentreten. Die Schwierigkeiten, die durch
die beiden Weltkriege über die Blindenbildungsanstalt kamen, waren durch
den persönlichen Einsatz eines einzelnen nicht zu meistern. Der erste Welt¬
krieg mit seinen vielen Kriegsblinden brachte der Anstalt neue Aufgaben,
die gelöst werden mußten. Der zweite Weltkrieg hinterließ ein Chaos, innen
und außen, von dem man kaum glaubte, daß es je wieder zu ordnen sei.
Das Blindenbildungswesen erfuhr schon einmal durch die Kriegsfolgen neue
Impulse. In den Freiheitskriegen erblindeten über 500 preußische Krieger.
Die junge Berliner Anstalt nahm sich ihrer an. Z eun e nahm 10 Kriegs¬
blinde auf. Er bildete Werklehrer aus, die die kriegsblinden Soldaten unter¬
richten sollten, und er sammelte 27 000 Taler zur Errichtung von Kriegs¬
blindenanstalten. Um alle erblindeten Soldaten betreuen zu können, wurden
besondere Werkschulen eingerichtet mit der Bestimmung, so lange zu be¬
stehen, ,,bis alle erblindeten Krieger in nützlichen Handwerken unterrichtet
waren ) .
Aus der Breslauer Werkschule erwuchs die Schlesische Blindenanstalt. Auch
die Königsberger sollte bestehen bleiben, wofür sich besonders der Philosoph
und Kant-Schüler von B aczko einsetzte. Nach 18jährigem Bestehen ging
sie als Unterrichtsanstalt jedoch vorübergehend ein. Die Erfahrungen, die
im Umgang mit den erblindeten Freiheitskämpfern gewonnen wurden, konn¬
ten zugunsten aller Blinden ausgenutzt werden.
Die unvergleichlich höhere Zahl der erblindeten Soldaten des ersten Welt¬
krieges stellte die Blindenlehrer vor weitaus größere Aufgaben und Schwierig¬
keiten. Die Blindenanstalten reichten nicht aus, um allen Kriegsblinden eine
Einführung in die Blindentechniken und Berufsausbildung bzw. Umschulung
21) Zeune: Beiisar, a. a. O., S. 61.
22
zu gewähren. Manche Anregung und Unterstützung kam von außen. An
erster Stelle ist Silex zu nennen, der als Augenarzt engen Kontakt mit
den Erblindeten hatte und sich nicht nur um ihr physisches, sondern auch
um ihr psychisches Ergehen kümmerte. Er forderte „neue Wege in der
Kriegsblindenfürsorge . Da die Erträgnisse im Blindenhandwerk sehr be¬
scheiden waren und die blinden Arbeiter schwer um den Absatz ihrer
Waren ringen mußten, war Silex bestrebt, die Kriegsblinden möglichst
wenig in den üblichen Blinden -Handwerken auszubilden, sondern ihnen
neue Berufe zu erschließen. Er versuchte, jeden Erblindeten nach Möglichkeit
seinem ehemaligen Beruf wiederzuzuführen.
Schon beim 13. Blindenlehrerkongreß 1910 in Wien wurde die Frage auf¬
geworfen, ob die an den Blindenanstalten gelehrten Berufe noch lohnend
genug wären und wenn nicht, welche anderen Berufe in Betracht gezogen
werden könnten. Durch die fortschreitende Technisierung und Industriali¬
sierung wurde das Verlangen nach neuen Blindenberufen immer berechtigter.
Silex sah in der Industrie -Arbeit günstige Möglichkeiten. 1916 bildete
sich ein „Ausschuß zur Untersuchung der Arbeitsmöglichkeiten für Blinde“,
der sich um Klärung der Fragen bemühte: 1. Welche Arbeiten können
Blinde und Halbblinde dauernd leisten? 2. In welchem Verhältnis stehen
ihre Leistungen zu denen der Sehenden? 30 Betriebe erklärten sich bereit,
solche Versuche durchzuführen.
Seit der Erfindung der Punktschrift-Steno-Maschine durch Picht 1909
waren die technischen Voraussetzungen für die Tätigkeit Blinder in Büro¬
berufen geschaffen worden. Silex ließ einen Teil seiner Patienten als
Stenotypisten, Telefonisten und Aktenhefter ausbilden.
Die Frage nach einer „Höheren Lehranstalt für Blinde“, die schon seit
längerer Zeit die Blindenpädagogen beschäftigte, fand durch die Kriegs¬
blinden ihre Lösung. Bis dahin hatte man die Notwendigkeit einer solchen
abgelehnt, denn „man sollte den Blinden ihren Weg nicht zu leicht
machen“22). Man hörte auch immer wieder von Blinden, die ihre Matura
ablegten. Durch die Kriegsblinden war eine neue Situation gegeben. Sie
sollten ihren angefangenen Bildungsweg fortsetzen können. Wenn ihrer
Ausbildung durch die Errichtung einer besonderen „Höheren Lehranstalt
für Blinde Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt werden konnten,
„so ist es eine Ehrenpflicht . . . , ihnen eine solche Bildungsgelegenheit
zu schaffen ). Die Blindenstudienanstalt in Marburg/Lahn wurde am
31. März 1917 gegründet.
Die großen Schwierigkeiten und seelischen Nöte der kriegsblinden Soldaten
bewegten die Menschen sehr. Helen Keller schreibt darüber: „Sie
müssen das Leben ganz von vorn wieder anfangen in einer Welt, die ihnen
völlig fremd ist. Von neuem müssen sie anfangen zu arbeiten, ihr eigenes
Leben zu leben, wenn sie je wieder ein gewisses Maß von Freude und Seelen¬
frieden erlangen sollen. Ich kann nicht rasten, bis ich alles getan habe, was
22) Matthies: Das Blindenbildungswesen im deutschen Reich, Berlin 1904 S 452
23) Lembke, in Blfrd. 1916, S. 2.
23
ich kann, um sie auf richten zu helfen aus Elend und Verzweiflung“24). Sie
stellte die Einkünfte aus den deutschen Ausgaben ihrer Bücher zur Unter -
stützung der kriegsblinden deutschen Soldaten zur Verfügung. Durch das
Mitfühlen aller mit den Kriegsblinden wurden die Anteilnahme und das
Verständnis für die ganze Blindenarbeit verstärkt. Das, was für die Kriegs¬
blinden erreicht wurde, — vermehrte Arbeitsmöglichkeiten, Recht auf
Arbeit, Höhere Schulen, konnte später allen Blinden zuteil werden.
Neue Arbeitsplätze in Fabrik und Büro und die Höhere Schule für Blinde
mit akademischer Beratungsstelle und Hochschulbücherei waren das Resultat
aus den Aufgaben, die durch den ersten Weltkrieg an die Blinden -Anstalten
und Blindenfreunde gestellt waren. Daß diese Erfolge den Blinden erhalten
blieben, gepflegt und weiter gefördert wurden, war nunmehr Aufgabe der
Anstalten.
Die Zeit nach dem ersten Weltkrieg war fruchtbar in der pädagogischen
Forschung. Auch in der Blindenpädagogik und in der Blindenpsychologie
gab es einen bedeutenden Aufschwung. Es erschienen viele Schriften, die
sich mit Grundproblemen des Blindenwesens befaßten. In Steglitz war
es P eis er (1953 — 1939; 1945 — 1947), der mit psychologischen Abhand¬
lungen hervortrat. Seine wissenschaftliche Einstellung veranlaßte ihn, von
allen Blindenlehrern ein exaktes wissenschaftliches Bemühen zu fordern.
Er reformierte die Prüfungsordnung für Blindenlehrer von 1912 und er¬
reichte eine Akademisierung der Ausbildung. Er arbeitete in enger Ver¬
bindung mit der Friedrich-Wilhelm-Universität. In der Prüfungskommission
war von nun an ein Universitätsprofessor vertreten.
1926 war der Steglitzer Anstalt als einziger in Deutschland der Titel
,, Blindenlehrer-Bildungsanstalt“ zuerkannt worden.
Durch die Ereignisse des zweiten Weltkrieges wurde der weiterführenden
Arbeit im Blindenbildungswesen ein Ende gesetzt.
Die Steglitzer Anstalt litt schwer unter den Kriegseinwirkungen. Bei einem
Bombenangriff in der Nacht vom 25. August 1943 wurden fast alle Gebäude
getroffen und zum Teil stark beschädigt. Die Schule und der Werkstätten¬
betrieb mußten evakuiert werden. Die blinden Kinder und ihre Lehrer
fanden Aufnahme in der Blindenanstalt Aussig/Sudetenland. In den letzten
Kriegstagen — am 25. April 1945 — wurde das bis dahin noch nicht ge¬
troffene Vorschulgebäude durch Bomben zerstört.
Nach der Rückführung der Kinder aus der Evakuierung im Mai 1945 mußte
mit primitivsten Mitteln und auf engstem Raum die Arbeit aufgenommen
werden. Bereits 1946 begann man mit Bauarbeiten an der ehemaligen Vor¬
schule. Ein planvoller Wiederaufbau setzte nach der Übernahme der An¬
staltsleitung durch Jurczek (1. Juni 1948) ein.
24) Keller, in Blfrd. 1917, S. 63.
24
Die 1946/47 provisorisch, aufgebaute Vorschule mußte renoviert werden.
Sie diente zunächst gleichzeitig Schul-, Verwaltungs- und Internatszwecken.
Während der Berliner Blockade wurden das Werkstättenhaus und das ehe¬
malige Museumsgebäude wiederhergestellt. Die Bedeutung solcher Bau¬
arbeiten während der Blockade-Zeit kann nur der ermessen, der die Berliner
Situation zu dieser Zeit des Abgeschlossenseins und der Versorgung aus der
Luft kennengelernt hat. 1948 waren die Kellerräume des Hauptgebäudes,
in denen die Arbeitsbetriebe untergebracht waren, wegen Einsturzgefahr
baupolizeilich gesperrt worden. Im Januar 1949 konnten die blinden Hand¬
werker in ihr eigenes Werkstättenhaus einziehen.
Auch die Schule bekam im Juni 1949 eigene Bäume im ehemaligen
Museumsgebäude. Im oberen Stockwerk lagen die Klassenräume und der
Musiksaal, im Hochparterre die Punktschriftbücherei — sie ist in ihren
Räumen geblieben , die Museums- und Lehrerbücherei. Im Keller waren
die Unterrichtszimmer der Silex- Handelsschule (s. u.). Die Vorschule wurde
Mädchenhaus.
Der Wiederaufbau des Hauptgebäudes erfolgte in drei Bauabschnitten: Der
erste Abschnitt, am 9. Januar 1951 fertiggestellt, umfaßte den rechten
Flügel mit den Verwaltungsräumen, dem Knabeninternat, der Hausmeister¬
wohnung und den Räumen der Klavierstimmer-Ausbildung. Der zweite
Abschnitt mit den Klassen- und Fachräumen und der Aula wurde im Juli
1954 beendet. In den linken Flügel — letzte Bauetappe — konnte im De¬
zember 1955 das Mädcheninternat einziehen. Im Keller befinden sich weitere
Werkstättenräume. In der ehemaligen Vorschule liegt heute die Whhnung
des Anstaltsleiters. Außerdem soll dort für den Direktor -Stellvertreter eine
Wohnung eingerichtet werden. Die übrigen Räume sind für das Museum
vorgesehen. Die durch den Umzug der Schule freigewordenen Räume im
ehemaligen Museumsgebäude stehen heute der Silex-Handelsschule zur Ver¬
fügung. Im Keller befindet sich die Druckerei, die seit 1955 wieder im
Gange ist.
Dem äußeren Aufbau entsprechend sollte der innere Aufbau verlaufen.
Doch wieder wirkten äußere Geschehnisse hemmend ein. Bei der Spaltung
der Stadt Berlin in einen östlichen und westlichen Einflußbereich und der
Trennung aller Verwaltungsorgane drohte auch dem Blindenwesen Spaltung
und Zersplitterung. J u r c z e k erkannte, daß dies zum Nachteil aller
Blinden sein müßte. Er forderte darum energisch die Zentralisierung des
Blindenwesens in West-Berlin und erreichte die Zusammenlegung der „Silex-
Handelsschule für Blinde“25), die bis dahin der Wirtschaftsschule Kreuzberg
unterstand, mit der Blindenbildungsanstalt in Steglitz am 1. April 1949.
Ebenso wurden damals die Berufsschule für Blinde und die Klavierstimmer¬
ausbildung der Blindenbildungsanstalt angegliedert. Die Vereinigung aller
die Blindenbildung betreffenden Institutionen an einer zentral geleiteten
Stelle erwies sich in der Folgezeit als sehr glücklich.
25) Bergmann: Die Silex-Handelsschule für Blinde, Anhang zur Festschrift zum 150jäh-
rigen Jubiläum der Blindenbildungsanstalt Berlin-Steglitz, Berlin 1956.
25
Das Jahr 1950 brachte einen bedeutenden Einschnitt in den Schulbetrieb:
Im Osten wurde am 15. Dezember 1950 ein Gesetz herausgebracht, dem¬
zufolge der Besuch westlicher Schulen allen Schulpflichtigen untersagt ist.
Hatte die Blindenbildungsanstalt bis dahin bis zu 110 Schülern gehabt, so
mußten auf Grund dieses Gesetzes mehr als die Hälfte die Anstalt verlassen.
Die 7klassige Schule mit ihren 3 Berufsschulabteilungen wurde reduziert
auf eine 3klassige Grundschule mit einer Aufbauklasse und zwei Berufs -
schulabteilungen bei 47 Kindern. Die Anstalt erhielt durch diese Verände¬
rung vorwiegend Externatscharakter. Nur 12 Knaben und 16 Mädchen sind
zur Zeit im Internat untergebracht. Der Rückgang der Schülerzahl in den
letzten Jahren konnte jedoch den inneren Schulbetrieb nur am Rande be¬
rühren. Auch unter diesen erschwerenden Verhältnissen ist das Ziel der
Anstalt das ,, Niveau der gehobenen Volksschule“ geblieben.
Der Unterricht kann nach neuen Erkenntnissen pädagogischer Wissenschaft
erteilt werden. Durch den großzügigen Wiederaufbau sind die äußeren
Voraussetzungen dazu geschaffen worden. J u r c z e k legte größten Wert
auf die Ausgestaltung der Fachräume: Ein Werkraum, ein Raum für Lehr¬
mittelbau, ein Modellierzimmer, für welches die Aufstellung eines Brenn¬
ofens geplant ist, ein Physikraum, an dessen Arbeitstischen Gas-, Wasser-
und Elektroanschluß vorhanden sind, ein Turnsaal mit allen Turngeräten,
eine Lehrküche mit Kohle-, Gas- und Elektroherden sind nach ganz mo¬
dernen Gesichtspunkten eingerichtet worden.
Die Lehrmittelsammlung, die vollkommen vernichtet war, verfügt wieder
über eine ansehnliche Zahl schöner Anschauungsobjekte. Die Bestände der
Lehrer- und Schülerbücherei konnten ergänzt werden.
Ein seit langem gehegter Plan von J u r c z e k , ein Schullandheim für
blinde Kinder, soll in diesem Jahre verwirklicht werden: Auf einem Grund¬
stück in Berlin-Wannsee, direkt am Walde, unweit des Wassers, soll das
Heim errichtet werden.
Die Schäden, die der zweite Weltkrieg der Anstalt brachte, sind behoben.
Ein bedeutendes Werk, der Wiederaufbau, ist trotz schwerer Verhältnisse
gelungen. Der Anschluß an die Zeit ruhiger, friedlicher Arbeit, die durch
den Krieg und seine Folgen unterbrochen war, ist gefunden.
Über die Wünsche und kühnsten Hoffnungen des Anstaltsgründers Z eun e
hinausgehend, konnten die Blinden in den 150 Jahren der Blindenbildung dem
schrecklichen Los des Betteins entrissen und als vollgültige, gleichwertige
Mitglieder in die menschliche Gesellschaft eingereiht werden, mit gleichen
Rechten, aber auch gleichen Pflichten. Möge das Wort, das der Leiter
unserer Berliner Blindenbildungsanstalt, Direktor Dr. J u r c z e k , als Leit¬
wort für die Arbeit an den Blinden wählte, ein Trost und zugleich Aufgabe
und Lebensinhalt für alle Blinden sein:
In mente et labore lux!
26
Drei Schritte
in der Entwicklung des Blindenbildungsgedankens
Von Josef Bischofs, Blindenoberlehrer1)
Der Sinn der geschichtlichen Überschau.
Wo auch immer Fragen des Historisch-Pädagogischen gestellt werden, da
sehen wir uns in jedem Falle zwei Elementen gegenüber, von denen 'jede
Fragestellung ihrer Natur nach bestimmt sein muß: der historischen Tat¬
sache und dem pädagogischen Prinzip. Ohne den Maßstab des pädagogischen
Systems ist das Zeitgeschichtliche nicht überschaubar, ohne ihn bliebe der
wesentliche Sinn des Historisch-Pädagogischen unerfüllt: das geschichtlich
Bedeutsame vom Zufälligen zu lösen und es dadurch dem Fortschreiten des
pädagogischen Denkens dienstbar zu machen.
Niemals wäre es möglich, lediglich aus geschichtlichen Tatsachen fest¬
zustellen, ob unser pädagogisches Tun und schließlich unsere Theorie des
ädagogischen sich auf dem Wege des Fortschritts oder des Zurückgehens
befinden, ob sie in der Gefahr der Verarmung stehen oder an geistiger Klar¬
heit und an Zielgerichtheit reicher wurden. Erst der Maßstab der pädago¬
gischen Systematik bringt diese Fragen zur Beantwortung.
Wenn nun im folgenden 150 Jahre Blindenbildung überschaut werden
sollen,, so stehen wir vor einer so großen Fülle von Einzeltatsachen des
Historischen, daß wir von vornherein einer deutlichen Begrenzung und
einer klaren gedanklichen Ordnung bedürfen, falls wir überhaupt eine ver¬
bindliche Aussage zustande bringen wollen. Wir bedürfen dieses systema¬
tischen Maßstabes um so mehr, als bisher nur sehr wenige exakte Beiträge
zur Geschichte der Blindenbildung vorliegen und gerade diese wenigen
Beiträge notwendigerweise nur einen begrenzten historischen Ausschnitt
erfassen konnten.
Es erschien deshalb im Hinblick auf den vorliegenden Beitrag notwendig
und sinnvoll, abzusehen von allen konkreten Formen des Organisatorischen
(so wertvoll die daraus gewonnenen Gesichtspunkte auch sein können), ab¬
zusehen auch von lokalen Verhältnissen (also etwa der sächsischen, rhei-
x) Die folgende Abhandlung stützt sich ausschließlich auf Originalquellen der Geschichte
der Blmdenhildung. Die Auswertung wurde dem Verfasser möglich durch Auswahl
und Interpretation einer größeren geordneten Sammlung aller verfügbaren literari-
schen Quellen. Diese wurde im Rahmen des Ausbildungslehrganges für Blindenlehrer
an der Rheinischen Landes-Blindenbüdungsanstalt Düren von folgenden Herren zu¬
sammengestellt: Werner Bol dt, Soest; Helmut Gut kn echt, Hannover; Rolf
Horstmeyer, Hannover; Hans-Joachim Lenkeit, Berlin-Steglitz; Franz
Mersi, Ilvesheim. °
27
nischen, österreichischen Blindenbildung), von technischen Einzelheiten, be¬
sonderen Geprägtlieiten der jeweiligen Bildungsformen, aber auch von einer
spezifisch blindenpsychologischen Durchschau und Fundierung und als Kon¬
sequenz dessen wiederum auch abzusehen von allen Fragen der Unterrichts -
technik und Methode. Gerade dieses Weglassen des blindenpsychologischen
Gesichtspunktes birgt eine große Schwierigkeit in sich: die Blindenpsychologie
ist und war ja begründend für den speziellen Blindenunterricht. Unterricht
aber ist der konkrete Bereich, in dem sich Bildung vollzieht! Wird also nicht
durch das Weglassen des speziell Blindenpsychologischen jedes Gespräch über
Bildung Blinder gegenstandslos?
Die nachstehenden Ausführungen sollen beweisen, daß eine derartige Aus¬
grenzung der Blindenpsychologie weder unmöglich noch sinnlos zu sein
braucht. Ein solches Weglassen kann sogar zur theoretischen Klärung einmal
notwendig werden, und keinewegs wird damit die große Bedeutung der
Blindenpsychologie für den Unterricht und die Erziehung Blinder im ge¬
ringsten eingeschränkt. Es soll ja überhaupt der Gesichtspunkt des Wertes
und des Werfens gar nicht in Erscheinung treten.
Es gilt vielmehr, das Werden des Blindenbildungsgedankens in seinen ein¬
zelnen Phasen zu kennzeichnen. Dabei ist an den reinen Bildungsgedanken
gedacht, nicht unmittelbar an Ausbildung, nicht an Schule. Es kommt darauf
an, den jeweiligen Grad zu erfahren, der dem Blinden grundsätzlich zu-
erkannt wurde in bezug auf sein Gebildet- Werden im umfassenden Sinne
der Erziehung.
Wir stehen also vor der Frage, die einzelnen Stadien der Blindenbildung
einzuordnen in den Gesamt-Erziehungsprozeß, oder anders ausgedrückt:
Maß stab unserer Ehitersuchung ist schließlich die Allgemeinpädagogik , sind
die Ziele menschlicher Bildung. Die Blindenbildung bewegt sich ja in ihrer
letzten Zielsetzung auf die Allgemeinpädagogik hin, sie wird final von ihr
bestimmt. Und auf diesem Weg sind geschichtlich abgrenzbare Schritte
erkennbar, Entwicklungsschritte in der Theorie der Blindenbildung. Diese
Schritte werden erst von der Gegenwart her sichtbar, sie können erst aus
der ordnenden Rückschau formuliert werden, weil erst die Gegenwart das
pädagogische Prinzip in ihrer Theorie genannt hat: daß der Blinde als
Mensch in unausweichlichem Bezug steht zur Welt der Sehenden, von ihrer
Kultur mitbestimmt ist und deshalb ihrem Bildungsgeschehen unterliegt.
Allgemeinpädagogik und Blindenpädagogik haben schließlich das gleiche
Bildungsziel. Damit wird die Eigengesetzlichkeit des blindenpädagogischen
Prozesses keineswegs aufgehoben oder auch nur berührt. Im Gegenteil: die
Eigengesetzlichkeit, das besondere Geschehen der Blindenbildung, empfängt
erst vom Bildungsziel der Allgemeinpädagogik ihren Sinn.
Der Weg unserer Untersuchung ist damit vorgezeichnet: Das im Laufe von
150 Jahren immer wieder neu und anders formulierte Bildungsziel der
Blindenpädagogik — oder besser gesagt: zunächst der Blindenschule — soll
in seiner Aussage verstanden werden; dabei werden wir sowohl den Formu-
28
lierungen nachzugehen haben, die den ursprünglichen Persönlichkeits-
anspruch des Blinden auf Bildung nennen, als auch allen Gedanken,, die das
Verhältnis des Blinden zur Welt der Sehenden und entsprechend die Be¬
ziehung zwischen Blindenpädagogik und Allgemeinpädagogik kennzeichnen.
Nachdem wir diese Analyse des Erziehungszieles der Blindenbildung in ihren
einzelnen Stufen aufgezeigt haben, wäre es notwendig, sie am materialen
Umkreis der Bildung, also an den einzelnen Bildungsbereichen (soziale, reale,
ästhetische, religiöse Bildung usf.) in der Form eines Längsschnittes noch
einmal zu bestätigen und inhaltlich zu belegen. Da diese an sich sinnvolle
Ergänzung das Ausmaß der vorliegenden Abhandlung weit überschreiten
würde, kann sie in unserer Darstellung nicht ausgeführt werden.
Die Anregung, möglichst viele Quellen der Geschichte des Blindenwesens
in der hier angewandten Gliederung auszuwerten, entnahm ich einer Arbeit
von Aloys K r e m e r. In seinem Beitrag: ,,Der blindseinsgemäße didaktische
Dreischritt im Blindenunterricht“ 2) gibt Kremer den Hinweis, daß sich
die drei von ihm formulierten „Hauptglieder der Blindseinsgemäßheit“ auch
in der Geschichte der Blindenbildung seit dem Ende des 18. Jahrhunderts
aufweisen lassen. Kremer unterscheidet hier die „äußere“, die „innere“ und
die „pädagogische Eigenlage“ des blinden Schülers. Im Blindenunterricht
entsprechen diesen drei Gliedern die zugeordneten drei Schritte oder Stufen
der Blindseinsgemäßheit, die Kremer so formuliert: peripher , zentral ,
pädagogisch.
Nehmen wir den Dreischritt nun für unser Vorhaben zu Hilfe, so sei auch
hier noch einmal in dem von Kremer verstandenen Sinne darauf hingewiesen,
daß „peripher“ und „zentral“ keine W ertungen von pädagogischen Systemen
und Auffassungen, etwa von Klein oder Heller, darstellen sollen,
sondern lediglich wiederum als pädagogische Kriterien für den Entwicklungs¬
grad der Bildungsauffassung zu verstehen sind. Auch sei gesagt, daß gerade
in der geschichtlichen Wirklichkeit systematische Trennungslinien nicht im
generellen Sinne gezogen werden können. Es soll in den drei Schritten ledig¬
lich zum Ausdruck kommen, was das Kennzeichen eines in etwa geschlossenen
Zeitabschnittes ist und war, und es werden sich dabei tatsächlich die Stufen
und Schritte deutlich aufweisen lassen.
Die äußere Eigenlage des Blinden als Bestimmungsmerkmal
des Bildungszieles .
Es sei in unserem Zusammenhang darauf verzichtet, die historische Be¬
gründung der Blindenbildung im einzelnen aufzuzeigen. Bauers Schrift3),
die ausführlichste Quellenarbeit in der Geschichte der Blindenbildung, weist
die historischen Grundlagen der deutschen Blindenpädagogik deutlich auf.
Das pädagogische System von Klein findet eine eingehende Analyse.
2) Kremer: Pädagogiscche Rundschau Jg. 2, Heft 4 (April 1948); S. 159 IT.
3) Bauer: Johann Wilhelm Klein und die historischen Grundlagen der deutschen Blin-
denpädagogik, Bamberg 1926.
29
So beschränken wir uns zunächst darauf, das Bildungsziel von Klein und
seiner Zeit generell zu nennen. Die sich begründende Blindenbildung (1804)
ist vom Fürsorgegedanken noch kaum zu trennen, und wir werden uns weiter
unten mit dieser Berührungsebene von Fürsorge und Bildung noch zu be¬
fassen haben.
Bei Klein begegnet uns als Bildungsziel immer wieder die Formulierung:
bürgerliche Brauchbarkeit 4). Sie ist die Grundforderung an die Blinden¬
bildung. Durch angemessene Beschäftigung soll der Blinde zur „Erleichte¬
rung seines Zustandes“5) gelangen und dadurch „sich und den Seinigen
Trost und Beruhigung“6) geben. Ganz ähnlich sind die Worte, mit denen
Knie das von ihm erkannte Bildungsziel nennt: „Bildung zu verständigen
und für das bürgerliche Leben hinreichend unterrichteten Menschen“7), die
in der Lage sind, ihren Unterhalt selbst zu erwerben und „sich selbst und
den anderen etwas nütze werden“8). In fast gleicher Weise ist D u f a u zu
verstehen, wenn er es als Bildungsziel für den Blinden hinstellt, „der mensch¬
lichen Gesellschaft ein für sich selbst und andere nutzbar gemachtes Wesen
zurückzugeben“9 10) .
Z e u n e spricht bereits von einer „allgemeinen menschlichen Ausbil¬
dung“ ), zu der sich Fertigkeiten zur Erwerbsbefähigung gesellen sollen:
„Der Zweck der Erziehung bei den Blinden und bei Sehenden ist derselbe:
Entwicklung aller ihrer Kräfte; nur in Hinsicht der Art des Erziehens sind
bei jenen die übrigbleibenden Sinne desto mehr zu schärfen“. Dabei hält
Zeune „die Handarbeiten für sehr nötig; einmal weil sie das Getast aus¬
bilden, den Hauptstellvertreter des Gesichts; dann weil sie den Blinden
Quelle des Erwerbs werden können“ n).
Erwerbsfähigkeit und Selbständigkeit , bürgerliche Brauchbarkeit , Unab¬
hängigkeit — das sind die Grundgedanken, unter die sich auch alle weiteren
Aussprüche über das Bildungsziel ordnen lassen, ob wir die Gedanken von
Klar hinzunehmen, von Pablasek, Freudenberg, Scherer-
Hall, Ruppert und anderen. Eine deutliche Akzentverlagerung ist
nicht zu spüren.
Aus all diesen Zielsetzungen spricht der Grundcharakter des Sachlichen,
der Sorge um die soziale, praktische Eingliederung des Blinden in die bürger¬
liche Umwelt. Es ist in der Tat etwas, das an der Peripherie des blinden
Menschen geschieht — etwas notwendig Peripherisches. Dieser Grundzug
wird noch erhärtet, wenn wir einen Blick werfen auf die mannigfachen
Bildungsformulierungen dieser Zeit, in denen ausgesprochen oder imaus¬
gesprochen der Fürsorgegedi&nke deutlich zutage tritt.
4) Klein: Lehrbuch, 1819, Vorrede S. III.
5) Klein: Lehrbuch, 1819, Vorrede S. VI— VII.
6) Klein: Lehrbuch, S. 12.
7) Knie: Pädagogische Reise, 1837, S. 85.
8) Knie: Uber die Behandlung blinder Kinder, o. J., S. 31.
9) Dufau: Versuch über den - Zustand der Blindgeborenen, 1838, S. 103.
10) Zeune: Beiisar, 1838, S. 72.
-11) Zeune, zitiert nach Blindenfreund 1904, S. 104.
30
Das ist der Kall, wenn Klein und Z e u n e als Anschluß an die Erziehungs¬
anstalt eine weitere Anstalt fordern, durch die das Unglück des Blinden
erleichtert und seine Fähigkeiten und Kräfte sinnvoll verwendet werden
sollen. Klein versteht diese Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt als den
„Schlußstein des schützenden Gewölbes . . . unter welchem die armen
Blinden ein sicheres Asyl vor den Gefahren finden, denen sie auf den
finsteren Wegen der für sie fremden Welt ausgesetzt sind“ 12). In ähnlicher
Weise ist Z e un e der Meinung, daß den Blinden in der Versorgungsanstalt
„ein besseres leibliches Dasein gewährt wird, insofern selbige von den Stö¬
rungen sehender Menschen entfernt leben“.
Auch D u f a u spricht in diesem Sinne von dem Recht des Blinden, Gegen¬
stand der „gesellschaftlichen Wohltätigkeit“ zu werden, und von dem Zweck
der Erziehung zur Höflichkeit, der darin bestehe, „Merkmale von Theil-
nahme und eine nützliche Gönnerschaft zu erlangen“ 13).
Libanski erkennt die pädagogische Zeittendenz nach Unabhängigkeit
und Selbständigkeit an, hält ihr aber eine zweite Pflicht entgegen: den
Blinden lebenslänglich in einer Anstalt zu versorgen. — In ähnlicher Weise
fordert Moldenhawer Fürsorge für weibliche Blinde, kommt Rup -
p e r t bei der Auseinandersetzung mit den drei möglichen Formen der
Blindenbildung dem technischen, dem intellektuellen, dem philantro-
pischen Prinzip zu der Auffassung, das philantropische Prinzip der
lebenslänglichen Versorgung sei das erstrebenswerteste.
Pflege und Unterricht , Erziehung und Versorgung gehen Hand in Hand,
und sie werden in dieser notwendigen Verbindung gefordert. Fürsorge er¬
gänzt das Bildungsbemühen. Aber es ist eine Fürsorge aus der praktischen
Not der Zeit heraus, aus der Sorge um das Nahziel, das es zu erreichen gilt:
der sozialen Behauptung des Blinden. Man weiß noch keinen anderen Weg,
auf dem die einmal begonnenen Bildungsbemühungen gewahrt und fort¬
geführt werden können. Aber man sucht eine andere Vervollkommnung und
Erfüllung des Bildungsgedankens. Ruppert erhofft sie z. B. von der
Familie, die allerdings dieser Aufgabe „noch nicht gewachsen“ ist.
Daß dieser Ansatz zum eigentlich Pädagogischen ideell vorhanden ist, wird
nachweisbar, wenn wir einen Blick auf die Quellen werfen, die über das ge¬
dachte Verhältnis des Blinden zur Welt der Sehenden aussagen. Zwar finden
wir noch viele Belege, die auf eine Isolierung hinzielen und insofern den
oben ausgeführten Fürsorgegedanken erhärten, so etwa Klein : „Man
führe Blinde nicht viel unter Fremde". „Große Gesellschaften, öffentliche
Orte sind nicht für sie . . .“14). — Der Blinde „taugt nicht zum Verkehr
und zur gemeinschaftlichen Beschäftigung mit Sehenden“15). Es ist die „für
ihn nicht passende sehende Welt"16). Ähnlich spricht Freudenberg
es aus.
12) Klein: Uber das Verhältnis des Blinden zu der ihn umgebenden Welt, 1850, S. 11.
13) Dufau: Versuch über den . . . 1859, S. 11.
14) Klein: Lehrbuch, 1819, S. 42.
15) Klein: Beschreibung eines gelungenen Versuchs . . . 1822, S. 44.
16) Klein: Ebenda, S. 44/45.
31
Aber wir finden gleichzeitig Hinweise, die über das Konkrete, Zeitnotwendige
hinausweisen, wenn wiederum Klein den Blinden durch die Arbeit sich
neben den Sehenden stellen sieht, wenn er fordert, man solle den Blinden
wie einen Sehenden behandeln und ihn nicht an seine Verschiedenheit er¬
innern, wenn er davon spricht, daß der Blinde den Sehenden braucht, damit
er „manchen Anstoß und manche schmerzhafte Erinnerung an seinen Zu¬
stand“17) sich erspare. — Und Freudenberg möchte, daß der Blinde die
Sitten und Gebräuche „beim Umgang mit anderen“18) kennenlerne. Er bezeich¬
net es sogar als die Bestimmung des Blinden wie die jedes Menschen, „sich an
die menschliche Gesellschaft anzureihen“19). Sie sollen „nach dem Willen
Gottes, der sie unter die Menschen setzte, mit denselben immer in Berührung
gebracht werden“20). Und wenn Freudenberg durch den Umgang mit den
Sehenden das Urteilsvermögen des Blinden wachsen und das Mißtrauen
schwinden sieht, so spricht er damit im Grunde Gedanken aus, die bereits
über die Stufe der peripherischen Blindseinsgemäßheit hinausreichen in die
zentrale Blindseinsgemäßheit, die bei Simon Heller Glied des intentionalen
pädagogischen Prozesses wird.
Als weiterer Ordnungsgesichtspunkt drängen sich Kennzeichnungen auf,
die den ideellen Anspruch des Blinden auf Bildung und die ideelle Notwen¬
digkeit einer Blindenbildung zur Sprache bringen. Sie machen die Bildungs¬
struktur der Gründungszeit noch klarer und deutlicher, weil sie bewußt vom
konkreten Gebot der Stunde wegsehen auf das gedachte Ziel hin. Wenn
Klein davon spricht, daß „jedes vernünftige Wesen auf die Entwicklung
und Ausbildung der in ihm liegenden Fähigkeiten gerechten Anspruch
hat . . . “ ), wenn er dem blinden Kind eine „seinen Talenten angemessene
Ausbildung und Unterricht“ grundsätzlich zuerkennt, wenn Freudenberg
sogar sagt, der Blinde sei Mensch und besitze gleiche Rechte wie der Sehende,
wenn Scherer und Hall diese Forderung noch verstärken durch den
Ruf nach der „vollkommenen Würdigung“22) des Rechtes und der Pflicht
zur Bildung und Erziehung Blinder und wenn schließlich Moldenhawer
aus den beiden Gliedern, der Bildungsfähigkeit und der Erwerbsfähigkeit, den
Anspruch des Blinden auf Bildung ableitet, dann ist der ideelle Ring zu
Simon Heller (1880) und damit zur zentralen Stufe der Blindseinsgemä߬
heit geschlossen, dann ist Hellers Forderung nur noch eine Bestätigung des
bereits Gedachten und Gewollten: daß der Blinde ein „unveräußerliches
Recht“ auf Bildung besitze, einen Anspruch, „die ihm von Gott geschenkten
wunderbaren Kräfte und Anlagen zur Gestaltung eines edlen Menschentums
auszubilden“23).
17) Klein: Lehrbuch, 1819, Vorrede, S. V.
18) Freudenberg: Gründliche Hülfe für Blinde . . . 1848, S. 7.
19) Ebenda, S. 12/13.
20) Ebenda, S. 50/51.
21) Klein: Lehrbuch, 1819, S. 12/13.
22) Scherer/Hall: Die Zukunft der Blinden, 1852, S. 10.
S. Heller: Blindenfreund 7 und 8, 1892, S. 99.
32
Suchen wir nun noch einen Bereich, der den bisher gewonnenen Aufriß
bestätigt, so scheint er nirgendwo besser auffindbar als in den Gedanken,
die das Verhältnis der sich begründenden Blindenpädagogik zur Allgemein¬
pädagogik kennzeichnen.
Die historisch erste Sorge mußte dem Unterricht gelten. Bauer hat uns
in seiner o. a. Schrift Aufschluß gegeben über die Beziehung Kleins zu
Pestalozzi. Sie betrifft weitgehend die U'nXexTichX.smethode Pestalozzis,
die ,,ganz auf die Natur und die allmähliche Entwicklung des menschlichen
Geistes“24) gegründet ist. Knie bestätigt uns den Wert dieser Methode für
den Blindenunterricht ausdrücklich.
Aber der allgemeinpädagogische Einfluß reicht noch tiefer. Wir verdanken
ihm schließlich einen bedeutenden Impuls für das pädagogische Struktur¬
werden der Blindenbildung: Durch das Anwachsen der allgemeinen Volks¬
bildung ,,ist auch die Kluft zwischen dem Wissen und dem Können der Voll¬
sinnigen und der unter ihnen lebenden Blinden“25) größer und spürbarer
geworden. Die Idee des Philantropischen soll diese Lücke schließen. —
D u f a u und R u p p e r t sprechen beiden Formen des Pädagogischen
Gleichheit im Zweck, Verschiedenheit nur in den Mitteln zu.
Als die weitestgehende Formulierung dieser Zeit kann die von Pablasek
angesehen werden. Er spricht von dem großen moralischen Wert der allge¬
meinen Bildung für den Blinden. Sie werde für ihn zur „lautersten Quelle
irdischen Glückes“26), sie lasse ihn seine eigene Bildungsfähigkeit , sein
eigenes Bildungsziel erfahren, führe ihn zu dem Gefühl, nicht mehr ab¬
hängige s, sondern nützliches Glied der Gesellschaft zu sein, lasse ihn sich
selbst in steigendem Maße als Persönlichkeit erleben und ihn so zum Dienst
an seiner Umgebung kommen.
In diesem Gedanken liegt bereits eine relativ vollkommene Bildungsstruktur
der „ersten Stufe“ ausgesprochen. Sie ist gedachte, noch nicht ins Werk
gesetzte Bildungsstruktur. Zur Konkretisierung bedurfte es eines entschei¬
denden historischen Schrittes, der in der Folgezeit unter Führung Simon
Hellers vollzogen wurde.
Die Entdeckung der inneren Eigenlage des Blinden und die
Begründung einer speziellen Blindenpädagogik.
Bemüht man sich um eine Überschau der Literatur des nächsten, in etwa
geschlossenen Zeitabschnittes der Blindenbildung (etwa von 1880 bis 1920),
so findet man als kennzeichnendes Merkmal die Begründung einer speziellen
Blindenpsychologie. Simon und Theodor Heller ragen dabei aus einer
Anzahl von Autoren hervor. Ihr psychologischer Beitrag soll an anderer
Stelle ausgeführt werden. Für unseren Zusammenhang sind die pädago-
24) Klein: Beschreibung eines gelungenen Versuchs . . . 1822, S. 10.
25) Knie: Pädagogische Reise, 1837, S. 274/275.
26) Pablasek: Die Fürsorge für die Blinden, 1867, S. 153.
83
gischen Konsequenzen dieser Forschungsarbeit wesentlich. Und diese sind
außerordentlich bedeutend.
i
Es sei mir der Versuch gestattet, unter Begrenzung auf das Werk von
Simon Heller die neue blindenpädagogische Struktur zu skizzieren.
Wir können sie grundsätzlich als zentrale Struktur im Hinblick auf die
Blindseinsgemäßheit kennzeichnen. Manches bereits in der ersten Stufe Ge¬
dachte und Ausgesprochene erhält jetzt eine konkrete Form dadurch, daß die
Psychologie die inneren Eigengesetzlichkeiten des Blinden zu entdecken, zu
ei forschen und vor allem für die Blindenpädagogik auszuwerten beginnt.
Das Ergebnis ist ein in sich geschlossener, spezifischer Aufriß des blinden¬
pädagogischen Geschehens.
Dieser spezielle Charakter der eigengesetzlichen, vom Blindenpsychologischen
fundieiten Blindenpädagogik ist so sehr formend, daß wir alle in der ersten
Stufe angewandten Ordnungsgesichtspunkte (Verhältnis zur Welt der Se¬
henden, Anspruch auf Bildung, Blindenpädagogik und Allgemeinpädagogik,
Bildungsziel) jetzt in einem anderen logischen Verhältnis zu sehen haben:
Zwar sind alle vorhanden und auffindbar, jetzt aber eindeutig geordnet und
bestimmt von den besonderen Bedingungen der Blindenpsyche. So ist es not¬
wendig, die Eigengesetzlichkeit der Blindenpädagogik im Sinne Hellers
aufzuzeigen, um von ihr aus auch die anderen zum Teil schon bekannten
Ordnungsmomente zu verstehen.
Vor allem ist bemerkenswert, daß sich bei Heller zunächst eine Abkehr von
dem bisher relativ unkritisch ausgesprochenen Gedanken vollzieht, Blinden -
Pädagogik sei im Grunde ein Zweig der Allgemeinpädagogik mit peripheren
Abweichungen. Die wesentliche Unterscheidung, die er trifft, liegt vielmehr
darin, ,,daß die psychologische Grundlage der Blindenpädagogik in mehr¬
facher Beziehung eine abweichende ist“27). — „Wir müssen in das Innere,
in die Seele des blinden Kindes eindringen . . . Unsere Aufgabe ist also eine
spezifische, welche auch besondere und eigenartige Einrichtungen er¬
fordert“28). Jeglicher Erscheinung in der Entwicklung des Blinden haben wir
unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden, um so „geeignete Mittel für die Blin¬
denbildung zu gewinnen“29).
Unter den Kriterien dieser Eigengesetzlichkeit wird Blindenpädagogik zur
Heilpädagogik. Das blinde Kind bedarf mancher Dinge, deren vollsinnige
Kinder nicht bedürfen, so ,,wie die Bedürfnisse eines kranken Menschen von
denen des gesunden wesentlich verschieden sind“30). Es fällt das Wort von
der , :aus gleichenden Erziehung, welche den Blinden zu einem harmonischen
Zusammenleben mit dem Sehenden befähigen“31) soll. So haben wir durch
die Blindenpädagogik „den Endzweck aller heilpädagogischen Bestrebun-
27) S. Heller: VI. Kongreßbericht, 1888, S. 100.
28) S. Heller: 1. österreichischer Blindenlehrer-Tag, 1889 S. 58.
") S. Heller: V. Kongreßbericht, 1885, S. 132.
30) S. Heller: 1. österreichischer Blindenlehrer-Tag, 1889, S. 58.
31) Ebenda.
34
gen“32) zu erreichen. Unsere Aufgabe ist Korrektur einer „Abnormität . . . ,
welche sowohl in der Natur des blinden Kindes als auch in der Richtung
begründet ist, welche seiner geistigen Entwicklung gegeben wird“33). —
Hier sind deutlich die Formulierungen vorgezeichnet, die Krem er später
ausspricht, wenn er Blindsein ein „Faktum“ und ein „Fadens“ nennt und
„Tendenzen“34) im Seelenleben des Blinden herausstellt, von denen die
zentrale Blindseinsgemäßheit des pädagogischen Tuns bestimmt wird.
Diese Ausnahmestellung des Blinden ist nach Heller außer vom Psycho¬
logischen auch vom Sozialen bestimmt, und zwar durch die „Gegensätze,
welche sich im Leben zwischen den Blinden und den Sehenden heraus¬
bilden“35). Auch darin ist eine bis heute gültige Akzentuierung und Kenn¬
zeichnung der Blindenpädagogik ausgesprochen. Es sei nur hingewiesen auf
die von K r e m e r formulierte Konstituante des „Eingewiesenseins in die
Welt der Sehenden“36) und den unausweichlichen „Visualisationsbezug“, der
im Sinne von P e t z e 1 1 das eigentlich pädagogische Moment in der Blinden¬
bildung darstellt.
Unter diesem Ordnungsgesichtspunkt der heilpädagogischen Eigengesetzlich¬
keit gewinnt der Gedanke des Bildungs<znspmcAs des Blinden insofern einen
neuen Akzent, als Heller nicht nur den menschlichen Bildungsanspruch
des Blinden schlechthin stellt, sondern im pädagogischen Geschehen einen
Ausgleich für die „psychische Unzulänglichkeit“ fordert, welcher durch
„erhöhte Intensität geistigen Schaffens“37) gegeben werden soll.
Auch die Frage der Abgrenzung von Bildung und Fürsorge , die auf der
ersten Stufe noch nicht gelöst werden konnte, klärt sich unter dem so
dringend gewordenen Bildungsanspruch fast von selbst. Die Fürsorge hat nur
noch „Übergangsstadium“ zu sein zwischen der einstigen „vollständigen
Passivität . . . und jener freien Selbstbestimmungsfähigkeit ... in dem
Kreise der wirkenden Menschheit“38). Die Notwendigkeit der Fürsorge wird
dadurch beschränkt und überwunden, daß „Erziehung und Unterricht die
Bildungselemente des Blinden vollständig in Anspruch nehmen“39).
Blicken wir nun auf die sehr große Zahl von Formulierungen Hellers,
die das BildungsziW im eigentlichen Sinne betreffen, so stehen wir deutlich
zwei Gruppen gegenüber, bei denen wir zunächst gewisse Widersprüche fest¬
zustellen glauben. Der Widerspruch erweist sich jedoch als ein nur schein¬
barer. Die erste Gruppe nämlich ist wiederum unmittelbar aus dem oben
dargelegten Gedanken der Eigengesetzlichkeiten der Blindenpsyche zu ver¬
stehen und aus einer zeitbefangenen Tendenz, diese Eigengesetzlichkeiten
32) S. Heller: IX. Kongreßbericht, 1898, S. 55.
33) S. Heller: IV. Kongreßbericht, 1882, S. 115/116.
34) A. Kremer: Über den Einfluß . . . Düren 1953.
35) S. Heller: IX. Kongreßbericht, 1898, S. 56.
36) A. Kremer: Uber den Einfluß . . . Düren 1933.
37) S. Heller: V. Kongreßbericht, 1885, S. 131.
38) S. Heller: VIII. Kongreßbericht, 1895, S. 203.
39) Ebenda.
35
(Passivität, Neigung zum Abstrakten, Hemmnisse auf dem Weg in die Welt
der Sehenden) derart überzubewerten und sie in der Praxis als derart schwer
überwindbar anzusehen, daß Heller zu einer Forderung nach Beschrän¬
kung im Umkreis des Bildungszieles kommen mußte. Hier liegt eine Parallele
vor zu der Verkettung von Bildung und Fürsorge in der konkreten pädago¬
gischen Struktur der Zeit Kleins und Z e u n e s.
Die zweite Gruppe von Formulierungen des Bildungszieles ist ideell be¬
stimmt. Sie weist — wiederum ähnlich der ersten Stufe und im unmittel¬
baren Anschluß an sie — über die Zeitgebundenheit hinaus in die gültige
Idee des Blindenpädagogischen. Schließen wir (da der Umfang dieser Arbeit
weitere Bestätigungen im Bereich des Unterrichtlichen und des inhaltlichen
Umkreises der Bildung nicht zuläßt) den kurzen Blick auf die pädagogische
Struktur des Lebenswerkes Simon Hellers ab, indem wir einige kenn¬
zeichnende Belege für die beiden verschieden akzentuierten Bildungsziele
auswählen :
Heller fordert, ,,auf unserem Arbeitsfelde jene Beschränkungen anzu¬
erkennen, welche unabänderliche Konsequenzen der Blindheit sind“ und
nicht „künstliche Behelfe“ für das zu suchen, „was die Natur versagt hat“40).
Wir sollten unsere Schüler nicht „über das gewöhnliche Maß hinaus“ führen,
sondern „ein streng abgegrenztes Wissensgebiet“41) zum Inhalt der Bildung
erheben, aber „innerhalb dieser Grenzen ein eigenartiges Leben zu gestalten“
versuchen, welches „die Bedingungen des Glücks durch Schaffensfreudigkeit
und innere Befriedigung“4^) erzeugt. Aus dieser Erkenntnis soll der Grund¬
satz, der Blinde sei dem Sehenden möglichst zu nähern, nur insoweit erfüllt
werden, „als er nicht in Widerspruch tritt zu dem bedeutungsvollen Prinzip:
Der Blinde ist für seine eigene Welt zu bilden“43).
Ideell und vom Wesen des Pädagogischen bestimmt ist das Bildungsziel von
Heller, wenn er folgende Formulierung nennt:
1. „Ausgestaltung der Persönlichkeit . . .“
2. „Freie Selbstbestimmungs- und Leistungsfähigkeit“
3. „Empfänglichkeit für alles, was wahrhaft gut und edel ist“44).
Bedeutend ist auch der Gedanke, daß die Blindenbildung befähigt ist, „das
lichtberaubte Kind mit seinem Geschicke auszusöhnen . . . “ und es mit einem
reichen inneren Besitz „in die Gemeinschaft der nützlich wirkendeii Mensch¬
heit, welche ihm sein Gebrechen verschlossen hat, wieder zurückzu¬
führen ,..“45).
So kann man schließlich ein Wort Hellers als charakterisierend hin¬
stellen für das blindenpädagogische Ziel seiner Zeit:
„Besiegung des Unglücks durch die Liebe und die Lehre!“46).
40) S. Heller: XII. Kongreßbericht, 1907, S. 283.
41) S. Heller: V. Kongreßbericht, 1885, S. 133.
42) Ebenda, S. 131.
43) S. Heller: IV. Kongreßbericht, 1882, S. 120.
44) S. Heller: XII. Kongreßbericht, 1907, S. 283.
45) S. Heller: Blindenfreund 7 und 8, Jg. 12, 1892, S. 99.
S. Heller: IX. Kongreßbericht, 1898, S. 56.
36
Der Gedanke der Arbeitsschule als Bindeglied zwischen dem zweiten und
dritten Schritt.
Wer ohne Kenntnis der von S. Heller vollzogenen Begründung einer
spezifischen Blindenpädagogik die Abhandlungen des Blindenpädagogen
F. Z e c h liest, der könnte darin zunächst eine unmittelbare Fortführung und
Modernisierung der Gedanken Kleins und Z e u n e s erblicken; denn
auch bei Zech findet man das Schwergewicht auf der lebenspraktischen Seite
und stößt man überwiegend auf Gedanken zum Unterricht der Blinden. Sieht
man aber Z e c h s Werk aus dem geschichtlichen Zusammenhang, so muß
ihm eine noch maßgeblichere Stellung in der Entwicklung des Blinden¬
bildungsgedankens gegeben werden.
Ich möchte die von ihm vollzogene Synthese von Blindenpädagogik und All¬
gemeinpädagogik eine kritische Synthese nennen — im Gegensatz zu der
noch notwendig unkritischen Einheit bei Klein — und zwar kritisch in¬
sofern, als der geistige Entwicklungsstand der Blindenpädagogik es dieser
Persönlichkeit erlaubt, im Wissen um die Eigengesetze des besonderen
blindenpädagogischen Tuns eine Verbindung zu Reformbestrebungen der
Allgemeinpädagogik zu finden und so der Blindenpädagogik aus der Gefahr
einer Selbstisolierung herauszuhelfen.
Dieser neue Schritt, den wir im Zusammenhang unserer Übersicht einen
Zwischenschritt nennen wollen, vollzieht sich im konkreten Bereich des
Unterrichtes.
Wir müssen uns mit einer kurzen Kennzeichnung dieser Synthese Z e c h s
begnügen. Er nennt zwei Grundideen der allgemeinpädagogischen Reform¬
bestrebungen: die ,, gesteigerte Wertschätzung der Persönlichkeit“, als deren
pädagogische Konsequenz ,,das Kind auf dem Wege individueller Kraft¬
betätigung seinen Geist und seinen Charakter entwickele“; als zweite Grund¬
idee ist ein ,, realer, praktischer Zug“ in der Pädagogik der Zeit festzustellen.
Dieser fordert im Bildungsstoff und im Unterricht „ weitgeh ende Zugeständ¬
nisse an das praktische Leben“47).
Diese Grundideen sind Wesensmerkmale der sich begründenden Arbeits¬
schule; immer wieder finden wir die Namen von Kerschensteiner
und P a u 1 s e n. Ihr Bildungsziel wird Bildungsziel auch der Blindenschule:
„Wahrhaft gebildet ist der Mensch, der die Fähigkeit gewonnen hat, sich
von dem Punkte aus, auf den er von Natur und Schicksal gestellt ist, in
Wirklichkeit zurechtzufinden und sich seine eigene in sich zusammen-
stimmende Welt zu bauen, sie mag groß oder klein sein“ ).
Dieses allgemeine Bildungsziel differenziert sich nun in die pädagogischen
Akzente der Arbeitsschule: Selbsttätigkeit, Aktivierung des Kindes, Erfah-
rungsbezogenheit und reale Struktur des LTnterrichtes. Und gerade darin
zeigt sich die kritische Synthese Z e c h s : Er erkennt in diesen Bestrebungen
47) F. Zech: XIV. Kongreßbericht, 1915, S. 69.
48) Fr. Paulsen, zitiert von F. Zech, XIII. Kongreßbericht, 1910, S. 201.
37
der Arbeitsschule eine besondere Bedeutung für die Blindenpädagogik: „Sie
gibt uns die Möglichkeit, die Entwicklung unserer Schüler von einem un¬
fruchtbaren und gefährlichen Wege abzuleiten und in die rechte Bahn zu
lenken“49).
Zech nennt nun vor allem die Neigungen des Blinden zum Abstrakten
und Passiven und leitet aus ihnen die besondere , der Arbeitsschule ent¬
sprechende Struktur des Blindenunterrichtes ab. Darin liegt eine bewußte
unterrichtliche Konkretisierung der Forderungen Hellers, und zwar
Konkretisierung auf die Zukunft hin : Zech schlägt auf diese konkrete
Weise die Brücke zur ideellen Klärung des blindenpädagogischen Prozesses
in der Gegenwart.
Merkmale der pädagogischen Blindseins gemäß heit der Gegenwart.
W ollten wir eine Analyse der blindenpädagogischen Struktur unserer Gegen¬
wart durchführen, so ständen wir vor der Notwendigkeit, vor allem das
Lebenswerk von 3 Autoren in seinen Grundzügen aufzuzeigen: J. I. Bauer,
A. K r e m e r und A. P e t z e 1 1. Der Versuch einer solchen Darstellung
müßte notwendig den Umfang unserer Abhandlung weit überschreiten.
Er stieße zudem auf die große Schwierigkeit, über einen noch in der Klä¬
rung befindlichen Prozeß aussagen zu müssen.
So begnügen wir uns in unserem Zusammenhang damit, Merkmale dieser
blindenpädagogischen Gegenwart insoweit zu nennen, als sie Maßstab unseres
geschichtlichen Überblickes waren. Daraus mag uns ein dritter Entwick¬
lungsschritt sichtbar werden, auf den bereits unsere gesamte Abhandlung
hingeordnet war und der so im Grunde bereits zur Sprache kam.
W7ieder zeichnen sich die beiden großen Ordnungsbereiche ab: blinden¬
pädagogische Eigengesetzlichkeit und Bestimmtsein vom Allgemein pädago¬
gischen, aber sie treten zum ersten Male in ein absolut logisches Verhältnis
zueinander: Die Allgemeinpädagogik wird zur Dominante, sie wird kon¬
stitutiv für den blindenpädagogischen Prozeß. Ohne den allgemeinpädago¬
gischen Bezug gäbe es wohl noch ein fürsorgendes und pflegendes Verhalten
gegenüber dem Blinden, nicht aber ein pädagogisches. Es kann — ,,wie es
nur eine Wahrheit gibt — auch nur eine , Erziehung’, nur einen , Unterricht’
geben . . . das pädagogische Geschehen auch in der Blindenschule erhält
seinen tiefsten Sinngehalt und seine Urbestimmtheiten aus der allgemein¬
gültigen Idee der Erziehung und des Unterrichtes“50). — „Das Idealziel der
Blindenpädagogik dürfte . . . immer mehr mit dem Idealziel der Allgemein¬
oder Normalpädagogik zusammenfallen“51).
Diese Gleichheit im primären Erziehungsziel gründet sich auf das uneinge¬
schränkte Menschsein des Blinden: „Alles erziehliche Tun beim Blinden
hat zuerst und wesentlich den Menschen im Blindseienden zu suchen und
49) F. Zech: XIV. Kongreßbericht, 1913, S. 74.
50) A. Kremer: „Deutsche Blindenfürsorge“, 1935, S. 215.
51) J. I. Bauer: Hauptprobleme der Blindenpädagogik, 1928, S. 14.
38
zu bilden“52). So bleiben von einer fundamentalen Andersgestaltung in der
Blindenpädagogik folgende Bereiche ausgeschlossen: das allgemeine primäre
Erziehungsziel, die Auswahl der Lehrgüter an sich und der grundsätzliche
didaktische Gehalt der Lehrweisen. Neben diesen primären Allgemein¬
bestimmungen zeichnet sich eine umfangreiche Gliederung des spezifischen
blindenpädagogischen Prozesses ab. Sie gründet sich weitgehend auf die von
K r e m e r formulierten T endenzen im Seelenleben des Blinden 63).
Es sei nun betont, daß ein gültiges logisches Verständnis dieses spezifischen
blindenpädagogischen Prozesses — auf dessen Nachzeichnung wir hier ver¬
zichten müssen — erst dann möglich ist, wenn wir unseren Blick noch einem
dritten Gedanken zuwenden, der das völlig Neue in der Blindenpädagogik
darstellt: ich möchte von der pädagogischen Synthese sprechen, in welcher
die Brücke geschlagen wird von der Eigenstruktur der Blindenpädagogik zum
Erziehungsziel des Allgemeinpädagogischen. Diese pädagogische Synthese
wird möglich aus der Erkenntnis, daß das Wissen des Blinden dem des
Sehenden ,, grundsätzlich gleichartig“54) ist.
Dieses grundsätzliche Einbezogensein des Blinden in das Wissen des Sehenden
ermöglicht die Einordnung in die Gemeinschaft der Sehenden. Aus diesem
Wissen — Können leitet sich das neue Bildungsziel ab : Der Blinde muß ,,die
Kultur der gegebenen Gemeinschaft der Sehenden kennen und verstehen
lernen, und zwar in einer Weise, daß er sich über seinen Wissensbesitz mit
Sehenden eindeutig zu verständigen weiß“55). Petz eit nennt diesen not¬
wendigen Bezug auf die Welt der Sehenden den ,,Visualisationsbezug“56).
Mit seiner Verwirklichung steht und fällt die Frage ,,der Einordnung des
Blinden in das ganze Volk“57).
Sollten wir nun zum Abschluß noch andeuten, wie sich dieser Visualisations-
bezug in dem spezifisch blindenpädagogischen Prozeß auswirkt, so wäre zu
sagen :
1. Ideell ist die Gefahr einer Isolierung der Blindenbildung damit über¬
wunden und mit ihr auch die Gefahr, den Blinden von der Teilhabe an
der Kultur auszuschließen.
2. Zu einem Konzentrationskern der Blindenschule wird das ,, Prinzip der
räumlichen Gliederung unter der Forderung, sich mit Sehenden zu ver¬
ständigen“53). Diese Forderung betrifft besonders das Ertasten und das
unanschauliche Wissen des Blinden69).
3. Der Blindenpädagogik sind Ziel und Lösungswege gegeben, die negative
Bezeichnung ,, Sinnesausfall“ zu einer positiven pädagogischen Aufgabe
umzugestalten.
52) A. Kremer: XXI. Kongreßbericht, 1951, S. 25.
A. Kremer: Uber den Einfluß . . ., Düren 1935.
54) Petzelt: XVI. Kongreßbericht, 1924, S. 135.
&5) A. Kremer: „Deutsche Sonderschule“, 1941, S. 171.
56) Petzelt: XVI. Kongreßbericht, 1924, S. 138.
57) Petzelt: XXI. Kongreßbericht, 1951, S. 15.
58) Petzelt: XVI. Kongreßbericht, 1924, S. 145.
59) Kremer: XXI. Kongreßbericht, 1951, S. 36 ff.
39
Damit sieht sich die Blindenpädagogik der Gegenwart nach einem über ein
Jahrhundert währenden Entwicklungsprozeß in die Lage versetzt, gedank¬
liche Ordnung aufzuweisen im gegenseitigen Verhältnis dreier bestimmender
Kräfte: dem ErziehungszZ^Z, der speziellen Blindenpädagogik und der All¬
gemeinpädagogik. Die Untersuchung wollte aufweisen, wie sich in diesem
Prozeß der Klärung ein Schritt an den anderen reihte und wie sehr deshalb
jeder Stufe der Charakter des Notwendigen zukommen muß. So wurde es
der Gegenwart möglich, die pädagogische Eigenlage des Blinden zu erkennen,
die darin offenbar wird, daß der ,, eigenartige Sachverhalt der Gemeinschafts¬
erziehung in einer Welt des Lichtes am Blinden gegeben ist. Denn der
Blinde darf weder für sich allein noch allein für eine Welt der Blinden,
sondern muß für die bestehende Gemeinschaft des Lichtes erzogen und unter¬
richtet werden. Ziel dieser Erziehung ist der gemeinschaftsbezogene blinde
Mensch“60).
60) A. Kremer: XXI. Kongreßbericht, 1951, S. 36.
Eine Auswahl blindenpsychologischer Erkenntnisse
in heutiger Sicht
Von Günter Glorius, Blindenoberlehrer
Im Rahmen dieser Schrift eine erschöpfende Darstellung der Ergebnisse der
experimentellen und der erkenntnistheoretischen Blindenpsychologie zu geben,
ist nicht möglich; selbst dann nicht, wenn wir, so schwer es uns gerade an¬
gesichts der Würde und des Charakters unseres Jubelfestes fällt, auf die
Erkenntnisse der Begründer und Wegbereiter der Blindenbildung verzichten
und nur jene berücksichtigen, die uns seit etwa der Jahrhundertwende — das
ist ungefähr der Zeitpunkt, von dem ab wir von einer speziellen Blinden¬
psychologie zu sprechen berechtigt sind — überliefert sind. Und hier
wiederum sollen es nur einige wenige sein, die aus den Kreisen der Blinden
selbst oder der Blindenpädagogen kommen.
Um dem ganzen einen einheitlichen Charakter zu geben, ist als Ausgangs¬
punkt die Schrift ,,Über den Einfluß des Blindseins auf das So -Sein des
blinden Menschen“ von K r e m e r , die erkenntnistheoretische Schrift des
erfahrenen Blindenpädagogen, gewählt worden.
Der Zusammenhang zwischen Pädagogik im allgemeinen und Psychologie
im besonderen mit der Philosophie macht es einsichtig, daß gerade aus der
theoretischen Auseinandersetzung des Menschen mit den das Leben beein¬
flussenden Problemen gewonnene Erkenntnisse als Basis für diesen Artikel
gewählt wurden. Und nicht nur dieser Zusammenhang ist es, sondern auch
die Tatsache, daß in Anbetracht der ungezählten Erblindungsursachen und
des unterschiedlichen Erblindungsalters als das normalmenschliche Angelegt¬
sein modifizierende Faktoren keine für die Blindheit allgemeingültige Aus¬
sagen auf experimenteller Grundlage gewonnen werden können. Beweis -
führend sei hier nur das Raumproblem, das wohl als zentrales Problem in der
Blindenbildung angesprochen werden darf, angeführt. In dem Molyneux-
Problem hat es sein für die Blindenpädagogik spezifisches Gepräge erhalten.
Könnte es je, könnte je der Raum in seiner unzähligen Gestaltungsmöglich¬
keit mathematisch definiert werden? Bestünde diese Möglichkeit, dann wäre
das Raumproblem für die Blindenpädagogik vermutlich nur noch eines von
untergeordneter Bedeutung. Gewiß, eine alleingültige Definition bringt die
Theorie auch nicht, aber sie setzt begrenzte Betrachtungsmöglichkeiten und
erleichtert uns so, einen Standpunkt zu beziehen.
Wer ist blind? In seinem Buch „Vom Problem der Blindheit“ stellt P e t z e 1 1
die Frage und zeigt mit seiner Antwort eine Reihe von möglichen Betrach¬
tungsweisen auf: ,,Der Physiologe antwortet mit dem Versagen der Organ¬
funktion, der Diagnostiker mit positiven Sehschärfenbestimmungen, mit
quantifizierten Sehresten, bzw. der Konstatierung des Nullpunktes. Der
Psychologe spricht von der Nichtvollziehbarkeit von gewissen Akten, der
Pädagoge entgegnet mit der Unmöglichkeit, durch Sehen zu lernen“'1).
-1) A. Petzelt: Vom Problem der Blindheit; Erfurt 1931, S. 9.
41
Krem er schreibt einmal: . . der Blinde ist, wenn auch kein Sehender
minus Sehsinn, so doch in seiner ganzen So -Seinsform, in seinem So -Werden,
in seinem So -Tun, in seinen Verhaltungsweisen als Erkennender, als Füh-
lendei , Wollender und Handelnder und in den Teil- und Endbestimmungen
seiner Existenz weithin normalmenschlich mitbestimmt“2) und deutet damit
die Vielfalt jener Bedingtheiten an, unter denen sich im Bereich des Psychi¬
schen die Entwicklung und das Leben des blinden Menschen vollzieht.
\\ ii erkennen also schon ganz klar, Blindsein ist nicht nur Ausfall eines
Sinnesgebietes, sondern bedeutet immer Einfluß einer Mannigfaltigkeit von
Faktoren.
Kremer hat diesen Komplex in 6 konstitutive Faktoren aufgegliedert,
die er Konstituanten (= Entwicklungsbedingtheiten) nennt, „deren Folge¬
erscheinungen sich irgendwie als blindseinsgemäße Bestimmungsmomente der
Individualität (= allgemein Menschliches, Typisches; Besonderheiten) und
Individualitätslage (= Stellungnahme zur Welt; Egoismus, Altruismus, So¬
zialismus, Realismus, Idealismus) der Blinden kundtun“3).
Denn wenn ein Mensch sich immer in derselben Weise verhalten muß, dann
bleibt in ihm etwas übrig, was diesem Verhaltenmüssen entspricht.
Im folgenden sollen nun die Erkenntnisse und Erfahrungen der Wegbereiter
und Begründer der Blindenpsychologie unter dem richtungweisenden Ge¬
sichtspunkt jener 6 Konstituanten betrachtet werden.
Blindsein ist Lichtlossein 4)
Zu dieser und jeder der folgenden Konstituanten könnten wir die Frage
stellen: Eine Tautologie? Und wir antworten: Beileibe nicht! Denn Blindsein
ist, so entnahmen wir schon der Einleitung, ein komplexes Ganzes von Be¬
dingtheiten, von denen das Lichtlossein eben eine ist.
Lichtlos -Sein ist „Ausfall aller objektiven Empfindungen und anderer sinn¬
lich fundierter, auf jenen beruhender Bewußtseinsphänomene des gesamten
optischen Sinnesgebietes“5). Es ist eine Beschränkung der y4r£qualität im
Erleben, die eine Minderung der J^/tqualität möglicher Reize nach sich
zieht. Kulturschöpfungen aus Malerei, Bildhauerei, Architektur sind Objek-
tivationen Sehender, die nur von Sehenden ästhetisch voll erlebt, vom Blinden
jedoch nur die beiden letztgenannten durch den Tastsinn teilweise erfaßt
werden können. Das gleiche gilt für viele Fälle des unmittelbaren Natur¬
erlebens und des sozialen Erlebens. Anders formuliert: Mit der Beschränkung
qualitativer Art im Erleben gehen Hand in Hand eine quantitative Minderung
von Erlebensmöglichkeiten und durch optische Reize veranlaßte Seins-,
2) A. Kremer: Der blindseinsgemäße didaktische Dreischritt im Blindenunterricht, S. 4.
) A. Kremer: Über den Einfluß des Blindseins auf das So-Sein des blinden Menschen*
Düren 1933, S. 33. ’
4) A. Kremer: a. a. O., S. 34/36.
5) Ebenda, S. 34.
42
Wissens- und Könnensformungen, denen der Vollsinnige, bewußt und un¬
bewußt, laufend unterliegt.
Diese Minderungen im Akte der Subjektivationen (= Erleben von Gestalte¬
tem oder allgemein: Gegenständlichkeiten) schließt auch ein eine Minderung
in bezug auf die Art- und Wertqualität und die Quantität möglicher
Objektivationen (= Gestalten von Erlebtem).
In seiner Schrift ,, Modellieren und Zeichnen in der Blindenschule“ aus dem
Jahre 1890 widmet Simon Heller den ästhetischen Gefühlen besondere
Beachtung. Wir lesen da bei ihm, daß sich die Vorstellungen aus der Ver¬
bindung mannigfacher Empfindungen ergeben, so daß sie also auch durch
Gefühle beeinflußt werden, die er „ästhetische Elementargefühle“ nennt,
in solche der Zeit, d. h. durch das Ohr vermittelte, die beim Blinden (wenn
ein Vergleich hier zulässig ist) also mindestens denen der Sehenden eben¬
bürtig sind, und solche des Raumes, auf die der Blinde im allgemeinen
verzichten muß, unterteilt.
Im Mittelpunkt der letzteren steht die Gestalt, durch Gliederung und Verlauf
der Begrenzungslinien wirkend. Ästhetischer Genuß des Raumes kann aber
nach seiner Meinung nur durch eine gestaltungsfähige Hand vermittelt
werden. Seine Folgerungen daraus liegen auf der Hand.
Zech läßt zu der Frage der Ästhetik des Tastens (nur) einen Blind¬
geborenen sprechen, der allein durch die Materie gegebene Empfindungen
gelten läßt, also ästhetischen Genuß beim Betasten der in formbare Materie
geprägten Darstellungen ablehnt. Als gegenteilige Äußerung erwähnt Zech
dann die Meinung Helen Kellers, die „mit überschwenglichen Worten
von dem hohen Genuß, den ihr die schwellenden Formen, die schön ge¬
schwungenen Linien des menschlichen Gesichts und seiner Nachbildung
bereiten“, spricht 6).
Steinberg meint, „daß Blindgeborene plastische Kunstwerke nicht un¬
mittelbar als Darstellung seelischer Zuständlichkeiten und Vorgänge erleben
können“, weil sie „bloß die ausgeprägtesten unwandelbaren Momente“ des
menschlichen Antlitzes, die für sie nur Raumgestalten sind, erfassen können,
die Wahrnehmung rein räumlicher Beziehungen aber schon unzulänglich ist,
während dem Sehenden „ein Gesichtsausdruck als ein Ganzes unveränder¬
licher und wechselnder Züge unmittelbar mehr als ein einheitlicher Komplex
räumlicher Verhältnisse“ ist, dessen Erleben eben ästhetischen Genuß aus¬
macht 7) .
Auch Bauer äußert sich etwa gleichlautend zu diesem Thema: „Ästhetische
/JHtqualitäten . . . (Schönes, Erhabenes, Tragisches, Komisches usw.) mit
ihren vielgestaltigen psychischen Wirkungen . . . (Staunen, Verwunderung,
Teilnahme usw.) sind dem Blinden an sich allesamt zugänglich“8), was von
6) Zech: Erziehung und Unterricht der Blinden; Danzig 1913, S. 130.
7) W. Steinberg: Die Raumwahmehmung der Blinden, München 1920, S. 148.
8) J. I. Bauer: Hauptprobleme der Blindenpädagogik ; Marburg/Lahn 1928, S. 48.
43
den Formqualitäten — Literatur, Musik und mit Einschränkungen Archi¬
tektur ausgenommen — nicht der Fall ist. „Die Auswahl des Passenden und
Möglichen und die Hinführung dazu erfolgt unter ausschließlicher Be¬
achtung des physischen Übels der Blindheit und der psychologischen Tatsache,
daß Gehörsinn und Tastsinn das ästhetische Erlebnis vermitteln müssen“9).
In bezug auf die Anfertigung der Lehrmittel finden wir ebenfalls immer
wieder die Forderung erhoben nach nicht nur guten, sondern auch den
Schönheitssinn berücksichtigenden Lehrmitteln. Wir erkennen: Nicht der
Ausfall des Gesichtssinnes ist hier Gegenstand der Betrachtung, sondern die
durch diesen somatischen Defekt gegebenen Beschränkungen und Modifi¬
kationen im Erleben, in der Formung des Seins, Wissens und Könnens.
K r e m e r formuliert zusammenfassend: „So schließt Blindsein das Problem
des Lichtlosseins in sich. Der Blinde lebt sein Leben und gestaltet sein Ich
als Lichtloser“10).
Die hier aufgezeigten Minderungen im Erleben mit all den oben erwähnten
Folgeerscheinungen sind aber nicht gänzlichem Fehlen gleichzusetzen. Sie
gehen vielmehr als Wissensbestände andersartiger Herkunft in den geistigen
Besitz des Blinden ein und werden so zu Elementen eines andersartigen
Aufbaues der Entwicklungsbedingungen und damit des Aufbaues für die
Ich- Gestaltung. (Vgl. 4. Konstituante!)
Blindsein ist Ertastenmüssen n)
Unter den dem Blinden verbleibenden Sinnen haben die haptischen Sinnes -
gebiete (gemeint sind alle nervösen Organe in Haut, Muskeln, Geweben und
Gelenken, die durch Berührung, Druck, Temperatur, Vibration oder Be¬
wegung affiziert werden) gesteigerte Bedeutsamkeit; denn ihnen kommen im
wesentlichen „raumbildende Qualitäten“ zu. Durch die Tastsinnesgebiete
tritt der Blinde mit dem Außer-Ich in Verbindung, durch sie gehen ihm
Wachstums- und Entwicklungsreize zu, erhalten seine Dispositionen ihre
inhaltliche Ausfüllung, wird sein räumliches Gegenstandswissen im wesent¬
lichen aufgebaut. „Was dem Vollsinnigen die Sehdinge, das sind dem Blinden
die Tastdinge“ 1"). Unter ihrer Beihilfe gestaltet er sein subjektives Erleben
in objektiven Formen. D. h., „das Sein, Wissen und Können des Lichtlosen
wird so in weitgehendem Maße von haptischem Erleben mitbestimmt“.
Immer werden „neue Gestaltungsbestände durch Vermittlung der haptischen
Sinnesgebiete eingegliedert . . . , gehen in den Altbesitz immer wieder neue
Relationen haptischen Charakters ein. So wird dieser immer wieder in
diesem bestimmten Sinnbezuge einer Neugliederung und Umordnung teil¬
haftig, ist die Höherentwicklung aller Bezüge des Ich, ist die Hebung des
So-Seins-Niveaus immer wieder haptisch determiniert“12).
9) I. J. Bauer: Hauptprobleme der Blindenpädagogik; Marburg/Lahn 1928, S. 48.
10) A. Kremer: a. a. O., S. 36.
11) A. Kremer: a. a. O., S. 36/39.
-12) A. Kremer: a. a. O., S. 37.
44
Hatte man in den Anfängen der Blindenbildung unter den Restsinnen dem
Gehör die dominierende Rolle eingeräumt, so änderte sich das im Laufe der
Zeit immer mehr zugunsten des Tastsinnes. Die Zwangsläufigkeit des Ertasten -
müssens ist etwa von dem Zeitpunkt der planmäßig einsetzenden Blinden -
Psychologie durchgehend erkannt und dementsprechend von allen Autoren
berücksichtigt worden. Hier sei auszugsweise wiedergegeben, was K. Bürk-
1 e n in seiner ,, Blindenpsychologie“13) über dieses Thema zusammengetragen
hat.
Auf dem Wege zu den Raumvorstellungen, die, wie bereits erwähnt, den
wichtigsten Problemkreis für die Vorstellungswelt des Blinden ausmachen,
unterscheidet Bürklen zwei Vorstellungsarten: Die Lage- und Be¬
wegungsvorstellungen. Analog dazu unterscheiden wir zwei Tastarten:
passives und aktives Tasten.
Zu den Lagevorstellungen bzw. dem passiven Tasten führt Bürklen
aus: Wenn der Blinde zwei Punkte, die in ihrer Entfernung voneinander die
Raumschwelle (d. i. der geringste Abstand der beiden Punkte, in dem sie
zahlenmäßig richtig erfaßt werden, der aber nicht auf allen Hautpartien
gleich ist) überschreiten müssen, einfach berührt, können bereits Entfernung
und Richtung, mithin also eindimensionale Gebilde (Strecken) aufgefaßt
werden. Aber auch die Möglichkeit der Auffassung zweidimensionaler Ge¬
bilde (Flächen) ist durch bloße Berührung gegeben, wenngleich nicht unbe¬
dingt ein Erkennen der Flächenbegrenzung, gemeint ist das Erkennen der
Flächenform, damit verbunden sein muß. Schließlich ist im passiven Tasten
durch Umschließen des Tastobjektes auch noch die Erfassung dreidimensio¬
naler Raumgebilde möglich. Dieses Tasten bietet nach Th. Helle r14)
aber nur ein schematisches Gesamtbild, d. h., der Tastende erkennt, sofern
das Objekt in seiner Größe nicht den durch beide Hände zu umschließenden
Handtastraum überschreitet, ob es rund oder eckig, regelmäßig oder unregel¬
mäßig ist. Im allgemeinen erfolgt die Aufnahme der Tastempfindungen, von
den Umschließungsbewegungen abgesehen, im Ruhezustand.
Binder weist den Tastempfindungen fünf Merkmale zu:
1. Tastqualität,
2. Lokalzeichen (Bestimmung der Berührungspunkte auf der Haut),
3. Intensität,
4. zeitliche Dauer,
5. Räumlichkeit.
Mit dem fünften Punkt wendet er sich gegen die genetischen Theorien, nach
denen Raumvorstellungen aus Tast- und Bewegungsvorstellungen entstehen,
und wendet sich nativistischer Anschauung zu, die den Tastempfindungen
sozusagen a priori räumliche Merkmale zuspricht.
Steinberg glaubt, daß bei der bisher genannten Tastart der Tastende
immer auf die Form (im Höchstfälle vier Merkmale feststellbar) eingestellt
13) K. Bürklen: Blindenpsychologie; Leipzig 1924, S. 93 ff.
14) Th. Heller: Studien zur Blindenpsychologie; Leipzig 1904, S. 10 ff.
45
ist, während Tli. Heller den Standpunkt vertritt, daß die Tastenden sich
vorwiegend auf die Tastqualitäten des Tastobjektes (Oberflächenbeschaffen¬
heit, Temperatur) konzentrieren.
V ir halten fest: Lagevorstellungen entstehen durch passives Tasten, das nach
Art des Verhaltens der Tastorgane auch ,, Ruhetasten“ oder im Hinblick auf
die vermittelten Empfindungen als ,, Drucktasten“ bezeichnet werden kann.
Th. Heller nennt es unter Berücksichtigung des einheitlichen Eindrucks,
den es von dem Gegenstand vermittelt, „synthetisches Tasten“.
Um das bereits erwähnte schematische Gesamtbild einer Raumform zu ge¬
nauerer Anschauung zu bringen, bedarf es der Bewegungsvorstellungen, bei
dem sich die inneren Bewegungsempfindungen (in Muskeln und Gelenken)
den äußeren Tastempfindungen (Feststellen einzelner Lokalisationspunkte)
gegenüber durch größere Schärfe auszeichnen.
Im aktiven Tasten offenbart sich die dominierende Rolle der Hand als Tast¬
organ, da sie im sukzessiven Wahrnehmungsgang am leichtesten mit den
einzelnen Teilen des wahrzunehmenden Gegenstandes in Berührung gebracht
werden kann.
Th. Heller vertritt nun den Standpunkt, daß weder die Lage noch die
Bewegungsvorstellungen raumbildende Funktionen haben, sondern diese erst
in der Assoziation beider gewonnen werden.
Das aktive bzw. Bewegungstasten nennt Th. Heller wegen der Sukzes-
sivität im Vahrnehmen der Einzelteile eines Ganzen „analysierendes Tasten“.
Bei der Betastung eines Gegenstandes unterscheidet Th. Heller „abso¬
lutes Tasten", bei dem das Tastorgan an den Kanten des Tastobjektes ent¬
langfährt, also absolute Bewegungen ausführt, und „relatives Tasten“, auch
„Konvergenztasten“ genannt, bei dem der Daumen zu den anderen Fingern
in Oppositionsstellung geht — bei größeren Tastobjekten analog die Arme —
und so ein Annähern bzw. Entfernen (Konvergenz und Divergenz) gegen¬
überliegender Begrenzungslinien festgestellt wird.
Steinberg geht demgegenüber bei dem Tasten nicht von der Organ -
leistung, sondern von der Reizeinstellung aus und spricht demzufolge von
„isoliertem“ und „relativem“ Tasten. Und er kommt zu dem Schluß, „daß
Körper, deren Ausdehnung über den weiteren Tastraum (gemeint ist nach
Th. Heller der beidarmig zu umschließende) hinausgeht, in ihrer Gesamt¬
heit nicht anschaulich erfaßbar sind"15). Nur Einzelteile bringen adäquaten
Ausdruck, insgesamt entstehen jedoch nur Surrogatvorstellungen (vgl.
4. Konstituante „Dingflucht“ — und 5. Konstituante!), da der „konstante
Punkt (d. i. der Körper des Tastenden), auf den die Bewegungsphasen an¬
schaulich bezogen werden“15), bei Ortswechsel des Tastenden fehlt.
Th. Heller wählt für die Aufteilung des durch die Blinden wahrzuneh¬
menden gesamten Tastraumes die Bezeichnungen „engerer“ und „weiterer
15) Steinberg, zitiert nach Bürklen, a. a. O., S. 103.
46
Tastraum“ (mit beiden Händen umschließbar und durch die bewegten Arme
gegeben). Bürklen schlägt vor: Handtastraum — Armtastraum — und den
darüber hinausgehenden Körpertastraum.
Innerhalb des Bewegungstastens stellte man eine gewisse Konformität in den
Tastabläufen der Mehrzahl der tastenden Blinden fest. Diese Tatsache ent-
springt nach Th. Heller dem ,, Gesetz der einfachsten Innervation“, d. h.,
alle erschwerenden, krafterfordernden Bewegungen werden vermieden.
S. Heller vertritt die Auffassung, daß die durch das Tasten erworbenen
Vorstellungen dem Blinden im Effekt ähnliche Bausteine für die Gegen¬
stands- und Raumvorstellungen sind wie die des Vollsinnigen durch die
Funktion des Sehens erworbenen. ,, Dieser Parallelismus ist ein gegebener
und tritt um so deutlicher und wirkungsvoller hervor, je mehr der Tastsinn
zum Zwecke der zielbewußten Wahrnehmungsfähigkeit ausgebildet wird“16).
Das Tasten muß also in einer Weise ausgebildet werden, „welche seiner
physiologischen Eigenart, wie seiner geistbildenden Aufgabe in gleicher
Weise entspricht“16). Zur geistbildenden Aufgabe wird das Tasten aber erst
dann, wenn der Tastende lernt, die Druckempfindungen den Bewegungs-
empfindungen unterzuordnen; denn in den letzteren sind die beiden Haupt¬
formen der Anschauung, die räumliche und zeitliche, miteinander vereint.
Art und Wert werden durch Willensakte bestimmt. Und er fordert:
,,. . . der Tastakt muß nach einem vorher erwogenen und festgestellten, von
logischen, mathematischen und ästhetischen Motiven beeinflußten Plan von
der ersten Bildungsstufe an vollbracht werden“17). (Vgl. hierzu S. 3 „Model¬
lieren und Tasten“.)
Zusammenfassend stellen wir mit Krem er fest: „Die psycho -physischen
Geltungsbestände der Tastsinnesgebiete sind .... für den Aufbau der
Rlinden-Persönlichkeit von ausschlaggebender Bedeutsamkeit, sodaß eine
Sondergestaltung der psychophysischen Struktur des Ertastenden damit
grundgelegt erscheint“18). Und K r e m e r formuliert: „So schließt Blindsein
auch immer das Problem des Ertastenmüssens ein: Der Blinde lebt' sein
Leben und gestaltet sein Ich als lichtloser Ertasten-Müssender“18).
Blindsein ist erhöhtes Angewiesensein auf die Restsinne19).
Hier sind gemeint die nach Ausfall des Gesichtssinnes und Berücksichtigung
des Getasts verbleibenden Restsinne. Sie sind, sofern es sich nur um das
Gegenstands bewußtsein handelt, „bei der Gewinnung elementarer räumlich¬
keitsbezogener Erkenntnisse“ von relativ geringfügiger Bedeutung als Ent¬
wicklungsbedingtheit in der Blindseinsstruktur, weil sie für den Blinden nur
wie für den Sehenden in Betracht kommen.
16) S. Heller, zitiert nach Bürklen, a. a. O., S. 104.
17) S. Heller, zitiert nach Bürklen, a. a. O., S. 105.
18) A. Kremer: a. a. O., S. 39.
39) A. Kremer: a. a. O., S. 39/43.
47
Der Überbetonung der raumbildenden Funktion des Gehörs war schon Th.
Heller mit der Feststellung entgegengetreten, daß sie nur von sekundärer
Bedeutung sei insofern, als der Gehörsinn in ,, assoziative Beziehung zu den
Raumsinnen zu treten vermag“ und darüber hinaus als Fernsinn wichtig
ist, ohne jedoch bindende Aussagen über Raumgestaltung machen zu können;
denn ,,die räumlichen Eigenschaften dieses Sinnes sind sämtlich hervor¬
gegangen aus der innigen Assoziation mit Tastwahrnehmungen“. (Vgl.
hierzu Th. Heller: Studien . . ., S. 100 ff.!)
Anders wird es, wenn wir die Sphäre des Zwstartßfobewußtseins meinen. Dann
greift die Aufgabenübertragung an andere Sinnesgebiete „bis an die Wurzeln
des So-Seins und So-Werdens des Lichtlosen“. Gedacht ist hierbei besonders
an das ästhetische Erleben und Gestalten von Werken der Dicht- und Ton¬
kunst, also an die Ich -Gestaltung des Blinden durch Daten des akustischen
Sinnesgebietes. Vergessen wir aber nicht, daß Quantität und Artqualität, in
ihrem Gefolge aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Wertqualität des ge¬
samten ästhetischen Erlebens, anders sind als beim Vollsinnigen.
Wie das ästhetische Erleben basiert im wesentlichen auch das sinnenbezogene
soziale Erleben (Gemeinschaften aller Art) auf dem Hörsinn.
Im Rahmen dieser Konstituante soll im besonderen das Gehör eingehender
bewertet werden, und zwar, wie eingangs erwähnt, als das psycho -physische
Sein, Wissen und Können determinierende Entwicklungsbedingtheit.
Bürklen sagt in der Einleitung zu diesem Thema: „Die Gehörsvor¬
stellungen sind die ersten und häufigsten Vorstellungen, welche der Blinde
von Kindheit an unbehindert zu erwerben in der Lage ist. Sie bilden sich
bei ihm auch in derselben Weise wie beim Sehenden“20). Ihre Bedeutung
liegt, das ist ohne weiteres einsichtig, auf den Gebieten der Sprache und der
Musik.
„Die Gehörswahrnehmungen sind“, so schreibt S. Heller, „unbestritten
die reichste und ergiebigste Quelle für das Empfindungsleben . . . und auch
die intellektuelle Bildung“21). Und: „Den größten Zauber, den uns das Auge
verschafft, indem es uns zur Unendlichkeit hinanzieht und uns so im Bilde
erscheinen läßt, was ewig und erhaben ist, verschafft dem Blinden die
Gehörswahrnehmung, welche dem Lichtberaubten die Unendlichkeit her¬
niedersenkt“21).
Bauer sagt zu diesem Fragenkomplex: In den Bezirken des Ästhetischen
und der Ästhetik „kommt es zu einer rein persönlichen, subjektiven Aus¬
einandersetzung, wenn den zu Erziehenden Werte und Gebiete des Schönen
. . . erschlossen werden sollen: Hier obwaltet Gemüt und Intuition (Er¬
findungsgabe), obschon einer gesunden Verstandeskritik nicht entraten werden
kann“22). Musik und Literatur sind dem Blinden restlos erschlossen.
20) K. Bürklen: a. a. O., S. 84.
21) S. Heller, zitiert nach Bürklen: a. a. O., S. 88.
22) J. I. Bauer: a. a. O., S. 47.
48
Wohlklang und Rhythmus dürfen ihn aber nicht zu Sentimentalität und
Rührseligkeit verleiten, sondern er muß durch , , ästhetische Selbsterziehung
so weit gebracht werden, daß er ermessen kann, mit welchen inneren und
sachlichen Voraussetzungen und Erwartungen er an die einzelnen Kunst¬
werke und -formen herantreten darf“23).
Aber nicht nur in Literatur und Musik, sondern auch in der Beziehung des
blinden Ich zum Du bzw. Ihr haben die Gehörsvorstellungen große Bedeu¬
tung, sind sie von sinnenbezogenem sozialen Gepräge. Hier soll also die
Stellung des Blinden in und zu der Gemeinschaft bzw. zu dem Einzel-Du
durch „Beurteilung des Gemütszustandes, Charakters und selbst der äußeren
Persönlichkeit von Mitmenschen durch deren Stimme und Sprache“ bedacht
werden. — Sanftheit, Annehmlichkeit, Klangfarbe, ganz allgemein: die
Stimme als Ausdruck seelischer Erregungen und Gefühle ist ihm häufig
Gradmesser in der Beurteilung seines Gegenübers.
Th. Heller zählt all diese Vorstellungen, die sich der Blinde von seinen
Mitmenschen bildet, zu den Surrogatvorstellungen (s. 4. Konstituante!).
B ü r k 1 e n zitiert an dieser Stelle einen Blinden: „Der Ton verrät den
Menschen und zeigt ihn, wie er ist ... Du bewegst dich, du hustest . . . ;
das genügt für ihn, um zu wissen, daß einer da ist, oft sogar, wer da ist;
du sprichst, o, du bist verraten. Eine Person erkennt man an der Stimme
fast ebensogut als am Gesicht; die Stimme verändert sich weniger“24).
Schon früh hatte der Streit der Meinungen darüber eingesetzt, ob in einer
fiktiven Welt nur Blinder die Sprache eine andere wäre, als sie es in der
bestehenden Gemeinschaft der Sehenden ist. In letzter Zeit scheint sich die
Waage zugunsten des „Nein“ zu neigen. Nehmen wir hierzu stellvertretend
die Ansicht von P e t z e 1 1 , daß der sprachliche Ausdruck den Charakter
der Unanschaulichkeit trägt, mithin die Sprache dem Blinden das gleiche
Ausdrucksmittel ist wie dem Sehenden, wenn er nur richtige Bedeutungs-
beziehungen gewonnen hat, auch wenn sie nicht durch Wahrnehmungen zu
erlangen sind (vgl. hierzu 5. Konstituante!).
Von geringerer Bedeutung, aber dennoch erwähnenswert ist die Tatsache,
daß Tastsinneserlebnisse auch durch gleichzeitig auftretende Empfindungen
und Vorstellungen anderer Sinnesgebiete beeinflußt werden können (Gehörs -
phänomene beim Beklopfen, Streichen usw., spezifische Düfte u. a. m.)
Krem er faßt das Wesen dieser Konstituante wie folgt zusammen: Das
gesteigerte Angewiesensein auf die Restsinne ist ausschlaggebend für ein
„elementares Erleben der Lust oder Unlust und auch für die Gestaltung
der sogenannten höheren, inhaltgebundenen Gefühle .... Der Gesamt-
Aufbau der Gefühlswelt des Blinden“ ist mithin durch die erwähnten
„Sinnesgebiete mehr mitbestimmt als bei Vollsinnigen“25). „Wegen seiner
2®) Ebenda, S. 51.
24) Sizeranne, zitiert nach Bürklen, a. a. O., S. 91.
49
(des Blinden) Beschränkung in seiner Sinnestätigkeit wird er immer wieder
v on den genannten Sinnesaffektionen und deren psychischen Korrelaten bei
der Neu- und Einordnung seiner Seins-, Wissens- und Könnensform mehr
beeinflußt als vollsinnige Menschen“20).
Und darum: ,, Blindsein schließt also immer auch das Problem der gesteiger¬
ten Bedeutsamkeit des Gehörs-, Geruchs- und Geschmackssinnes in sich:
Der Blinde lebt sein Leben und gestaltet sein Ich als einer, dessen Persön¬
lichkeitsgestaltung von den Phänomenen der genannten Sinnesgebiete mehr
mitbestimmt ist als die anderer Menschen“26).
Blindsein ist geringere Anschaulichkeit des Gegenstandswissens 27).
Es verbleibt noch ein großer Restbezirk des Zu-Wissenden, der durch die
Restsinne nicht zu bewältigen ist, also sinnlich nicht erfaßt werden kann
(Zeichnungen, gleichwertige Verhältnisse an Natur- und Kulturobjekten,
zu große und zu kleine räumliche Gebilde, komplizierte oder gefährliche
Bev\ egungsabläufe). Kommt erschwerend hinzu, ,,daß der Tastsinn langsamer
perzipiert, nicht so oft Gelegenheit findet, sich erkennend um die Gegen¬
ständlichkeiten zu bemühen; daß ihm viele Dinge zur ertastenden Berührung
nicht zur Verf ügung stehen, und daß Ertastung jedesmal eine Willenshand -
lung darstellt ). Lind: Der Tastsinn ist im Gegensatz zum Sehsinn ein
Nahsinn! Die Fernsinne (Gehörs- und Vibrationssinn), die dem Blinden zur
\ erfügung stehen, können ihm nicht in allen Fällen Wahrnehmungen mit
räumlichen Qualitäten vermitteln. Und doch kann der Blinde ein „Wissen“
um sie haben.
In den Fällen, da der Blinde räumliche Gegenständlichkeiten nicht in ihrem
ganzen „So-Sein erfassen kann, begnügt er sich mit sog. Surrogatvorstellun¬
gen, Ersatzvorstellungen. Solche müssen sie auch dann sein, wenn teilsinn¬
liche Anschauungen durch geistige Anschauung erweitert werden, da letztere
auch schon Surrogate sind. An die Stelle des Wahrnehmungswissens tritt
unanschauliches Bedeutungswissen. „Der Blinde hat ein M issen darum, was
dieses oder jenes Phänomen dem Sehenden bedeutet“-, er besitzt „ein Wissen
um den absoluten Sinngehalt dieses Wissensbestandes“, mit dem er „voll¬
gütige Wissens- und Denkfunktionen“ vollzieht. „Surrogatvorstellungen
und Bedeutungswissen bedeuten innerhalb der So-Seins-Form gegenüber dem
Anschauungswissen Inhalte von geringerer Intensität und von anderer Art-
und Wertqualität“29).
Irgendwie muß der Zwiespalt zwischen dem unanschaulichen Zu-Wissenden
und dem Wissen -Müssen darum überbrückt werden. Es ist das Verdienst
von Hitschmann, auf eine Spezies von Phantasievorstellungen hin¬
gewiesen zu haben, auf die von ihm benannten „Surrogatvorstellungen“.
25) A. Kremer: a. a. O., S. 42.
26) A. Kremer: a. a. O., S. 42.
27) A. Kremer: a. a. O., S. 43/45.
28) A. Kremer: a. a. O., S. 44.
29) A. Kremer: a. a. O., S. 45.
50
Die Sprache der Sehenden besitzt eine Unzahl von Bezeichnungen, deren Vor¬
stellungsinhalte der Blinde vollanschaulich nicht erfassen kann. Die durch
Tasten gewonnenen Eindrücke sind nach Hitschmann vielfach von zweifel¬
haftem W ert, da Größen- und Lageverhältnisse sowie die Formen nicht
voll zu erkennen sind. In Konsequenz seiner Anschauung empfahl er, auf ein
Streben nach unerreichbaren Sinnesdaten zu verzichten zugunsten von
spekulativ erreichbaren \ orstellungen von Dingen und Vorgängen der Um-
v eit. Hitschmann spricht diesen Surrogatvorstellungen erhöhte Bedeutung
zu; ja, sie sind für ihn überhaupt der Schwerpunkt des geistigen Lebens der
Blinden. Die geistigen Fähigkeiten der Blinden hängen nach ihm ab von
der Freiheit und Raschheit des Spieles der Surrogatvorstellungen.
Er unterscheidet 2 Gruppen von Surrogatvorstellungen : Solche von nicht
oder nicht erschöpfend wahrnehmbaren Objekten und solche, von denen der
phänomenale Repräsentant (hervorstechendes Merkmal) als Element eines
Denkzusammenhanges genügt.
Schon 1876 hatte S. H e 1 1 e r in seinem Referat über das ,, Prinzip der Un¬
mittelbarkeit“ darauf hingewiesen, daß der Blinde bemüht ist, Lücken, die
bei sinnlichem Erkennen geblieben sind, mit Hilfe der Phantasie zu schließen.
Was der Blinde oft ohne Schuld nicht begreift, darüber hilft ihm die Phan¬
tasie bereitwilligst hinweg. Diese Phantasie-Vorstellungen entsprechen in
nichts der Wirklichkeit. Was Bildung werden sollte, ist Einbildung ge¬
worden. In seinem Referat ,, Blindenbildung in ihrer Beziehung zum
Leben weist er nochmals ausdrücklich auf die Notwendigkeit einer realen
Grundlage des Unterrichts hin, um inhaltsgefüllte Vorstellungen zu erzeugen.
Inhaltsleere Wörter führen zu Phantasievorstellungen, die Heller später
,, Einbildungsvorstellungen" und schließlich mit dem von Hitschmann ge¬
prägten Ausdruck „Surrogatvorstellungen“ nennt.
Th. Heller hat sich ebenfalls mit den Surrogatvorstellungen auseinander¬
gesetzt und führt sie auf den Zwiespalt zurück, der „zwischen der Beschränkt¬
heit der sinnlichen Erkenntnis der Blinden und dem Reichtum an Bezeich¬
nungen in der Sprache der Sehenden besteht", derer sich der Blinde als Glied
der Gemeinschaft Sehender bedienen muß. „Indem die Ausdrucksweise des
Sehenden den Blinden immer von neuem auf die Lücken in seiner Vor¬
stellungswelt aufmerksam macht, ergibt sie einen wichtigen Ansporn für die
Phantasie- und Verstandestätigkeit des letzteren“30).
Einen wichtigen Beitrag zu diesem Thema hat P e i s e r gebracht, indem
er nachwies, „daß der Blinde dem ihm in der Anschauung, insbesondere in
der taktilen Wahrnehmung, gegebenen realen Gegenstand mehr Aufmerk¬
samkeit zuwendet als der Sehende, ihn dann aber leichter verläßt, so daß er
auch dort mit Erinnerungsbildern operiert, wo der Sehende noch auf die
Anschauungen selbst als Hilfen bei Aufgabenlösungen zurückgreift. Dieses
Verhalten . . . muß aus der allgemeinen, durch das Fehlen des für das
psychische Leben der Sehenden ausschlaggebenden Distanzorgans, des Auges,
30) Th. Heber: a. a. O., S. 122.
51
bedingten Einstellung der Blinden der gesamten Sinnenwelt gegenüber ver¬
standen werden. Dem Blinden drängen sich die Sinneseindrücke nicht in
gleicher Anzahl auf, wie dem Sehenden, er ist ferner gewöhnt, daß sie ihm
nicht oft begegnen. Die gesunde Psyche des Blinden wird darum aus ein¬
fachem Selbsterhaltungstrieb heraus die Eindrücke gieriger einfangen und
energischer festhalten, sobald sie sich das erste Mal darbieten und sie ihn
zur Lösung von Aufgabenstellungen zwingen .... Der Blinde, der einen
Gegenstand gründlich abgetastet hat, braucht diesen selbst nicht mehr; er
begnügt sich mit der Vorstellung, die durch Reproduktion oder Perseveration
gefestigt wird .... Er stützt sich dann aus Gewohnheit auch dort auf Vor¬
stellungen, wo er, ähnlich wie der Sehende, ganz mühelos auf Sinneswahr¬
nehmungen zurückgreifen könnte; so flieht er schließlich die Dinge, die ihm
ja sonst vielfach entfliehen. Einen Ausfall für das psychische Leben
muß solch eine Dingflucht dann bedeuten, wenn die Vorstellungen Erinne¬
rungsbilder von unvollständigen Wahrnehmungen sind und dann gar noch
durch die Phantasie verändert werden. Solche Vorstellungen müssen, da sie
sich nur ausnahmsweise an Wahrnehmungen verstärken und korrigieren
können, zu Surrogatvorstellungen werden“31).
Zech wirft die Frage auf, ob nicht die Gefahr besteht, daß sich jeder
Blinde für ein und dasselbe Objekt ein eigenes Surrogat schafft, wodurch
weder eine Gemeinschaft Blinder noch eine solche zwischen Blinden und
Sehenden möglich wäre, da die Sprache als Ausdruck des Gewußten unter¬
schiedlichen Sachverhalten entspränge.
Steinberg sieht den Einfluß der Surrogatvorstellungen auf das Seelen¬
leben nur dort gegeben, wo es sich nicht um das Verständnis von Begriffen,
die letztlich auch Surrogate sind, sondern um Wahrnehmungen handelt, die
der Blinde nicht vollziehen kann.
Wir fassen mit Krem er zusammen: ,, Blindsein begreift so das Problem
der vermehrten Unanschaulichkeit des Gegenstandsbewußtseins in sich: Der
Blinde lebt sein Leben und gestaltet sein Ich als einer, dem die anschauliche
Grundlage des Wissens mehr mangelt als dem Sehenden“32).
Blindsein bedeutet Einwirkungen auf den Blinden
aus dem Zusammenleben mit Sehenden 33).
In einer fiktiven Welt nur Blinder wären So -Seins -Form, Zivilisation,
Sprache, Sitten und Gebräuche und die Kulturschöpfungen andersartig als
sie es in der menschlichen Gemeinschaft Sehender sind. „Mit dem und durch
das Zusammenleben mit Sehenden und durch die formenden Momente, die
darin einbeschlossen sind“34), sind Entwicklungsbedingtheiten gesetzt, die
wesentlich auf die So-Seins-Form des Blinden einwirken. „So gewinnt die
Wissenserwerbung Blinder eine eigentümliche Nuancierung durch die modi-
31) A. Peiser: Untersuchungen zur Psychologie der Blinden; Göttingen 1924, S. 149/150.
s2) A. Kremer: a. a. O., S. 45.
Ebenda, S. 45/49.
34) Ebenda' S. 46.
52
fizierte Art, Gegenstände der haptischen Erfahrung nicht nach rein hap¬
tischen, bzw. Erkenntnisse nichtsinnlichen Relationsvollzuges nicht nach rein
nichtsinnlichen, sondern auch nach den durch das Verstehen der Sehenden
gegebenen, also nach optisch-bezogenen Kriterien zu bestimmen“30). Wie der
Sehende weiß, daß er nicht nur etwas erfahren, sondern daß er es optisch
erfahren hat, so muß der Blinde um die durch seine Ausfallserscheinungen
bedingte Nichtwahrnehmbarkeit bzw. andersartige Wahrnehmbarkeit von
Gegenständlichkeiten wissen.
Hier nun soll, um den gesamten Fragenkomplex auf eine breitere Grundlage
zu stellen und ihn so einsichtiger zu gestalten, auf die Schrift von P e t z e 1 1
,, Konzentration bei Blinden“ eingegangen werden.
Was versteht er unter ,, Konzentration“ ? — Sie ,,ist die Vereinigung des
Vielen, was der Unterricht darbietet, in der werdenden Person des
Zöglings“36).
,,Die Theorie der Pädagogik ist die Theorie alles dessen, was zu überliefern
ist“37). In bezug auf den Blinden heißt das: ,,Sein Wissen ist Aufgaben¬
wissen genau so wie beim Sehenden. Darum urteilt der Blinde, wenn er
versteht, darum lernt er wie der Sehende. Sein Wissen ist präsent, seine
Aufgabenlösung der gleichen Pflicht der Rechtfertigung unterworfen. Der
Blinde gliedert sich in die Gemeinschaft Sehender ein, weil sie die Gemein¬
schaft der um Gültiges Wissenden darstellt ,..“38). ,, Darum fordert der
Zustand der Blindheit für den Schulbetrieb ein Wissen um die Aufgaben der
Sehenden und den Grad ihrer Lösungsfähigkeit unter den spezifischen Be¬
dingungen der Lichtlosigkeit“39).
Demnach ist Konzentration Wissensgestaltung, also Lernen. Gelerntes muß
einem Geltungsbereich eingegliedert werden, d. h., es muß Wahrheit selbst
oder wahrheitsbezogen sein. Dieser Forderung unterliegt im Wissen auch
der Blinde!
,,Der beim Blinden vorliegende Verlust einer Sinnesmodalität bezieht sich
auf nicht wahrgenommene, oder genauer gesagt, auf nicht wahrnehmbare
Räumlichkeit“40). Das ist das Problem des Blindenunterrichts. Der Blinde
muß den Raum im Tastakt erleben, um ihn verstehen zu können. Lesen wir,
wie Petz eit das Tasten begrifflich definiert: ,, Kommen Raumerlebnisse,
d. h. psychische Gebilde, die sich auf eine Ordnung im Nebeneinander be¬
ziehen, zustande, die durch die Relation Zugleich — Hier, bezogen auf
meinen Körper, bedingt sind, dann spreche ich vom Tasten“41).
35) A. Kremer: a. a. O., S. 47.
36) A. Petzelt: Konzentration bei Blinden; Leipzig 1925, S. 3.
37) Ebenda, S. 1.
38) Ebenda, S. 82.
39) Ebenda, S. 84.
40) A. Petzelt: Vom Problem der Blindheit; Erfurt 1931, S. 51.
41) A. Petzelt: Konzentration, S. 56.
53
In der Relation ,, Zugleich Hier offenbart sich uns die Zeit zweifach
gegliedert: In der Gleichzeitigkeit und in der Folge, in der Simultan eität und
dei Sukzessiv ität. Sehen und Tasten sind immer Erlebnisse räumlicher Glie¬
derung, also im Nacheinander. Dieses Nacheinander aber ist nicht im Sinne
physikalisch meßbarer Zeit, sondern als psychischer Akt, als ein Zugleich
in der Vereinigung der Vergangenheit und der Gegenwart in der Einheit
des Ich mit Blick auf Künftiges zu verstehen. Diese Funktion der Psyche
nennt Petz eit ,, Präsenz im Ich“.
Sehen und Tasten stellen nun zwar unterschiedliche Modalitäten im Akte
der Erfassung dar, unterliegen aber einer Funktion, nämlich der der
psychischen Piäsenz. Indem also das Ich Reize erlebt und sich zu eigen
macht, setzt es einmal im „Verstehen . . . Beziehungen innerhalb der
Gliederungspunkte des Reizeindruckes, dann aber auch Beziehungen zum
Gehabten!'*4"). Das gilt für das Tasten wie für das Sehen. Der Unterschied
liegt lediglich in der Strukturverschiedenheit der Erlebnisgliederung, die
sich aus der zeitlichen Distraktion der jeweiligen Wahrnehmungsakte, durch
die die Wahrnehmungsrelationen anders gegliedert sind, erklären lassen.
Das W issen der Blinden ist immer ein „Zugleichseinmüssen“ einzelner
Elemente, ein „Ineinssetzen“ voneinander unabhängig erlebter Abfolgen;
denn „simultane Auffassung heißt nie Momenterfassung in meßbarer Zeit,
sondern bezieht sich immer auf ein psychisches Zugleich. Für die Präsenz¬
zeit ist weder ein optimales noch maximales Maß noch ein Generalwert
festzulegen, weil sie eine , weil sie immer ist“43).
Wir erkennen: Sehen wie Tasten muß der gleiche Charakter der Produktion
zuerkannt werden, aber unter dem Gesichtspunkt, daß das Wissensmotiv im
Falle der \ ollsinnigkeit sein Recht, im Falle der Blindheit seine Abwandlung
fordert (vgl. „Vom Problem der Blindheit“!).
Welches ist nun die Eigengesetzlichkeit des Tastens Blinder?
Ein Erleben findet, das war bereits sinngemäß angedeutet, immer unter dem
System aller Sinnesmodi statt, auch dann, wenn infolge somatischer Defekte
nicht alle Sinnesgebiete aktualisierbar sind. Jeder Gegenstand ist in der
Wahrnehmung unabhängig von den Empfindungen, er bezieht sich nur auf
sie. Das bedeutet, die Funktion der Geltung, die im Wissenkönnen auch den
Blinden einschließt, bewirkt die Unabhängigkeit des Gegenstandes von et¬
waigen Ausnahmebedingungen seiner Erfassung. In das Wissen des Blinden
muß also notgedrungen eine Beziehung Eingang finden, die das ihm Fehlende
betrifft, und das ist der „Bezug auf mögliches Gesehenwerden“! Hier nun
von Adäquatheit oder Konformität zu sprechen, ist schlechthin nicht möglich,
weil dann räumliche Objektsstruktur absolut, „an sich“ sein müßte, das aber
bedeutete Relationslosigkeit. „Etwas räumlich adäquat erfassen kann für den
Blinden . . . nur heißen: eine Erlebnisgliederung der Raumgestalt aufweisen,
42) A. Petzelt: a. a. O., S. 61.
43) A. Petzelt: a. a. O., S. 60.
54
LP ?eren eme emdeutlge Verständigung mit Sehenden möglich
ist ). Und das ist der V isualisationsbezug , das ist der Bezug auf das Ver¬
stehen der Welt der Sehenden.
Es ist im Visualisationsbezug nicht wichtig, ob der Blinde sich etwas vor¬
stellen kann, sondern, ob er etwas optisch zu denken und zu verstehen
vermag. Er muß nach K r e m e r mitdenken und mitwissen, daß die
Sehenden a) das sehen, was er nicht sieht, b) das sehen, was er ertastet,
c) das sehen, was er mit seinen Restsinnen aufnimmt, d) das ganz haben'
was er nur in Teilen sinnlich -anschaulich erfährt (Surrogatvorstellungen !)’
e) das sinnlich-anschaulich haben, was er nur als Bedeutungswissen besitzt!
So kommt in das Wissen des Blinden ein ganz besonderer Zug, der sein
Vichtsehen und das Sehen der anderen betrifft. — Unter dem Visualisations¬
bezug vollzieht sich sein ganzes Leben.
Fassen wir zusammen: „Der Blinde muß als lichtloser Mindersinniger wissen
und können wie ein nichtlichtloser Vollsinniger, weil er in der Welt der
Sehenden lebt“ ). Daher: „Blindsein schließt so auch das Problem des
Zusammenlebens mit Sehenden ein: Der Blinde lebt sein Leben und gestaltet
sein Ich als Lichtloser in der Gemeinschaft Nichtlichtloser und für eine
Gemeinschaft mit Nichtlichtlosen“46).
Blindsein ist TV issen um ein Anderssein 47)
Der Blinde als Glied der Gemeinschaft Sehender wird sich zu seinen voll-
smmgen Mitmenschen in Vergleich setzen. Schon als Kind erkennt er sein
das lhn durch sein Lichtlossein von den anderen unterscheidet
Spiet, Bewegung, Berufswahl). In dem Nicht-Sehen-Können muß er zwangs¬
läufig eine Minderwertigkeit vermuten, die ihm im Mitleid (= wert-
abschatziges Urteil) von anderen bestätigt scheint. Diese Minderwertigkeits-
erkenntnis kann in der Reifezeit zur absoluten Negierung aller ethischen
Werte fuhren. „Selbtskritische, negative Urteile“48) werden ihn immer und
immer wieder befallen und die psycho -physische Blindseinsstruktur des Licht-
losen konstitutiv beeinflussen, bis er vielleicht „den Ungeist dieser negativen
Selbstbeurteilung gänzlich zu bannen“49) vermag.
Mit der mit Beginn des vorigen Jahrhunderts einsetzenden Blindenbildung
egannen sich die bis dahin kraß hervortretenden Unterschiede zwischen
Blinden und Sehenden immer mehr zu verwischen, doch eine restlose An-
gleichung kann niemals gelingen, „dazu sind eben die Folgeerscheinungen
des Gebrechens zu groß und immer wieder neu wirksam“50).
A. Petzelt: Konzentration, S. 65.
45) A. Kremer: a. a. O., S. 40.
48) Ebenda,, S. 40.
47) Ebenda, S. 49/41.
4S) Ebenda, -S. 50.
Ebenda, S. 51.
50) K.’Bürklen: a. a. O., S. 4.
55
Wie nun der Blinde seine Besonderheiten überwindet, das ist abhängig
von seiner „Veranlagung und Anpassungsfähigkeit, von der auf ihn ein¬
wirkenden Erziehung, von der eigenen Erkenntnis seiner Lage und seinem
Willen“51).
In den Reihen der Blinden selbst machen sich 2 Richtungen bemerkbar in
bezug auf die Möglichkeit der Angleichung an die Sehenden.
Cohn kommt nach Selbstbeobachtung und Erfahrungen mit Schicksals¬
genossen zu dem Schluß: „Von unwesentlichen Einschränkungen abgesehen,
hat der Blinde die Möglichkeit und auch die Fähigkeit, das fehlende Auge
bis zu einem Grade zu ersetzen, daß er sagen kann, ihm fehle nichts, als die
absolute unbeschränkte Bewegungsfreiheit. Sein gut gebildetes Vorstellungs-
vermögen vermittelt ihm das ihn umgebende Leben in richtigen Bildern,
und sein lebhaft arbeitender Geist, der sich absolut nicht ins Dunkle gebannt
fühlt, führt ihn mitten in die Welt der Sehenden. Es gibt nur wenig Blinde,
die ihre Blindheit beklagen und sich sehend wünschen“52).
Steinberg dagegen sagt: Das gesamte Seelenleben wird so entscheidend
durch die Leistungen des Gesichtssinnes bestimmt, „daß man sich fragt, ob
sie (die Blindheit) dem Unglücklichen überhaupt die Möglichkeit läßt, sich
zu einer Persönlichkeit heranzubilden“. Der Ausfall dieses so überaus wich¬
tigen Sinnesgebietes kann aber doch zu einem großen Teil ausgeglichen
werden. „Seine (des Blinden) intensive Einstellung auf taktile und akustische
Empfindungsdaten lehrt den Blinden, sie in ihrer gegenständlichen Be¬
deutung besser zu erfassen und ermöglicht ihm darum Leistungen, die der
Sehende wohl nicht grundsätzlich, doch meist tatsächlich nicht vollbringen
kann. Ihre rein psychische Bedingtheit verbietet uns, sie als Geschenk der
reuigen Natur aufzufassen, sondern läßt sie uns als Ergebnis seelicher Arbeit
erkennen“53).
Zu der letzten Bemerkung sieht Steinberg sich sicherlich veranlaßt,
durch die die Volksmeinung noch heute beeinflussende Ansicht, daß die dem
Blinden verbliebenen Restsinne die dem Gesichtssinne ursprünglich zu¬
fallenden Aufgaben übernommen haben (Sinnesvikariat), was in den zum
Teil besseren Leistungen der Blinden auf sinnlich -anschaulichem Gebiete
bestätigt scheint. Widerlegen wir diese irrige Meinung mit P e t z e 1 1 : „Die
Stellvertretung der Sinne ist nicht als Übernahme der physiologischen Funk¬
tionen des Gesichtssinnes durch die verbleibenden Restsinne zu verstehen“,
sondern in der „Nutzbarmachung jener fehlenden Inhalte optischer Pro¬
venienz im Hinblick auf mögliches Verstehen zwischen Sehenden und Blin¬
den, deren Relationen in Fundierungen der Restsinne erlebt werden“ ).
Halten wir fest: „Blindsein schließt so das Problem des Wissens um ein
Anderssein in sich: Der Blinde lebt sein Leben und gestaltet sein Ich als
einer, der negativ beurteilend um sein Anderssein weiß“ ).
51) K. Bürklen: a. a. O., S. 4.
52) Cohn, zitiert nach Bürklen, a. a. O., S. 5.
53) Steinberg, zitiert nach Bürklen, S. 5/6.
54) A. Petzelt: Konzentration . . ., S. 66.
55) Kremer: a. a. O., S. 51.
56
Als vor IV2 Jahrhunderten die Blinden aus ihrer Isoliertheit herausgehoben
wurden, um Schritt für Schritt in den Bildungsprozeß der Vollsinnigen ein-
gereiht zu werden, ahnte noch niemand, daß die nur wenige Jahre später
(etwa 1825) sich aus der Philosophie als wissenschaftliche Disziplin lösende
Psychologie so großen und schlechthin gestaltenden Einfluß auf die Blinden -
pädagogik nehmen sollte. — Vielleicht waren es zwei für die Blinden überaus
negative Erteile des Philosophen und Arztes Platner und seines Zeit¬
genossen Hagen56), die die \ orkämpfer für die Blindenpsychologie
(Roesner, Richter, Oehlwein u. a.) und deren Begründer
(Vater und Sohn Heller) auf den Plan riefen?! — Ausgehend von nati-
vistischen Anschauungen, nach denen Raum- und Zeitverhältnisse in dem
Menschen angelegt sind, und wesentlich beeinflußt von dem Begründer der
experimentellen Psychologie, Wundt (bes. Th. Heller), legten sie den
Grund für eine spezielle Blindenpsychologie, die von den Anhängern des
Apriorismus von Kant (Petzelt und K r e m e r) auf ihren heutigen
Stand erweitert wurde — zwischen diesen zeitlichen Exponenten liegen
ungezählte fleißige und unermüdliche Arbeiten ungenannter, aber nicht
übersehener Blindenpädagogen und Wissenschaftler — mit deren Hilfe vor¬
liegender Artikel sein einheitliches Gepräge erhalten sollte, um zu zeigen,
wie der Mensch Kenntnisse erwirbt und seine Dispositionen entwickelt, wenn
Reizungen sein psycho -physisches Ich berühren; wie der Mensch aus sich
zum ,, Menschen" auf individuell gesetzter Grundlage wird; wie durch das
Zusammenkommen von Individualität und Entwicklungsreizungen das So-
Sein des Individuums entsteht57).
t
56) Th. Heller: a. a. O., S. 60—64.
57) A. Kremer: a. a. O., S. 7.
57
.
Die technischen Errungenschaften für Blinde
in den letzten 150 Jahren
Von Wilhelm H e i m e r s , Direktor
Solange wir uns bemühen, Menschen im Laufe ihrer Entwicklungsjahre zu
selbständiger Lebensgestaltung und -entscheidung reif zu machen, zum mün¬
digen Menschen, der sein eigenes Leben führt und zugleich am gesellschaft-
lichen-kulturellen Leben teilnimmt, zu erziehen, werden wir bestrebt sein, das
zu übermittelnde Bildungsgut durch technische Errungenschaften, die ihren
Niederschlag in Lehr- und Lernmitteln sowie Hilfsmitteln aller Art finden, zu
veranschaulichen und zu vertiefen. Sie bestimmen nachdrücklich und ent¬
scheidend Berufsausübung und Gestaltung der Freizeit. Die Beschaffung
dieser Mittel, ohne die erfahrungsgemäß rechte und nachhaltige Erfolge nicht
erreicht werden können, bleibt eine der größten Aufgaben, die sich der
Durchführung der allgemein als richtig anerkannten Gedanken und Grund¬
sätze führender Männer und Frauen in den Weg stellen, um allen Men¬
schen den Weg zur Lebenstüchtigkeit, zu einem lebenswerten Leben zu ebnen.
Trifft diese Feststellung für Vollsinnige zu, so gewinnt sie erhöhte Bedeutung
für Blinde. Erst wenn der visuelle Sinn fehlt, empfindet man so recht, was
er zu leisten vermag. Zum andern erkennen wir, wie unendlich schwer, in
einigen Fällen unlösbar es erscheint, die Leistungen des Auges durch tech¬
nische Erfindungen zu ersetzen. Sie bedeuten für Blinde daher nicht eine
erwünschte Bereicherung für Erziehung und Unterricht, Beruf und Freizeit,
sondern eine geforderte Notwendigkeit.
Wie diese Errungenschaften beschaffen sind, wie man ihren Gebrauch, ihre
Bereitschaft organisiert, davon hängt viel ab. Mit ihrem Aufbau, ihrer Mehr-
zahligkeit für Schule und Leben steht und fällt die Aufgabe, Blinde in die
Welt der Sehenden einzuführen, ihnen die Fähigkeit zuerkennen, zu denken
wie andere, zu arbeiten und in der geistigen, sittlichen, gesellschaftlichen
Umwelt wie jedermann Anteil zu nehmen. Das 150jährige Jubiläum der
Blindenbildungsanstalt Berlin -Steglitz, dieser Festtag in der Flut des Ge¬
schehens im deutschen Blindenbildungswesen, bietet Anlaß, die technischen
Errungenschaften des letzten anderthalb Jahrhunderts im Dienste der Re¬
habilitation des Blinden zu würdigen.
Bis zur Begründung der allgemeinen Blindenbildung, die in die Wbnde vom
18. zum 1 9. Jahrhundert fällt, kam man mit von Lehrern und Schülern
erdachten und behelfsmäßig gebauten Hilfsmitteln, vor allem zum Schreiben
und Lesen der Normalschrift, aus; gab es doch in den früheren Jahrhunderten
nur wenige Blinde, die unter günstigen Umständen Einzelunterricht erhielten.
58
Der Gedanke an einen beruflichen Einsatz lag damals völlig fern, wenn auch
sehr vereinzelt besonders befähigte Blinde nach einem dornenreichen Bil¬
dungswege als geachtete Gelehrte wirkten. Seit den sehnsüchtigen Bestrebun¬
gen jener Zeit, die durch die Gründung der ersten Blindenanstalten — Paris
1784, London 1800, Wien 1804, Berlin 1806 — und aller anderen, die im
vorigen Jahrhundert erfolgten, Ziel und Inhalt fanden, genügte diese Not¬
lösung nicht mehr.
Bereits auf dem 2. Blindenlehrerkongreß in Dresden im Jahre 1876 gründete
daher die deutsche Blindenlehrerschaft denVerein zur Förderung zur Blinden¬
bildung. Sein unmittelbarer und ausschließlicher Zweck besteht in der Er¬
füllung mildtätiger und gemeinnütziger Aufgaben im Interesse aller Blinden.
Zur Erreichung dieses Zweckes erstrebt er laut seiner Satzung insbesondere
Bereitstellung von Lehr-, Unterrichts- und Hilfsmitteln aller Art für Blinden¬
schulen und erwachsene Blinde. Als älteste Wohlfahrtseinrichtung für Blinde,
die nunmehr 80 Jahre besteht, sieht sie ihre Aufgabe weniger als eine Für¬
sorge, sondern immer mehr als eine Form der Lebenshilfe für Blinde, auf
die ein rechtlicher und sozialer Anspruch besteht, weil der Mensch blind ist
und nicht, weil er sich in einer sozial bedrängten Lage befindet. Der Verein
zur Förderung der Blindenbildung war durch seinen ersten Vorsitzenden,
Schulrat Karl Wulff, dem gleichzeitigen Direktor der Staatlichen Blinden-
anstelt in Steglitz, mit der Jubilarin während der ersten beiden Jahrzehnte
seiner Tätigkeit aufs engste verknüpft. Dem Streben und den persönlichen
finanziellen Opfern dieses hervorragenden Blindenpädagogen verdankt der
Verein zur Förderung der Blindenbildung im Jahre 1889 die erste Blinden¬
druckerei Deutschlands für Brailledruck.
Louis Braille, ein löjähriger blinder Schüler im Blindeninstitut in Paris,
erdachte in der Zeit einer gewissen Hilflosigkeit 1825 für die spätere Bil¬
dung seiner Schicksalsgefährten ein vollständiges, nach allen Richtungen ver¬
wendbares Schriftsystem, das wir ihm zu Ehren Brailleschrift nennen. Ihre
Grundform bilden in zwei nebeneinanderstehenden Dreierreihen angeordnete
6 Punkte ;; . Durch Anzahl und Stellung der Punkte zueinander — es sind
65 Kombinationen möglich — werden alle Buchstaben und Zeichen in der
Blindenschrift dargestellt, deren wir uns in der Normalschrift bedienen.
Braille war es, der die dem Punkte innewohnende, welterobemde Kraft
weckte. Er schuf mit seiner Tastschrift in fast unübertrefflicher Vollkommen¬
heit ewas Universelles. Sie gilt als die größte Erfindung des Blindenwesens,
an deren Ausgestaltungsmöglichkeiten bis heute gearbeitet wird. Aus ihr ent¬
wickelten in Deutschland Blindenlehrer die Kurzschrift, deren erster Ent¬
wurf 1882 auf dem 4. Blindenlehrerkongreß zu Frankfurt am Main von dem
Kieler Blindenlehrer K r o h n vorgelegt wurde. Als nach dem ersten Welt¬
kriege dem Beruf des blinden Stenotypisten in Deutschland eine wachsende
Bedeutung zukam, der Büroberuf für den intelligenten Blinden sich als be¬
sonders geeignet erwies, ergab sich die zwingende Notwendigkeit, für blinde
Stenotypisten eine Stenografie zu schaffen. Aus einigen Systemen, die eine
Erweiterung der Kurzschrift nach individuellen und generellen Gesichts-
59
punkten ahstrebten, erarbeitete eine aus dem Kreise der Lehrenden und der
berufstätigen Blinden gebildete Arbeitsgemeinschaft in den Jahren 1941 bis
1945 die „Einheitsstenografie für Blinde“. Mit ihr erreicht der berufstätige
Stenotypist eine Dauergeschwindigkeit von etwa 150 Silben in der Minute.
Um die Textaufnahme noch mehr zu steigern — es wird eine solche von
50 v. H. und mehr erreicht wurde das 6 -Punkte -System durchbrochen und
die Verhandlungsstenografie für 7 Punkte in Leipzig und für 8 Punkte in
Marburg-Lahn geschaffen. Die erste umfaßt 127, die zweite 255 Schrift¬
zeichen, die mit wenigen Ausnahmen geeignet sind, ein Häufigkeitswort zu
besigeln. In V erbindung mit anderen Schriftzeichen können sie einwandfrei
wiedergelesen werden. Die Aufnahme erfolgt auf der Stenografiermaschine.
Da hochbegabte jugendliche Blinde in ihrer Ausbildung das Fehlen einer
geeigneten Mathematik und Chemieschrift als schweren Mangel empfanden,
legte Direktor Schlüter, Neuwied, 1907 dem 12. Blindenlehrerkongreß
eine „Mathematik- und Chemieschrift für Blinde“ zur Genehmigung vor.
Eine Kommission erarbeitete sie 10 Jahre später um, 1919, 1921 und 1928
erschienen im Verlag der Blindenhochschulbücherei in Marburg -Lahn ver¬
besserte Auflagen.
Louis Braille gebührt auch das große Verdienst, seinen Schicksals¬
gefährten den Weg in die Schatzkammer der Musikliteratur geöffnet und
geebnet zu haben. Im Jahre 1829, im Alter von 20 Jahren, entwickelte dieser
Apostel des Lichts, damals Lehrer am Nationalinstitut für junge Blinde in
Paris, aus seiner Blindenschrift ein Schriftsystem, das zum erstenmal in der
Geschichte dem Nichtsehenden ermöglicht, musikalische Werke in einer für
Blinde darzustellenden und lesbaren Schrift auszudrücken. Weitere Verbesse¬
rungen fanden ihren Niederschlag in dem Internationalen Musikschrift¬
system, das auf dem 6. Blindenlehrerkongreß 1888 in Köln nach einem Über¬
einkommen zwischen Frankreich, Deutschland, England und Dänemark für
diese Länder als verbindlich galt. 1929 schufen Sachverständige auf dem Ge¬
biete der Brailleschen Musikschrift aus Europa und Amerika nach zwei¬
jähriger Arbeit auf wissenschaftlicher Grundlage eine verbesserte Auflage
des Systems, das eine Vereinheitlichung der Punktzeichen dieser Schrift unter
den Blinden der ganzen Welt garantierte.
An einer weiteren Vereinheitlichung und Vervollkommnung der Braille¬
schrift für Text und Noten auf internationaler Ebene arbeitet der Weltpunkt¬
schriftrat, ursprünglich eine 1949 von der UNESCO aufgezogene Einrich¬
tung. Sie ging 1951 auf den Weltrat für Blindenwohlfahrt über und ist in
Paris als beratender Brailleausschuß tätig.
Louis Braille verbrachte unzählige sorgenvolle Tage und schlaflose
Nächte, um ein brauchbares Gerät zum Schreiben seiner Blindenschrift zu
entwickeln. In seiner Anlage blieb es bis heute unverändert. Ich sah es 1952
als Museumsstück im Nationalinstitut für Blinde in Paris anläßlich der Feier
zur Überführung der Gebeine dieses großen Wohltäters der Menschheit in
das Pantheon. Nach Art der Vertiefungen, in die das zu beschreibende Papier
60
gedrückt wird, gibt es Tafeln im Rillen- und Grübchensystem. Die ältere
Rillentafel besteht aus einer einseitig gerillten Zinkplatte und einem gleich
großen Holz- bzw. Metallrahmen, beide an der oberen Kante durch zwei
Scharniere verbunden. Der Rahmen hat an den Längsseiten in gleichen Ab¬
ständen Vertiefungen, die ein zweireihiges Gitterlineal so aufnehmen müssen,
daß beim Niederdrücken des Schreibstiftes dieser genau in die Rille trifft. Die
Grübchentafel, bei der der Grübchenrand je nach Art der Tafel die Form
eines Kreises, einer Ellipse oder eines Quadrates haben kann, besteht aus zwei
feingegliederten, auf der linken Seite mit einem Scharnier verbundenen 1 bis
1,3 mm dicken Zinkplatten, von denen die untere die Grübchen, die obere
die Ausschnitte zum Schreiben enthält. Zur Raumersparnis gibt es doppel¬
seitige Tafeln für Zwischenzeilen- und Zwischenpunktschrift. Je nach der
Größe des zu beschreibenden Blattes unterscheiden wir Tafeln verschiedener
Ausmaße, und zwar vom Format 34 : 27 cm bis zum kleinsten Westentaschen¬
format.
Um den Errungenschaften der Sehenden auf dem Gebiete des Schreibens
standzuhalten, um Schreibgeschwindigkeit und -ausdauer zu erhöhen, wurde
auch bei Blinden der Wunsch nach einer Maschine für Blinde rege. Die
Blindenschriftmaschinen sind Punktschriftapparate mit einer Klaviatur, be¬
stehend aus 6 Tasten und einer Zwischenraumtaste; sie ermöglichen die Her¬
stellung eines positiven Buchstabenbildes mit einem Tastenanschlag. Die erste
Punktschriftmaschine, ausgestellt 1891 auf dem 7. Blindenlehrerkongreß in
Kiel, erfand 1872 der blinde Johann Alfred Wulff in Frederikashave bei
Kopenhagen. Einen wesentlichen Fortschritt brachte die Erfindung der Ma¬
schine von Hall (1892) und von Picht (1899). Letztere hat bis 1945
die weiteste Verbreitung aufzuweisen. In Anlehnung an die Pichtmaschine
bauen seit 1945 die Blindenstudienanstalt Marburg-Lahn und der Verein
zur Förderung der Blindenbildung ebenfalls Bogenmaschinen für Blinden¬
schrift. Die des Vereins zur Förderung der Blindenbildung, „Lux“ genannt,
gleicht in ihrer Aufmachung einer Kleinschreibmaschine, ist mit einer beson¬
ders für Taubblinde gedachten Tastensperre und mit einer auf den Wagen
zu steckenden Leseschiene versehen. Die Möglichkeit, drei dieser Maschinen
aneinander zu koppeln, mit einer Kraft also auf drei Maschinen denselben
Text zu schreiben, kommt der handschriftlichen Übertragung von Schwarz -
schrift in Blindenschrift besonders zugute.
Aus dem Bestreben, Blinde einer höheren und wissenschaftlichen Bildung so¬
wie einer Berufstätigkeit zuzuführen, entstanden folgende Stenografier¬
maschinen: 1900 von Stainsby in London, 1909 von Picht, 1917 von
der Titania-Schreibmaschinenfabrik in Berlin. P i c h t ’s Stenografier¬
maschine läßt wie bei Morsetelegrafen einen 24 mm breiten Papierstreifen
selbsttätig von einer Rolle in ununterbrochener Reihe über die Druckstelle
gehen. Denselben Zweck verfolgt die Marburger Stenografiermaschine mit
einem 14 mm breiten Streifen unter wesentlicher Raumausnutzung bei ihrer
Konstruktion mit geräuscharmem Gang. Sie ist bequem in einer Aktentasche
zu transportieren. Zum Schreiben der sieben- und achtpunktigen Verhand-
61
lungsstenografie werden bei der Zentralbücherei für Blinde in Leipzig bzw.
der Blindenanstalt Marburg-Lahn Stenografiermaschinen für diese Punkt¬
zahlen gebaut.
Zum Schriftverkehr des Blinden mit Sehenden ist seit Beginn der Blinden¬
bildung das Schreiben der Schrift der Sehenden geübt worden. Mit dem
Stacheltypenapparat, den Johann Wilhelm Klein 1809 konstruierte, ver¬
mögen selbst mindergeschickte Blinde unter allen Umständen eine wirklich
lesbare Schrift herzustellen. Mehr Gechick schon erfordert das Führen des
Schreibstiftes bei der „Heboldschrift“, eine Flachschrift, die sich aus den
lateinischen Großbuchstaben zusammensetzt und mit Hilfe eines einzeiligen
Lineals mit rechteckigen Ausschnitten auf einer eigens dazu von dem Blinden¬
lehrer H e b o 1 d 1856 konstruierten Tafel dargestellt wird.
Heute zeigt sich die gewöhnliche Schreibschrift, was Erlernen und Behalten
der Formen anbelangt, durch entsprechende Hilfsmittel und Methoden der
Heboldschrift ebenbürtig. Mit Schwachsichtigen und Späterblindeten wurde
die Kurrentschrift bislang überall gepflegt. Der Eigenart der Bedürftigen ent¬
sprechend, zielen die Vorrichtungen zum Schreiben dieser Schrift darauf ab,
den vorhandenen Sehrest beim Schreiben möglichst zu schonen oder die im
Stadium des Sehens erlernte Schrift trotz des entschwundenen Augenlichts
weiter zu verwerten. Die Sammlungen unserer Museen zeigen eine Reihe von
Apparaten, die in diesem Sinne konstruiert sind. Ich weise hier nur auf die
letzte Konstruktion dieser Art, auf die vom Verein zur Förderung der Blin¬
denbildung 1949 herausgegebene und inzwischen bewährte Schwarzschrift -
tafel hin. Die größte Fertigkeit beim Schreiben fordert in dieser Hinsicht das
vom Verein zur Förderung der Blindenbildung 1915 herausgebrachte Papier
mit erhabenen Linien, für stark Sehbehinderte auch mit farbigen Linien dar¬
gestellt.
Für Blinde besonders gebaute Flachschriftmaschinen gelten heute als über¬
wundener Standpunkt. Blinde schreiben nur noch auf Normalschreib¬
maschinen, die für sie mit folgenden Sondervorrichtungen versehen werden
können: Bogenendsperre, Gradeinteilung des Papierhalters und der ver¬
schiebbaren Skala mit erhabenen Punktschriftzeichen, Auf setzen eines Punk¬
tes auf einige markante Tasten des Tastenfeldes zur sicheren Beherrschung
dieses Raumes. Betont sei, daß die Erfindung der Schreibmaschine in erster
Linie dem Bestreben entsprang, den Blinden ein Hilfsmittel zum Schreiben
zu bieten. Als Erfindungsjahr der Schreibmaschine gilt das Jahr 1714, in dem
der Engländer Henry M i 1 1 ein Patent zur Schreibmaschine als Behelf
für Blinde angemeldet hat. Eine Maschine, die im praktischen Gebrauch
sich bewährte, fertigte 1779 der Mechaniker Wolfgang von Kempelen
aus Preßburg für die in ihrer Kindheit erblindete Konzertsängerin und Kom¬
ponistin Theresia von P a r a d i s. Es war ein Schreibsetzgerät, dessen sich
die Künstlerin mit bestem Erfolg bediente. Eine ihrer Originalschriften wird
im Blindenmuseum zu Wien aufbewahrt.
Auch die heute allgemein verbreiteten Füllfederhalter verdanken ihren
Ursprung der Idee, dem Blinden ein Hilfsmittel zum Schreiben zu schaffen.
62
1806 machte der Mechaniker Müller in Wien den ersten Versuch zur
Herstellung von Füllfederhaltern für Blinde. Sie bestanden aus fingerstarken,
nach unten spitz zulaufenden Messingröhren und ließen eine dickflüssige
Schreibmasse ausfließen, so daß die Schriftzeichen auf dem Papier auf-
getragen erschienen und von dem tastenden Finger gelesen werden konnten.
Der jetzt 43 jährige kriegsblinde Richard D u f t o n veränderte die Schreib -
gewohnheit von Millionen Menschen. Er entwickelte den heute überall im
Gebrauch befindlichen Kugelschreiber, der für Blinde beim Schreiben der
Kurrentschrift eine weitaus höhere Bedeutung einnimmt als für Sehende,
da das Schreiben mit dem Tintenfederhalter Blinden eine nicht zu lösende
Schwierigkeit bereitet.
Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auf die mit blindentechnischen
Hilfsmitteln ausgestattete Rechenmaschine Rokli der Firma Robert Kling
GmbH., Wetzlar/Lahn. Es handelt sich um eine Maschine im Kleinformat,
etwa 30 cm breit, 18 cm tief und 15 cm hoch. Die Maschine hat in Aufbau
und Anordnung sehr viel Ähnlichkeit mit der in Chemnitz gebauten
Triumphator-Rechenmaschine, nur daß sie wesentlich kleiner und leichter
ist und mit weniger Anstrengung bedient werden kann. Die vier Grund¬
operationen sind gut und rasch ausführbar, wenn auch das Rechentempo
natürlich nicht mit dem einer elektrisch betriebenen Maschine verglichen
werden darf.
Einen Wendepunkt in der Geschichte der Blindenbildung bedeutet die Er¬
findung des Blindendruckes, einer Druckart, bei welcher durch Prägen die
Schriftzeichen erhöht und somit für den Tastsinn wadirnehmbar hergestellt
werden. Man bezeichnet ihn daher auch als Hoch- oder Relief druck. Rück¬
blickend sei zunächst folgendes erwähnt:
Das erste im Hochdruck für Blinde herausgegebene Buch erschien 1786 in
Paris. Als Schriftformen bediente man sich der Groß- und Kleinbuchstaben
der lateinischen Schreibschrift. In der Verbesserung der Druckart fanden
zunächst Holz-, danach Metall -Lettern Verwendung. Später gelang es, den
Druck zu stereotypieren; man benutzte zu diesem Verfahren Zinkplatten.
Da die Erfolge im Lesen der Schrift nicht voll befriedigten, gingen Hand
in Hand mit der Vervollkommnung des Druckverfahrens immer wieder Ver¬
suche, eine leicht lesbare Schrift zu gewinnen. Die vereinfachten römischen
Großbuchstaben, zunächst mit glatten, später mit punktierten Zügen, er¬
wiesen sich mit der Zeit als die geeignetsten Schriftzeichen. Die ersten
Versuche mit lateinischen Großbuchstaben unternahm 1840 Dufau, der
damalige Direktor des Pariser Blindeninstituts. Die Erfindung der Stachel -
oder Steckschrift (1809) bleibt das Verdienst von Johann Wilhelm Klein,
dem Gründer und Direktor des Blindeninstituts in Wien. Das erste Buch im
Stacheltypendruck erschien auf Grund der Bemühungen von Knie 1830
in Breslau. Es war eine Lautlehre. Die Württembergische Bibelgesellschaft
druckte im Perldruck, einer Verbesserung des Stacheltypendrucks. In dieser
Druckart lag 1863 die erste Blindenbibel vor; sie umfaßte 64 Bände. Das
63
letzte im Liniendruck erschienene Unterrichtswerk bleibt das vom Verein
zur Förderung der Blindenbildung 1882 herausgegebene Lesebuch, gedruckt
bei Adolf Schulze, Berlin.
Die Bemühungen, ein für Blinde geeignetes Alphabet zu finden, führten in
England durch Gail zu einer starken Modifikation des römischen Alpha¬
bets, zum Triangularsystem. In diesem erschienen 1832 einige Bücher;
später wurde es aufgehoben. Der 1839 erblindete William Moon erfand
auf Grund eines erfolglosen Unterrichts an einem blinden Knaben ein nach
ihm benanntes willkürliches Schriftsystem. Die Grundidee dieses Systems
steht in innigster Übereinstimmung mit der älteren englischen Stenografie.
In Frankreich erschien in Brailleschrift eine Geschichte dieses Landes. Den
Stereotypdruck in diesem System wandte 1849 Laas d’A g u e n an. Das
1854 von Braille mit Hilfe von Fournier ersonnene Verfahren, die
Zwischenlinienschrift anzuwenden, wurde 1867 von Levitte stereotypiert.
Weitere Versuche zur Verbesserung des Druckverfahrens fanden ihre Krö¬
nung in dem von Ballu gegen 1875 erdachten Verfahren, den doppel¬
seitigen Zwischenpunktdruck zu schreiben und zu stereotypieren.
In Deutschland brachte Direktor Knie, Breslau, das erste Braillealphabet
zum Abdruck. In Brailleschrift druckte im Aufträge des Vereins zur Förde¬
rung der Blindenbildung Buchdrucker Adolf Schulze, Berlin-Weißensee,
1884 das erste Lesebuch. Zuerst mit einem Hammer in die Platten ge¬
schlagen, wurden die Punkte später mit einem auf Veranlassung des
Direktors Kuli, Berlin, konstruierten Punzierapparat durch Fußkraft
in die Zinkplatte gepreßt. Inzwischen konstruierte Blindenlehrer Hinze,
Steglitz, eine Punziermaschine zum Anfertigen von Stereotypplatten in
Brailleschrift, die von dem Mechaniker Auerbach gebaut und 1895
herausgebracht wurde. Die Hinzesche Punziermaschine ist heute noch in den
Blindendruckereien im Gebrauch. Sie wurde im Laufe der Jahre für Acht¬
millimeterschrift (Großdruck), Siebenmillimeterschrift (Mitteldruck) und
Sechsmillimeterschrift (Kleindruck) eingerichtet. Seit 1925 kann die Ma¬
schine mit elektrischem Antrieb geliefert werden.
Die Vervielfältigung der Blindendrucke erfolgte bis 1923 mit einer Knie¬
hebelpresse durch Handbetrieb. Diese Presse wird heute nur noch bei Ver¬
vielfältigungen bis zu etwa 20 Stück benutzt. Größere Auflagen werden seit
dieser Zeit mit einer für Blindendruck hergerichteten Tiegeldruckpresse mit
Kraftantrieb hergestellt. Die Schweizer Firma Bob & Fils, Lausanne, baute
seit 1 924 Rotationspressen für Blindendruck mit elektrischem Antrieb und
automatischem Abschneiden der Bogen. Eine dieser Pressen wurde 1933 in
der Druckerei des Reichsdeutschen Blindenverbandes aufgestellt; sie arbeitet
heute noch in der Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig. Der Verein zur
Förderung der Blindenbildung hat für Großauflagen seit 1954 einen Roll¬
automaten für Blindendruck in Betrieb. Nur von einer Arbeitskraft bedient,
versieht er die zu bedruckenden Bogen gleichzeitig mit einem Falz und legt
sie nach dem Druck selbsttätig aus. Mit ihm werden in einer Stunde
°200 Seiten gedruckt, ein langer Weg von den ersten Versuchen vor
170 Jahren bis zu dieser Vollendung.
64
l
Mit der Kniehebelpresse lassen sich auch geographische Landkarten und
geometrische Zeichnungen für Blinde drucken. Besondere Schwierigkeiten
bereitet bei diesem Verfahren das Herstellen der Druckstöcke. Bahnbrechend
wirkte auf diesem Gebiet Professor Kunz, Illzach, der in den achtziger
Jahren einen 30 Karten umfassenden Atlas für Blinde im Aufträge des
Vereins zur Förderung der Blindenbildung herstellte. Weiter ausgebaut
wurde dieses Druckverfahren im Laufe der Jahrzehnte durch die Blinden¬
lehrer Marold, Königsberg, Przyrembel, Breslau, und Hilde-
b r a n d , Hannover. 1935 erschien von Hildebrand ein Weltatlas für
Blinde, 1955 ein weiterer von Blindenoberlehrer Scheuer, Düren. Mit
einer von der Firma W. Edwards & Co. gebauten Vacuum-Präge-
maschine lassen sich Relief drucke, also auch Blindendrucke jeglicher Art,
herstellen. Es handelt sich hier um ein thermoplastisches Formen mit einer
Stundenleistung von etwa 120 Drucken.
Ein sichtbarer Erfolg in Erziehung und Lhiterricht Blinder, vor allem in
der Erwachsenenbildung trat in Deutschland erst nach offizieller Einführung
der Brailleschrift (1888) und der Überwindung der Schwierigkeiten zur
Herstellung des Zwischenzeilen- und Zwischenpunkt-Stereotypdruckes durch
Erfindung der Hinzeschen Punziermaschine ein. Es schloß sich nun allmäh¬
lich die lang empfundene Lücke an Blindenbüchern, die gewöhnlich im
Format 34 : 27 cm bis zu einem Umfange von 200 Seiten erscheinen.
Musikalien haben gewöhnlich das Format 27 : 23 cm oder 27 : 17 cm. Es
gibt aus berufenem Munde über den Wert des Buches beherzigende Worte,
die aufzeigen, in welcher Weise das Leben eines Menschen durch das Buch
innerlich geordnet, gesteigert, geläutert und erhoben wird. Erhöhte Bedeu-
tung gewinnt das Buch für den Blinden, der infolge des Sinnesausfalls einen
härteren Lebenskampf führen muß. Hausbüchereien der Blindenanstalten
und öffentliche Blindenbüchereien in Hamburg, Marburg/Lahn, Berlin-
Steglitz, Leipzig, Stuttgart, Nürnberg, Münster i. W. und Bonn verleihen
Bücher und Musikalien kostenlos an Blinde.
Da die Blindenbüchereien in ihrer Aufnahme beschränkt sind und erfah¬
rungsgemäß etwa nur 15 bis 20% der Blinden Brailleschrift lesen, ist ihr
Wunsch, neben der Literatur in Punktschrift auch noch das „Sprechende
Buch“ zu besitzen, verständlich. In den USA und England gibt es schon
seit vielen Jahren umfangreiche Hörbüchereien, die von einem Grammophon
abzuspielende Nadeltonplatten allen englischsprechenden Blinden zur Ver¬
fügung stellen. Da an diesen Plattenbüchereien mit der Zeit Mängel auf¬
traten, unternahm man kostspielige Versuche mit den neuesten Nadel-,
Licht- und Magnettonverfahren, die in bezug auf Blinde ein befriedigendes
Ergebnis bisher nicht erzielten. Da auch andere Länder an dieser Errungen¬
schaft lebhaftes Interesse zeigen, bildete der Weltrat für Blindenwohlfahrt
den 1 echnischen Unterausschuß, der alle theoretischen und praktischen Er¬
wägungen anläßlich des letzten internationalen Wohlfahrtskongresses in
Paris 1954 zusammenfaßt in den Worten: Fortschritte auf wissenschaftlichem
und technischem Gebiet haben wesentlich zur Unabhängigkeit im Leben
65
und in der Zukunft der Blinden beigetragen. Es wird nachdrücklich emp¬
fohlen, daß auch künftige Fortschritte auf diesem Gebiet aufmerksam ver¬
folgt und alle internationalen Körperschaften und nationalen Regierungen
gebeten werden, in Zukunft alle vom Weltrat für die Blindenwohlfahrt
anerkannten Forschungsprojekte zur Förderung der physischen, sozialen, wirt¬
schaftlichen und wissenschaftlichen Unabhängigkeit der Blinden materiell
und finanziell uneingeschränkt zu unterstützen.
In der Bundesrepublik Deutschland wurde bereits im Jahre zuvor am
23. März 1954 von den vier Spitzenorganisationen des deutschen Blinden¬
wesens, dem Deutschen Blindenverband, dem Bund der Kriegsblinden
Deutschlands, der Blindenstudienanstalt Marburg/Lahn und dem Verein zur
Förderung der Blindenbildung in Hannover die „Deutsche Blindenhör¬
bücherei G. G. m. b. H.“ mit dem Sitz in Marburg/Lahn gegründet. Spezial¬
geräte mit zusätzlicher Erleichterung für Blinde zur Wiedergabe gibt es
trotz eingehender Bemühungen der DBH. noch nicht. Die Hörbücherei, die
ein eigenes Studio in Marburg/Lalm unterhält, steht mit zur Zeit etwa
50 ausleihbaren Werken noch im Anfang, wird aber in einigen Jahren den
mannigfaltigen Ansprüchen ihrer Entleiher gerecht werden können. Die DBH.
nimmt ab 1956 die Bandgeschwindigkeit 4,75 cm/sek. bei internationaler
Spurenlage in das Fertigungsprogramm auf, so daß alsdann Bänder mit
19,05 cm/sek. und 9,5 cm/sek. für Geräte mit deutscher Spur und Bänder mit
9,5 cm/sek. und 4,75 cm/sek. für Geräte mit internationaler Spur zur Ver¬
fügung stehen. Eine zweite Blindenhörbücherei, die „Blindenhörbücherei
Nordrhein-Westfalen e. V.“, wurde am 3. November 1955 mit dem Sitz in
Münster/Westf. gegründet. Die American Foundation for Overseas Blind
zu Paris beabsichtigt, ein Studio auf Tonbandgrundlage einzurichten, um
Mutterbänder anzufertigen und Tochterbänder an interessierte Länder in
Europa abzugeben. Wenn ganz Europa sich zu einer Geräte- und Kassetten -
art entschließen könnte, würde zweifellos der Nachfrage der Blinden nach
Lesestoff in hohem Maße entsprochen werden können.
Nach den Ausführungen des Dipl. -Ing. Dr. Blum auf der Tagung des
Forschungsausschusses für Blindenhilfsmittel am 22. Februar 1951 kann
mit der von ihm zu konstruierenden Lesemaschine ein Buchdruck in
Blinden- oder Schwarz schrift jeder Größe und Form akustisch wiedergegeben
werden, und zwar 600 Buchstaben in der Minute, also eine mittlere Sprech¬
geschwindigkeit. Für dieses Fachgebiet zuständige Wissenschaftler erklären,
nach dem jetzigen Stande der Wissenschaft und Technik sei die praktische
Durchführung der Idee des Dr. Blum ohne Zweifel sicher. Leider stehen
ausreichende Mittel zur weiteren Entwicklung dieser Idee bislang nicht
zur Verfügung.
Wenn die zu erfassenden Räumlichkeiten der Naturgegenstände die ein¬
deutige Forderung des Sinnesausfalls darstellen, dann erhalten alle Lehr¬
mittel für Blinde eine besondere Note in ihrer Bedeutung. Sie müssen in ihrer
Struktur den Tasthandlungen entsprechen, für Blinde eigens gebaut werden.
66
Wir wissen: Vorzugsweise auf das Tasten gründet sich beim Blinden die
Erkenntnis der realen Welt. Sie ist die Voraussetzung für die innerliche
Verarbeitung der Bildungsstoffe, die sich in geistige Kraft umsetzen. Erst
dann besteht die Möglichkeit, alle in den Anlagen vorhandenen körperlichen
und geistigen Kräfte zu wecken und zu betätigen. Der Weg liegt dann frei,
den Blinden zu einem gleichwertigen Menschen in der Welt der Sehenden
zu erziehen.
Da der Bedarf an Lehrmitteln verhältnismäßig gering bleibt und kein
Gewinn aus der Herstellung der Gegenstände zu erhoffen ist, beschäftigen
sich Gewerbe und Industrie mit dieser Angelegenheit nicht. Nur ihr zartes
pädagogisches Gewissen und ihr unbeugsamer Wirklichkeitssinn zwangen
die Blindenlehrer, hier selbst zuzugreifen. In mühsamer, dankbarer Mönchs -
arbeit gingen sie ans Werk. Viele dieser Arbeiten hatten nur Wert für einige
Unterichtsstunden. Was für Jahre gelten soll, finden wir zum Teil noch in
den Lehrmittelsammlungen der Blindenschulen vor. Von welch einer Summe
von Nachdenken, Beobachten und Erfinden seitens des Lehrenden geben
diese Unterrichtsmittel ein Bild! Als Autodidakt muß der Blindenlehrer die
schwierigen Fragen der Technik und der Materialgestaltung selbst erarbeiten.
Es gehört zu ihm, daß er eine geschickte Hand hat.
Der Herstellung von Lehrmitteln dient auch, soweit sein Lehrgebiet in
Frage kommt, der Handfertigkeitsunterricht. Manches brauchbare Lehr¬
mittel wird in den Bastelstuben geschaffen. Wir verstehen unter diesen
Stuben einen Raum, in dem den Kindern die Möglichkeit gegeben wird,
mit den wichtigsten Werkzeugen und Brettchen in ihrer Freizeit nach freiem
Ermessen zu arbeiten. Sie können hier erproben und praktisch ausführen,
was der Unterricht aus Gründen der didaktischen Ökonomie nur andeuten
kann.
< . • . * «
Soweit Lehrmittel der Lehrmittelindustrie, die ihre Fertigwaren auf den
Unterricht in Normalschulen abstellt, den Anforderungen, die an das blinden¬
gemäße Lehrmittel zu stellen sind, nachkommen oder durch Umbau für
diesen Zweck brauchbar gemacht werden können, haben sie einen berech¬
tigten Platz in der Blindenschule. Sie geben außerdem Anregung zum Bau
von Lehrmitteln, die im Unterricht den eigenen Verhältnissen der Blindheit,
den Sonderbedingungen der Lichtlosigkeit, Rechnung tragen. Auch die reich¬
haltige Auswahl an Erzeugnissen der Spielzeugindustrie darf für die Blinden -
bildung nicht übersehen werden. Spielgegenstände als Nachbildungen von
Lebensformen unter Beachtung formgetreuer Wiedergabe des einzelnen
Stückes bilden für das blinde Kind eine wünschenswerte Ergänzung all der
Gegenstände, die ihm Gelegenheit geben, über zu gestalten oder die ver¬
wandelnde Kraft, die dem Gestalten innew^hnt, an Leib und Geist zu ver¬
spüren.
Soweit es sich um serienmäßig herzustellende Lehrmittel handelt, über¬
nimmt der Verein zur Förderung der Blindenbildung ihren Verlag. So
stellt er Baukästen, Lese-, Schreib-, Rechen- und Zeichengeräte, Landkarten,
67
Atlanten und Globen, Bücher, Zeitschriften und Musikalien in Blindendruck
für Ei ziehung, Unterricht, Berufsausbildung und -ausübung, Fortbildung
und Erbauung bereit.
Nicht unerwähnt beiben sollen die vielen kleinen für Blinde erdachten Hilfs¬
mittel. Im öffentlichen "\ erkehr tragen sie das Verkehrsschutzzeichen auf
der gelben Armbinde, auf der Aktentasche, als Plakette auf dem Rockauf¬
schlag oder als Scheibe am Winker. Am weißen Stock ohne und mit Leucht¬
zeichen erkennt man sie von weitem. Zum Führen geeignete Hunde werden
in besonderen Schulen ausgebildet. Die erste Führhundschule wurde während
des ersten Weltkrieges in Oldenburg i. O. eingerichtet; sie erfreute sich der
besonderen Förderung von Geheimrat S t a 1 1 i n g.
A ielseitig und eingehend sind seit einigen Jahren die Bemühungen von
seiten der Wissenschaft, zur besseren Orientierung des Blinden in seiner
Umgebung ein geeignetes Leitgerät herauszubringen. Es soll dem Träger
ermöglichen, bei normaler Gehgeschwindigkeit Zusammenstöße mit Hinder¬
nissen und das Stürzen über Bordsteine, Schwellen und Treppen zu ver¬
meiden. Das Haverford- College in Boston, das führend in der Entwicklung
von Blindleitgeräten ist, verwirklichte diese Idee und befähigt seit
einiger Zeit Blinde, in mehrwöchigen Kursen sich mit diesen Geräten zu
orientieren.
Bei der technischen Verwirklichung der Geräte wertet man das Echo-
Lotungs-\ erfahren aus. Versuche dieser Art wurden mit hörbarem und
unhörbarem Schall, mit sichtbarem und unsichtbarem Licht angestellt.
Vor- und Nachteile dieser Verfahren abwägend, einigte man sich auf Licht
als ausgestrahlte Energieform. Das neueste Gerät dieser Art heißt „US Signal
Corp Device . Mit einem Griff versehen, wird es, 2 kg schwer, in einer
Hand getragen. Leider bietet bei der jetzigen Konstruktion der zurück¬
reflektierte Lichtanteil nicht immer ein verläßliches Maß für die Entfer-
nung des Hindernisses, die im Handgriff erkannt wird. Das nicht geringe
Gewicht des Gerätes und die hohe Aufmerksamkeitsanspannung, die not¬
wendig ist, um auf die feinsten Veränderungen der Vibration im Hand¬
griff zu achten, machen weitere Neukonstruktionen erforderlich.
Die Beobachtung, daß viele Blinde absichtlich erzeugte Schritt-, Stock- und
sonstige Geräusche zur besseren Orientierung benutzen, hat den Gedanken
nahegelegt, diese Gewohnheit durch eine Apparatur zu ersetzen. Mit Hilfe
eines eigens konstruierten kleinen Schallsenders, der wie ein Fotoapparat
umgehängt \ or der Brust getragen wird und nach Belieben betätigt werden
kann, ist es gelungen, auch bei ganz ungeübten Blinden sofort hervorragende
Fernsinnleistungen auszulösen. Bei diesem Verfahren wird nicht der Sinn
für die Orientierung ersetzt, sondern die natürliche Fähigkeit ausgenützt und
durch Übung bald außerordentlich verfeinert. Das Leitgerät erzeugt harte
„Knacke ; es kann von seinem Träger beliebig geregelt werden, und zwar
68
rasch langsam, laut leise. Die Apparatur wurde auf Grund wissen¬
schaftlicher Untersuchungen von Dr. Ivo Köhler, Dozent im Institut für
experimentelle Psychologie der Universität Innsbruck, 1952 gebaut. Er ver¬
vollkommnte inzwischen sein „Leittongerät“. Eine serienweise Anfertigung
dieser Apparatur und damit ihre Verbreitung für die Orientierung der
Blinden liegt im Bereiche der Möglichkeit. Jedenfalls sind alle Versuche, die
Raumorientierung des Blinden mit Hilfe von Apparaten zu erleichtern, noch
nicht vollkommen gölöst.
Taschen-, Arni- und Weckuhren, deren Zifferblätter tastbare Zeichen tragen,
lassen den Blinden die Tageszeit feststellen. Mit Blindenschrift versehene
Spielkarten der bekannten Kartenspiele ermöglichen ihm, mit Sehenden zu
spielen. Brett- und Legespiele, die stumme Anspannung, Wachsamkeit und
Konzentration der Spieler erfordern, sind so eingerichtet, daß sie von Blinden
gemeinsam mit Sehenden gespielt werden können. Nähnadeln, Nadeleinfädler
und Stopfpilze für blinde Frauen erleichtern diesen ihre Nadelarbeiten sehr.
Rundfunkgeräte haben für Blinde mindestens dieselbe Bedeutung wie für
Sehende. Kino- und Fernsehgeräte vermögen sie nur insofern auszunutzen,
als die nur mit den Augen wahrzunehmenden Vorgänge ihnen von im
sprachlichen Ausdruck wendigen Begleitern sofort, kurz und treffend ge¬
schildert werden.
Besonders günstig wirken sich technische Errungenschaften für die Unter¬
bringung am Arbeitsplatz aus. Bis zum ersten Weltkrieg fanden die arbeits¬
fähigen Blinden allgemein in den bekannten Blindenberufen wie Bürsten¬
einziehen, Stuhl- und Korbflechten Beschäftigung. Teils ohne, teils mit
kleinen Hilfsvorrichtungen führen sie diese Arbeiten, ohne sich zu gefähr¬
den, sicher aus. Versuche im Kriege zeigten, daß Blinde bei Kontrollarbeiten,
Massenfabrikation und Montage kleine Arbeiten, Sortierarbeiten und vor
allem Verpackungs- und Kartonagearbeiten ihren Mann standen. Bei Biege-
und Entgratarbeiten sowie bei der Bedienung von Stanz-, Bohr- und Ge¬
windeschneidemaschinen haben Blinde vollwertige Arbeit geleistet. Die
Schrift „Blinde am Arbeitsplatz“ des Bundesinstituts für Arbeitsschutz führt
in einer Liste einige hundert Arbeitsmöglichkeiten für Blinde, die in der
Entwicklung und Verfeinerung der Technik ihren Grund haben. Besonders
die Umwandlung von optischer in akustische Anzeige erwies sich als ganz
besonders bedeutungsvoll und erfolgreich. Die Technik und die Maschine
haben in Bezug auf den Blinden den Vorzug, daß sie ihn mit einem sich
ständig wiederholenden Vorgang bekanntmachen, der einer strengen Gesetz¬
mäßigkeit sowie Zeitmaß und Zahl unterworfen ist und so dem Nicht¬
sehenden hilft, sich mit dem Arbeitsplatz und der neuen Umgebung vertraut
zu machen. Durch besondere Schutzvorrichtungen am Arbeitsplatz wird für
Blinde die Unfallgefahr nicht größer als bei Sehenden. Die beabsichtigte
Errichtung einer Industrieumschulungsstätte für Späterblindete in Nürnberg,
die in enger Zusammenarbeit mit der dortigen Industrie ihre Arbeit auf¬
nimmt, wird sicher den Umbau weiterer Vorrichtungen, Apparate und Ma¬
schinen zur Bedienung durch Blinde zur Folge haben.
69
In wachsendem Maße finden Blinde nach sorgfältiger Ausbildung in den
Blindenschulen als Stenotypisten Beschäftigung, nachdem für sie gebaute
Stenografiermaschinen ihnen eine ebenso schnelle Stenogrammaufnahme
ermöglichen, wie ein Sehender aufnimmt.
Die Einführung des Diktafons im Jahre 1949 erleichtert und erweitert die
Einsatzmöglichkeit des blinden Stenotypisten.
Um dem Blinden auch im Fernsprechdienst zu einem Arbeitsplatz zu ver¬
helfen, an dem dieser gefahrlos und vollwertig tätig sein kann, waren die
Siemens & Halske- Werke bemüht, ihn am Fernsprechvermittlungsplatz einzu¬
setzen. Es gelang, indem die optischen Anruf- und Überwachungszeichen der
Vermittlungseinrichtung durch akustische Signale, durch sogenannte „Tast¬
zeichen“ ersetzt wurden. Ingenieur Johannes K o c z o 1 1 berichtet erstmalig
über diese Erfindung in den „Technischen Mitteilungen des Fernmeldewerks
der Firma Siemens & Halske AG.“, Februar 1938. Über den wichtigsten
Schritt in der Entwicklung des „Tastzeichens“ schreibt Koczott in den¬
selben Mitteilungen, Dezember 1942: „In Zusammenarbeit mit der Mix &
Genest AG. wurde dem Tastzeichen in seinem Aufbau die Form einer nor¬
malen Fernsprechglühlampe gegeben, so daß es an Stelle einer solchen Lampe
in jede entsprechende Lampenfassung eingesetzt werden kann“. Durch diese
besonders dankbar empfundene Erfindung ist es Blinden mit nötiger In¬
telligenz und Wendigkeit nach gründlicher Ausbildung möglich, den
Telefonistenberuf auszuüben. Weiterhin wird ihm die Arbeit dadurch er¬
leichtert, daß das üblicherweise in den Anlagen gebräuchliche Aufmerksam¬
keitssignal, also ein akustisches Zeichen, derart unterteilt tönt, daß er schon
an dem Klang dieses Signals erkennt, welche Funktion sich in der Schaltung
anmeldet, und ihn darauf vorbereitet, welche Manipulation er nun aus¬
zuführen hat. Tastsignal und Zählschienen geben dem Blinden in der An¬
fangszeit die nötige Sicherheit. Dem Direktor G u s t der Siemens & Halske-
Werke gebührt das uneingeschränkte Verdienst, sich seit der Erfindung der
„Tastzeichen“ nachdrücklich für die Einrichtung von Fernsprechvermitt¬
lungsplätzen für Blinde im In- und Ausland einzusetzen.
Die Sendegeräte bei der Post und dem Rundfunk erfordern für ein einwand¬
freies Arbeiten einen ständigen Abhördienst, für den der Blinde wegen seines
besonders durch ständige Übung verfeinerten Gehörs sich erfahrungsgemäß
sehr gut eignet. Die weitere Entwicklung in der Technik wird auch Blinden
neue Arbeitsmöglichkeit schaffen. Ihre Einreihung in den Produktionsprozeß
bleibt aber nicht nur eine technisch-organisatorische Frage. Ausschlag¬
gebend wird der Erfolg bestimmt durch die Einstellung und Haltung aller
in der Wirtschaft und Verwaltung stehenden Verantwortlichen, auch der
sehenden Arbeitskameraden.
Die technischen Hilfsmittel zu erfinden, dem Blinden zur Verfügung zu
stellen, um die Schwierigkeit seiner Lichtlosigkeit zu verringern oder zu
beseitigen, sind nicht Selbstzweck. Sie sind nicht Instrumente zur bloßen
70
Nachahmung des Tuns der Sehenden, dienen nicht zur bloßen Berufsausbil¬
dung und -ausübung, sondern stehen im Dienste der einen großen Aufgabe,
der wir allein untergeordnet sind. Es ist jene Aufgabe, nach welcher der
einzelne Mensch sich selbst zu bilden hat im Anspruch seiner Rechtmäßigkeit,
seiner Gültigkeit nach zeitlosen Normen, seiner Eindeutigkeit, unabhängig
von Menschenmeinung. Auf diese Weise sichert sich das Ich gültige Haltung
in Tätigkeit mit und ohne Anerkennung der anderen, jene Haltung, die
Einheit, Widerspruchslosigkeit der Persönlichkeit verbürgt, also untrüglich
den wahren Wert eines Menschen anzeigt.
s
71
1 50 Jahre Blindenhandwerk als Aufgabe
der Blindenbildung
Von Alfred Schild, Geschäftsführer des ,, Blindenhilfswerks Berlin“
Wenn wir genügend weit zurückschauen, werden wir feststellen können,
daß Handarbeit und Bildung die gleiche Wurzel haben. In der Morgen¬
dämmerung menschlicher Geschichte war der handelnde Mensch zuerst
immer ein sinnender, und erst in neuerer Zeit kennen wir die Gefahr, daß
menschliches Handeln zum reinen Funktionieren werden kann und dadurch
eher einem Rückfall auf die Instinktebene als einem Fortschritt in Richtung
auf das Sinnvolle gleicht. Immanuel Kant hat einmal die Hand als das
äußere Gehirn des Menschen bezeichnet und damit die Korrelation von
Denken und Handeln anschaulich definiert.
Die Berufsarbeit hebt sich von den anderen Lebensbereichen so deutlich ab,
daß schon allein dadurch ihre zentrale Stellung gekennzeichnet ist. Sie ver¬
mittelt uns fast alle positiven mitmenschlichen Erlebnisse (Erfolg, Teilhabe,
Sicherheit, Kameradschaft etc.) und gibt uns den ,, verdienten“ Anteil am
nationalen Sozialprodukt. Durch sein Schaffen stellt der Mensch in die Welt
des Nicht -Ich etwas Eigenes hinein, wodurch er Bereicherung und Erhöhung
seines Lebens erfährt. Kurz: die meisten menschlichen Kräfte und Strebungen
finden in der Arbeit ihre Erfüllung.
Unter diesem Aspekt ist die Bedeutung der Handarbeit für blinde Menschen
ohne weiteres einleuchtend. Sie ist für sie sogar oft genug die einzige Form
der Selbstbestätigung, so daß bis heute ein Blinder häufig von seinem Recht
auf Arbeit, selten aber von der Arbeit als Pflicht sprechen wird. Die Be¬
deutung dieser Problemstellung für den Staat sei nur angedeutet.
Hier wird uns besonders das BYm&enhandwerk beschäftigen, das jedoch schon
in seinen Anfängen (Paris 1784, England 1791, Berlin 1806) eingebettet war
in Ziel und Methodik der allgemeinen Blindenbildung oder sogar deren
Hauptzweck darstellte. Es ist nicht möglich, das von August Z e u n e in
Deutschland begründete Blindenhandwerk ohne Rückgriff auf die frühere
Entwicklung in Frankreich und Großbritannien darzustellen. Wenn O r t e g a
y G a s s e t sagt, daß alles für die neue Zeit Gültige seine Wurzel in dem
Kulturdreieck Paris-London-Berlin hat, dann gilt das — als kleine, aber für
uns wichtige Bestätigung — auch für Blindenbildung und Blindenhandwerk.
Auch eine Monographie des Blindenhandwerks ist eine Darstellung des
ständigen Bemühens um das seelische und soziale Gleichgewicht des Blinden
zu seiner sehenden Umgebung, in der er lebt, ohne im strengen Sinne ihr
Bürger zu sein. Diese Welt kann er nur durch Wirken und Schaffen zu der
72
seinen machen. Arbeit oder auch nur Beschäftigung — ist bei ihm Aus¬
druck einer seelischen Emanzipation. Jede fertige Bürste ist ein Schlag gegen
die P essel, die seine Sinne, aber nicht seinen Willen gefangen hält. Und an
jedem Korb, der irgendwo in Betrieben oder Familien seinen Zweck erfüllt,
hängt ein Stück seines Lebenswillens.
Zweifellos leben wir heute in einer Zeit, in der die Relation Mensch und
Arbeit sich wandelt wir wollen nur an die 40-Stunden-Woche, die be¬
ginnende Automation und an die Zunahme der Glücksspiele denken — , und
diese Entwicklung wird vor den Blinden nicht haltmachen. Sie wird aber
niemals den Kern zerstören können, es sei denn, wir alle lassen das Gebäude
unserer Kultur zerfallen. Denn das Leben der Menschen verläuft nun einmal
nicht nur in einem vegetativ-biologischen, sondern auch und vorwiegend
in einem sozialen Raum.
* (
Es hat zu allen Zeiten vereinzelte Blinde gegeben, die sich im handwerk¬
lichen Sinne betätigten, wie wir umgekehrt sicherlich annehmen dürfen,
daß die Mehrzahl der Blinden sich des Mangels an Beschäftigung gar nicht
bewußt geworden ist, sonst hätte es dort, wo sie zusammengezogen lebten
z. B. im Asyl der Quinzevingts von 1260 in Paris — , schon zu einer mehr
oder weniger organisierten Beschäftigung kommen müssen.
Ganz allgemein und besonders für unsere nächsten Schritte wird es von
Nutzen sein, das vorhandene Tatsachenmaterial stärker unter sozialpsycholo¬
gischen Aspekten auszuwerten. Wir werden dann zumindest erst einmal zu
der Erkenntnis kommen, daß die 150 Jahre deutscher Blindenarbeit keine
kurze, sondern eine der kulturellen Entwicklung angemessene Zeit sind.
Wir dürfen keine Scheu vor der banalen Feststellung haben, daß systema¬
tische Blindenarbeit sowohl von seiten der Blinden als auch von seiten der
Sehenden vor dem 18. Jahrhundert eben nicht denkbar gewesen ist. Auch
das Blindsein selbst war im Volksbewußtsein früherer Jahrhunderte wohl
weniger vom Nicht -Sehen -Können als von der Armut her bestimmt. Mit
anderen Worten: Blindheit war zuerst ein besonderer Grad von Armut und
dann erst physische Hilflosigkeit. Die Kirchen aber lehrten, Armut und
irdische Trübsal nicht allzuwichtig zu nehmen. Weil der Blinde arm und
elend war, wurde er zwar bemitleidet, Bildung war aber nun einmal keine An¬
gelegenheit der Armen — auch bei den Sehenden nicht. Die für die Betrach¬
tung dieses Fragenkomplexes brauchbare Perspektive gewinnen wir durch die
Vergegenwärtigung des Umstandes, daß im Gründungs jahre der Jubilarin
(1806) und darüber hinaus der Menschenhandel noch eine beachtliche De¬
visenquelle darstellte und Leibeigenschaft und Sklaverei noch ganz natürliche
Lebensformen waren, und zwar in den Kulturstaaten. Auch hatten damals
die Begriffe ,, Handwerk4', „Arbeit“ und „Beruf“ noch nicht den heutigen
Inhalt. Hatte doch das Handwerk aus seiner Blütezeit her noch mehr den
Charakter eines Standes als den einer Beschäftigungsart, und der Arbeit
hing womöglich noch immer etwas vom Fluch der Genesis an. Das Wagnis
der ersten Arbeitsversuche mit Blinden und die menschliche Größe der
zuerst dazu bereiten Männer heben sich unter diesem Aspekt noch deut-
73
licher in dem verworrenen Hintergrund des zeitgenössischen Weltbildes ab.
Schiller stellt einmal fest, daß auch das Gemüt seine Geschichte hat,
und wir können mit Fug und Recht sagen, daß auch die Blindengeschichte
in diesen Abschnitt gehört und damit mehr wird als eine bloße Rand¬
bemerkung zur ,, großen“ Weltgeschichte.
Die allgemeine Ansicht, daß die Blinden absolut arbeitsunfähig sind, wurde
am klarsten ausgedrückt im Elisabeth Poor Law, das im Jahre 1601 alle
Kirchenvorsteher und Armenaufseher in England und Wales anwies, daß sie
verantwortlich seien für „setting to work the poor and the giving of relief
to the lame, impotent, old, blind, and such others amongst them being poor
and unable to work“1). Damit wird durch Gesetz festgestellt, daß Blinde
,, unfähig zur Arbeit“ sind. Hierzu kann jedoch gleich gesagt werden, daß
unabhängig von der Entwicklung auf dem Festlande der erblindete Poet
Edward Rushton im Jahre 1791 in Liverpool die ,, Liverpool School for
the Indigent Blind” gründete, und wie in Paris, so wurde auch hier die
Frage nach der Blindenarbeit positiv beantwortet. Die Zeit der großen
Umwälzungen auf psychisch- geistigem Gebiet war angebrochen, und damit
war auch der Weg in die soziale Gemeinschaft für den Blinden bereitet.
Und dieser Weg hieß: Bildung und Arbeit.
*
Wir wollen uns nun der Frage zuwenden, welcher Art die von Blinden aus¬
geübten handwerklichen Tätigkeiten waren bzw. welche in den Anstalten
gelehrt wurden. Ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu erheben, drängt
sich hier die Parallele zwischen Blindenhandwerken und den menschlichen
Ur-Handwerken auf: Es sind die Tätigkeiten des Flechtens, Knüpfens und
Bindens, die — abgesehen vom Jagen, Fischen u. A. — noch heute wichtige
Gewerbe der Naturvölker darstellen. Die heutigen sogenannten typischen
Blindenberufe, Bürstenmacherei, Korbmacherei, Matten- und Rohrflechterei,
und zum Teil Seilerei, Weberei und Strickerei, sind ja weiter nichts als aus¬
gereifte, spezialisierte und abgerundete Berufsbilder dieser Ur-Handwerke.
Wir können jedoch schon an dieser Stelle feststellen, daß heute — trotz ent¬
gegenwirkender Tendenzen — von allen überhaupt arbeitenden Blinden
(also auch von Nichthandwerkern) fast die Hälfte als Bürsteneinzieher tätig
ist. Die technischen Voraussetzungen dieses Berufes sind für Blinde geradezu
ideal. Leider nicht auch die wirtschaftlichen, denn gerade hier steht der
blinde Handwerker in hoffnungsloser Konkurrenz zur Maschine und zum
Massenabsatz.
Wenn wir von den geistigen Berufen in diesem Rahmen absehen, in denen
hervorragende Blinde (John Milton, Saunderson, v. Baczko) schon immer
Beachtung fanden, so können wir von Anfang an die beiden Grundrichtungen
der Handwerke und der Musikberufe feststellen, wobei wir mit dem letzteren
Begriff großzügig verfahren, denn die an und für sich einen Handwerks -
1) Report of the Working Party on the Employment of Blind Persons.
London 1951. S. 9.
74
Charakter tragenden Berufe der Klavierstimmer u. dgl. wurden und werden
in den Anstalten nicht zu den Handwerken, sondern zur Musik gerechnet.
Unter Blindenhandwerken werden heute jene obengenannten, ihrem Wesen
nach und in der Regel an Gemeinschaftswerkstätten gebundenen Blinden -
berufe verstanden. Der beachtliche Beruf des blinden Masseurs, der auch
schon im vorigen Jahrhundert bekannt war, die kaufmännischen Berufe und
die Industrieberufe sowie alle Formen der Selbständigkeit (Händler etc.)
können trotz ihrer großen Bedeutung hier ebenfalls nicht behandelt werden,
obwohl sie alle nur durch unermüdliche Bemühungen — sei es durch Aus¬
bildung oder Vermittlung — der Blindenanstalten möglich wurden. Die
Sorgenkinder der Anstalten sind nun einmal die blinden Handwerker, und
auch Blindenanstalten kennen das mütterliche Gefühl, das sich den Sorgen¬
kindern besonders zuwendet. Obwohl heute in Blindenkreisen vielfach die
Ansicht vertreten wird, die Industrieberufe werden — oder mögen — die
Blindenhandwerke langsam ablösen, gibt es starke Bedenken gegen die Mög¬
lichkeit oder auch nur Nützlichkeit einer Verwirklichung dieser Ansicht.
Daß auch die Diskussion um dieses Thema schon in der Geburtsstunde der
ersten Blindenanstalten im Gange war, möge eine Äußerung des blinden
Philosophen von B a c z k o bezeugen. Dieser schrieb zu dem Ergebnis, daß
man Blinde aus der Pariser Blindenanstalt gegen den Willen H a u y s in
die Fabriken steckte: ,,Überdem scheint es im Geiste unseres Zeitalters zu
liegen, die Menschen bloß wohlfeiler und einträglicher für den Staat zu
machen: und deshalb wurde im Oktober 1805 der durch Männer, die in
diesem Geiste dachten, entworfene Plan genehmigt, die Blinden vorteilhafter
in den Tuch- und Tabakmanufakturen zu beschäftigen. Sie wurden darin
zu maschinenmäßigen Arbeiten untergebracht; für ihre Geisteskultur, die
Milderung ihres unglücklichen Schicksals, wurde nichts weiter getan, und
der auf Kosten ihrer Wohltäter für sie zum Unterricht angeschaffte Apparat
wurde verkauft“2).
Der Gedanke zur Ausbildung Blinder in der Musik, namentlich in der
Instrumentalmusik lag natürlich auf der Hand, wurde jedoch keineswegs
bedingungslos verwirklicht. Für Hauy, der das Hauptgewicht seiner Aus¬
bildung von vornherein auf die Handwerke legte, sollte die Musik lediglich
zur Unterhaltung und Erbauung dienen. Es zeigte sich damals jedoch, daß
die blinden Musiker bessere Verdienstaussichten hatten als ihre im Hand¬
werk tätigen Kameraden, und Hauy trug diesem Umstand Rechnung. Ueider
dürfen wir aus dem Gesagten nicht darauf schließen, daß die blinden Musiker
damals beim sehenden Publikum sofort ,, gefragt“ waren, sondern wir sehen
daran, daß der Blinde sofern er nur eine den Deuten verständliche
Deistung demonstrierte — noch immer vorzüglich als Naturwunder bestaunt
wurde. V iele der damaligen Blindenpädagogen haben den Handfertigkeiten
der Musik gegenüber den Vorzug gegeben, in den britischen Blindenanstalten
tat man dies sogar den Wissenschaften gegenüber. So gab es in Edinburgh
(ab 1792) eine Arbeitsschule für Blinde, in der vorzüglich das Korbmachen
2) L. v. Baczko: Uber mich selbst und meine Unglücksgef ährten die Blinden.
Leipzig 1807. S. 93.
und Seilerarbeiten betrieben wurden. Ab 1795 gab es eine Arbeitsanstalt
in Bristol mit 100 Zöglingen. Auch London hatte schon 1799 eine Arbeits¬
anstalt, worin Korbmachen, Mattenfl echten (laut Zeune ,,aus ostindischem
Baste“), Spinnen und Schnüreklöppeln gelehrt wurden. Ähnlich war es
später in Dublin und Glasgow.
Diese Art der Blindenausbildung war gewiß etwas einseitig, zumal in den
übrigen britischen Blindenanstalten, die sich nicht den Handarbeiten wid¬
meten (z. B. Norwich, 1805), das Hauptgewicht nur auf Psalmensingen und
Musik gelegt wurde, was ebensowenig zur wahren Bildung der Gesamt -
Persönlichkeit beitragen konnte. Zeune hat aus diesen Fehlern gelernt und
sie bewußt vermieden. Er sagte wörtlich: „Zu billigen ist es, daß die Briten,
welche früher die Blinden bloß zu Handarbeiten bildeten, jetzt das Festland
auch in der geistigen Bildung derselben nachzuahmen streben“3). Wie wohl
niemand zuvor hatte Zeune erkannt, daß der Blinde Geist, Hand und Gemüt
bilden, üben und beschäftigen muß, und sein gesamter Lehrplan stand auf
der dreifachen Wurzel: Handarbeit, Musik (bei ihm: Tonkunst) und Wissen¬
schaft. Streng wachte er darüber, daß diese Bildungsbereiche sich sinnvoll
ergänzten. So war ihm z. B. die Tonkunst „sowohl ein Erwerb als eine Er¬
heiterung für Blinde“. Die Musik als Erwerb gestand er jedoch nur den
dafür besonders Begabten und Gefestigten zu. Er schreibt: „Die Erfahrung
aller Blindenanstalten hat gezeigt, daß viele Zöglinge nach dem Austritte
die erlernte Kunst (der Musik) zum Herumziehen auf den Straßen und in
Wirtshäusern anwenden und dadurch nebst ihren Führern ein herum-
. streichendes Leben sich angewöhnen und leicht dem Branntweinsoffe sich
ergeben“4).
In ähnlich gewissenhafter Form machte er sich auch Gedanken über Art,
Technik und Brauchbarkeit der Handarbeiten für Blinde. Er war zwar
bestens über Methoden und Erfahrungen der anderen europäischen Blinden¬
anstalten unterrichtet, aber diese Erfahrungen waren noch lange nicht ge¬
festigt. Mit eigenen Versuchen und Reflexionen wollte er alle jene Tätig¬
keiten herausfinden, die leicht und gefahrlos genug waren, aber dennoch
keine bloße Spielerei darstellten, wie das in Frankreich von alten und
schwachen Blinden betriebene Anfertigen von Papiersäcken (wir würden
heute „Tütenkleben“ sagen), obwohl dort mit dieser Arbeit zuzeiten ganz
beachtliche Umsätze erzielt wurden. Denn wenn ein Beruf befriedigen soll,
muß er seinen Mann einigermaßen ernähren, er muß aber auch vor allem
von der Gemeinschaft als vollwertig anerkannt werden.
Die Zahl der von Zeune — und damals überhaupt — betriebenen Blinden -
handwerke war wesentlich größer als die heutige Zahl der Blindenhandwerke.
Dies liegt einmal im Wesen des Probierens an sich begründet, zum anderen
haben aber auch diese letzten 150 Jahre die größten wirtschaftlichen Ver¬
änderungen der Geschichte gebracht. Es ist hier nicht der Ort, vom Hand¬
werk (der Sehenden) ganz allgemein zu sprechen, aber ein grundsätzlicher
3) A. Zeune: Beiisar. Berlin 1846. S. 54.
4) Zeune a. a. O. S. 84.
76
Vergleich ist erforderlich. Man spricht heute vom Handwerk als „Stiefkind
des Kapitalismus“ oder gar vom „sterbenden Handwerk“. Dem steht ent¬
gegen, daß andere von einer „Renaissance des Handwerks“ sprechen. Das
Handwerk ist aber „ebenso, wie dies für die Industrie gilt, ein lebendiger
Organismus, bei dem ständig manche Teile absterben, andere in der Stagna¬
tion verharren und noch andere neu hinzuwachsen“5). An die Stelle der
Dorf schmiede tritt heute die Tankstelle mit Autoreparaturwerkstatt. Im all¬
gemeinen Handwerk dürfen wir also nicht von „Sterben“ sprechen, wenn
es sich offenbar nur um eine Wandlung handelt. Im Blindenhandwerk zeigt
sich jedoch die Enge der Wandlungsfähigkeit. Wenn ein Blindenhandwerk
nicht mehr lebensfähig ist, bietet sich leider nur ganz selten ein Ersatz dafür
an. Wir haben dies in Steglitz gerade jetzt mit der Strickerei und zum Teil
mit der Seilerei erfahren. Und wo heute anscheinend neue Blindenhandwerke
eingeführt werden, ist dies ein Rückgriff auf alte Blindenhandarbeiten (z. B.
Weberei), die lediglich während einiger Jahrzehnte nicht betrieben wurden.
Diese Einengung gilt freilich für alle Blindenbeschäftigungen. Selbst alle
Variationen waren und sind limitiert.
Der Blinde wird von seiner sehenden Umgebung unter sich ständig wandeln¬
den Perspektiven wahrgenommen, und es kann hier auch nur sehr schwer zu
einer Ordnung oder gar Gesetzmäßigkeit kommen, weil ja nur wenig Sehende
direkte Berührung mit Blinden haben und noch weniger die Problematik der
Blindheit erkennen. So beruht die Meinungsbildung dieser sehenden Um¬
gebung fast ausschließlich auf Vorurteilen und Stereotypien. Dies wirkt sich
auch auf die Beurteilung der Leistungen Blinder aus. Z e u n e schreibt in
bezug auf ausübende Musiker: „Aber da jetzt von der einen Seite die Bildung
der Blinden weit allgemeiner geworden ist, von der anderen die Forderungen
der Kunst sich sehr gesteigert haben, so fällt der Reiz der Neuheit weg, und
die Künstlerreisen werden für Blinde, welche noch einen Führer haben
müssen, immer weniger einträglich“6 7). Und Knie sagt im gleichen Zu¬
sammenhang, daß das Publikum „beim Wiederauftreten eines neuen Blinden
mehr aus Mitleid als in der Erwartung künstlerischer Leistungen seinen
Ehrensold zeichnet und gibt“'). Wir wollen hier die Änderungen der letzten
100 Jahre nicht übersehen, aber waren sie wirklich so wesentlich? Gerade
heute sollte nur der wirklich begabte und berufene Blinde in der Musik
eine Lebensaufgabe sehen.
Zeunes Einstellung zur Blindenarbeit . war also sehr durchdacht und welt-
zugewandt. Welche handwerklichen Tätigkeiten führten er und sein Werk¬
lehrer nun an seiner Anstalt ein? Obenan stand bei ihm das Stricken (Hand¬
stricken), es war ihm „wohl in jeder Hinsicht eine der zweckmäßigsten Hand¬
arbeiten für Blinde, da Gerät und Auslagen dazu unbedeutend und der Ab¬
satz gewiß ist, so daß Fleißige sich jährlich bis 30 Taler verdienen können“8).
Angefertigt wurden besonders Strümpfe, Geldbeutel mit Perlen, Mützen und
5) R. Wagenführ: Mensch u. Wirtsch. Köln 1952. S. 139.
6) Zeune a. a. O. S. 83.
7) Zeune a. a. O. S. 83.
8) a. a. O. S. 81.
77
Handschuhe. Das Netzmachen beschreibt er als noch leichter, aber nicht so
einträglich. Dann führt er ein spezielles Becherstricken auf, was sehr klar
die Abhängigkeit solcher Arbeiten vom Zeitgeschmack zeigt. Als leichteste
Handfertigkeit bezeichnet Zeune das Klöppeln von Schnüren, das auch zu den
ersten von Hauy angewandten Arbeiten gehörte. Weiter führt er auf: das
Fransenmachen, das Spinnen am Rade, das Nähen, das sich „bei Blinden nur
auf gewöhnliche Arbeiten erstrecken“ kann, das Schuhflechten aus Tuch¬
enden, das Teppichflechten „auf einem waagerechten Gestelle“, das Gurt¬
schlagen, „es geschah auf dem Oberboden der Anstalt und wurde von einem
Blinden dem anderen gelehrt“, das Korbflechten — jedoch noch nicht im
Sinne der heutigen Korbmacherei — , das Strohflechten zum Anfertigen von
Strohtellern, -matten und -eimern (!), das Stuhlsitzflechten mit Rohr, Weiden
und Bindfaden, das Drahtflechten (Topfschoner, Pfeifendeckel und Vogel¬
bauer) und schließlich Holzschneide- und Tischlerarbeiten, besonders wohl
die Anfertigung von Holzschuhen.
Es ist nicht ersichtlich, warum Zeune an seiner Anstalt nicht das Bürsten -
binden sofort eingeführt hat, obwohl ihm die Erfolge anderer mit diesem
Handwerk gut bekannt waren. So berichtete er selbst, daß in Gmünd „außer
dem Korb- und Strohflechten vorzüglich das Bürstenbinden und Heftelmachen
(Heftel-Spange) als einträglich befunden wurden“9). Seil erarbeiten waren ihm
ebenfalls — mindestens aus der Blindenanstalt Edinburg — bekannt, aber
dazu fehlten seiner jungen Anstalt noch die Einrichtungen.
Mit diesen von Zeune bevorzugten Beschäftigungen ist jedoch die Vielzahl
der damaligen Versuche noch nicht erschöpft. Jeder Anstaltsleiter bemühte
sich um neue Wege, wie dies ja heute auch noch zutrifft, und — wie wir
oben schon feststellten — gab es genügend Blinde, vorzüglich wohl Erblin¬
dete, die versuchten, ihre bisherige Beschäftigung der Erblindung anzupassen
oder neue Möglichkeiten zu entdecken. Ein nicht uninteressantes Beispiel ist
ja der Blinde von Puiseaux bei Diderot (Lettre sur les aveugles, 1749), der in
einer kleinen Landstadt wohnte ,,. . . von wo er alle Jahre eine Reise nach
Paris macht. Er bringt gebrannte Wasser hin, die er selbst abzieht und womit
man sehr zufrieden ist“10). Bei v. Baczko finden wir eine ganze Liste solcher
Blinden, die sich mit allen möglichen (manchmal sogar unmöglich erschei¬
nenden) Handarbeiten beschäftigen. Nachweisbar hat es blinde Uhrmacher
gegeben, und die Schuhmacherei hat in einigen Anstalten (z. B. in Wien,
1804) eine große Rolle gespielt. In der Kopenhagener Anstalt wurde das
Schuhmacherhandwerk mit Anwendung besonderer, in dieser Anstalt er¬
fundener Werkzeuge betrieben. Trotzdem sagte M. Pablasek schon da¬
mals: „Über den Nutzen und die Zulässigkeit des Unterrichts in der Schuh¬
macherei sind die Stimmen sehr ungleich geteilt. Bei weitem die Mehrzahl
ist absprechend, und in Folge dessen wird sie auch nur in sehr wenigen
Anstalten betrieben“11). Hauy beschäftigte seine Blinden im Buchdrucker -
ö) Zeune a. a. O. S. 62.
10) Zeune a. a. O. S. 99.
u) M. Pablasek: Die Fürsorge für die Blinden von der Wiege bis zum Grabe.
Wien 1867. S. 276.
78
handwerk, sowohl für normalen als für tastbaren Druck, allerdings mit
sehender Hilfe. In Frankreich war überhaupt die gemeinsame Beschäftigung
von sehenden und blinden Handwerkern und die manufakturmäßige Auf¬
teilung der Handgriffe und Teilarbeiten (z. B. auch in der Korbmacherei)
nicht ungewöhnlich. Das „Geschäft des Glasers“ hält v. Baczko für so ein¬
fach, daß er selbst, „weil die mehresten Glasscheiben eine regelmäßige Figur
haben, solche mit Hilfe eines Winkels zuzuschneiden im Stande wäre“12).
Dieser etwas weltfremde Ausspruch, der in Blindenkreisen jedoch durchaus
nicht allein dasteht, zeigt uns, wie wenig der gute Wille allein vermag — und
wie schwer in Wirklichkeit neue Lösungen zu finden sind.
*
Die Verbesserung der Lehr- und Arbeitsmethoden, eine gewisse Ratio¬
nalisierung und schließlich die Zunahme der ausgebildeten blinden Hand¬
werker ließen es in den einzelnen Anstalten allmählich zu einer ansehnlichen
Produktion kommen. Die Blindenerzeugnisse (namentlich Bürsten) wurden
nach Art und Zahl ganz einfach zur „Ware“, zumal der Zug der Zeit ganz
allgemein in dieser Richtung fortschritt. Auch hier läßt sich der Übergang
vom patriarchalisch-betulichen Verkauf zum kaufmännisch geleiteten Betrieb
nicht auf ein Jahrzehnt festlegen. Für unsere Steglitzer Anstalt ist dieser
Prozeß aber eng an den Namen Karl Wulff gebunden. Seine Sorge wäh¬
rend seiner Amtszeit als Direktor unserer Anstalt (1883 — 1897) galt in erster
Linie der gewerblichen Reorganisation und der Sicherung des in der Anstalt
gewonnenen Bildungsgutes nach Verlassen derselben. Da diese „nachgehende
Fürsorge“ einer behördlich gebundenen Anstalt auch beim besten Willen
nur schlecht möglich ist, gründete er 1886 den „Verein zur Beförderung der
wirtschaftlichen Selbständigkeit der Blinden“, dem er diese sozialen und wirt¬
schaftlichen Aufgaben übertrug, und der sie noch heute — unter der Be¬
zeichnung „Blindenhilfswerk Berlin“ — in seinem Geiste durchführt. Schon
einige nüchterne Zahlen können Wert und Geist der Arbeit Wulffs be¬
zeugen: 1886 Gründung des Vereins, 1889 Bau eines Frauenheims (heute
zerstört), 1893 Bau eines Männerheims, Eröffnung einer 75 m langen Seiler¬
bahn für Sommer und Winter, Auszeichnung unserer Handwerkserzeugnisse
auf der Weltausstellung in Chikago, der weitere Auszeichnungen folgten,
1894 Vertrag zwischen Anstalt und Verein zwecks gemeinsamen Werk¬
stättenbetriebes, Eröffnung einer Verkaufsstelle in der Potsdamer Straße, der
1896 ein weiteres Geschäft in der Frankfurter Straße folgte. Inzwischen
wurden diese Zweigstellen aber wieder auf gegeben. Von grundsätzlicher Be¬
deutung ist auch, daß Wulff als erster Späterblindete in die ordentliche
Handwerksausbildung aufnahm. „Wulff arbeitete wie ein Kaufmann, um
eine möglichst große Kundschaft für seine Blinden zu erlangen . Mit
Stolz wies er nach, wie hoch sich der Absatz der erzeugten Waren belief und
12) L. v. Baczko a. a. O. S. 216.
79
wieviel seine Pflegebefohlenen dabei verdienten“13). Dieser Fortschritt blieb
nicht unbeachtet und wurde zum Vorbild vieler Blindenanstalten. Dennoch
darf diese nützliche Aufgabenteilung nicht zu einer Divergenz der Ziele von
schulischer und handwerklicher Bildung führen, denn das Ziel muß immer
der lebenstüchtige Blinde in seiner Ganzheit sein, wie Wulff dies selbst
immer auf allen Blindenlehrerkongressen gefordert hat.
Es ist natüilich unmöglich, in diesem Rahmen alle W ege und Nebenwege
der Entwicklung des Blindenhandwerks aufzuzeigen, denn an allen Ecken
und Enden regte sich in den letzten 150 Jahren der Geist der Blinden -
Berufsausbildung. Erwähnt seien nur die von Zeune mitangeregten Werk-
schulen für die Kriegsblinden aus den Freiheitskriegen und alle späteren
zunächst für Kriegsblinde geschaffenen ETmschulungsstätten, die jedoch — wie
zuletzt die Silex -Handelsschule — nicht mehr der handwerklichen Ausbil¬
dung dienten. Die Blinden-Selbsthilfeorganisationen schufen Handwerks¬
betriebe; Genossenschaften und Verkaufsorganisationen bildeten sich, und so¬
gar ein scharfer und leider nicht immer fairer Konkurrenzkampf fand Ein¬
gang in den scheinbar so friedlichen Bezirk des Blindenhandwerks. Es fanden
sich leider immer wieder gewissenlose Unternehmer, die auf Kosten der blin¬
den Handwerker ihre Taschen füllten. (Vgl. Peyer: Bl. -Handwerk u. Bl.-
Handwerksgenossenschaften, Hamburg 1926.) Leider mußte schon wieder¬
holt auf gesetzlichem Wege versucht werden, die schlimmsten Mißstände
cibzustellen. So wurden und werden den Blindenanstalten zu der gewiß schon
großen Problematik des Blindenhandwerks noch zusätzliche Sorgen auf¬
gebürdet.
Eine solche Besinnung auf die Vergangenheit, wie sie bei einem Jubiläum
selbstverständlich ist, kann uns deutlich vor Augen führen, daß gerade auf
unserem Gebiet die Zukunft nicht sprunghaft die Lösung unserer Sorgen
bringen wird mindestens dürfen wir nicht so tun, als wäre „selbstver¬
ständlich1' die Rolle des Blindenhandwerks vorbei. Wir haben uns den
Blindenberufen gegenüber einen ausschließlich wertenden, merkantilen
Standpunkt angeeignet, und es wird richtig sein, die pädagogisch-moralische
Bedeutung wieder mehr in den Vordergrund zu stellen. Dazu gehört vor
allem das Aufgeben der Ansicht von der Zweitrangigkeit der handwerk¬
lichen Berufe. Jür den blinden Menschen ist jede Arbeit schwerer als für
den sehenden, und damit wird jede seiner Tätigkeiten zur beachtenswerten
Leistung. Blindheit ist ein Eingriff in die Persönlichkeitsstruktur, der nur
durch harte Arbeit ausgeglichen werden kann. Es liegt durchaus nicht immer
am Mangel „geistiger“ Anlagen, wenn dies nicht ganz gelingt. Wenn Zeune
hier schon Fehler machte, als er von den „bloß mechanischen Köpfen“
sprach, die lediglich zum Handwerk taugten, dann müssen wir dies aus der
Zeit heraus verstehen. Zeune hat diese Bemerkung durch seine Taten hun¬
dertfach widerlegt. Heute dürfen solche Ansichten in der großen Blinden¬
familie keinen Platz mehr haben.
) Alexander Mell: Encyklopädisches Handbuch des Blindenwesens.
Wien und Leipzig 1900. S. 850.
80
Die jüngste Zeit hat große Fortschritte in der sozialen Sicherung der Blinden
gebracht, die Sorge um die Existenzfähigkeit überhaupt ist im wesentlichen
gebrochen. Das könnte bei gutem W illen eine Reform des Blindenhandwerks
erleichtern. Freilich wird mancher einsehen müssen: Für „Geschäfte“ ist
die ehrliche Arbeit Blinder nicht gedacht — und auch gar nicht so gut geeig¬
net, wie es manchmal scheint. Wir können jedoch in diesem Rahmen den
Komplex der Absatzfragen und -methoden nicht erörtern. Schon aus rein
pädagogischen und psychologischen Gründen müssen wir aber nach wie vor
nach neuen Arbeitsmöglichkeiten für Blinde suchen. Die letzten 150 Jahre
haben uns aber eindeutig gelehrt, daß dies nicht leicht ist, und wir dürfen
daher den Zustand der geringen Auswahlmöglichkeit nicht künstlich dra¬
matisieren. Es gibt Länder, die mit nur einem Blindenberuf gut auskommen
(Japan: Masseurberuf), und schließlich findet auch nur selten ein Sehender
in seinem Berufe die Erfüllung aller seiner "W ünsche und Träume.
In den b ereinigten Staaten, wo die Entwicklung der Blindenarbeit zunächst
etv a der unseren entsprach, ist man heute bewußt von einem weiteren Aus¬
bau der typischen Blindenhandwerke abgerückt, weil man hier eine doch
nicht zu überschreitende Begrenzung erkannt haben will. In den „Vocational
Schools“ und „Adjustment Centers for Blind Workers“ werden Blinde und
Erblindete in allen denkbaren alltäglichen Handgriffen, Verrichtungen und
Situationen bis zu einer individuellen maximalen Fertigkeit geschult und
trainiert (also etwa vom Salz-in-die-Suppe-Streuen bis zum Verreisen ohne
Begleitung), und der so den allgemeinen Lebensbedingungen besser an¬
gepaßte Blinde wird dann in irgendeinen Beruf vermittelt, für den gerade er
als Indi\ iduum geeignet ist. Diese Methode ist sicherlich sehr gut und
erfolgreich, in Deutschland stehen aber wohl noch keiner Anstalt oder
Organisation die hierzu erforderlichen Geld- und Personalreserven zur Ver¬
fügung.
Für uns in Steglitz kommt hinzu, daß wir auf einer politischen Insel leben,
denn auch eine Blindenanstalt braucht für ihre Entwicklung Hinterland.
Auch auf dem Gebiete des Blindenhandwerks werden die Blindenbildungs-
anstalt und das Blindenhilfswerk Berlin sich aber immer ihrer Tradition
bewußt sein in dem Sinne — wie Thomas Mann sagt — , daß das Leben
eine Aufgabe, eine Pflicht sei, die uns von der Vergangenheit, deren Produkt
vir sind, auf erlegt wurde. Von unseren Vorbildern in der Blindenpädagogik
vollen wir drei Dinge mit in die Zukunft nehmen: Verantwortungsbewußt¬
sein, eine ausdauernde, aber sachliche Liebe zum Werk — und Bescheidenheit.
81
Rückgang der Blindheit in den letzten 150 Jahren
infolge der Fortschritte in der Augenheilkunde
Von Professor Dr. med. Kurd Vogelsang
Chefarzt der Augenabteilung
des Städtischen Rudolf-Virchow-Krankenhauses
„Im Jahre 1850 waren noch 35% der Erblindungen in Deutschland durch
Pocken (Variola) verursacht.“
So schreibt Professor Karl L i n d n e r aus Wien in seinem Lehrbuch der
Augenheilkunde 1952, d. h. nach 100 Jahren.
V enn wir uns in den vorliegenden Zeilen über den Rückgang der Blindheit
in den letzten 150 Jahren unterhalten, so ist dieser eine Satz eine eindrucks¬
volle Einleitung.
Auch in dem Artikel über die Blindheit von A. Eugen Fick (1918, Hand¬
buch der gesamten Augenheilkunde) werden in der Statistik der Erblindungs-
ursachen die Pocken aufgeführt. Selbst als Augenarzt, der jahrzehntelang
in seinem Fach tätig ist, hat man, wenigstens in Europa, eine Pocken -
erkrankung nicht mehr gesehen.
Bei der echten Variola erkrankt die Hornhaut in etwa 70% der Fälle; durch
diese Komplikation besteht die Gefahr der Erblindung.
Wir können die Pockenerkrankung als Erblindungsursache in unseren Breiten
vollständig streichen.
Weiterhin können wir die Augen-Diphtherie kurz behandeln. Auch bei dieser
Infektionserkrankung besteht durch die Hornhautkomplikation Gefahr für
das Augenlicht. Die Diphtherie spielt heutzutage in der Augenheilkunde so
gut wie keine Rolle mehr.
Wiederum müssen wir Professor L i n d n e r zitieren :
Das Trachom — die ägyptische Augenentzündung — , diese früher so ge¬
fürchtete Erkrankung, ist in unserer Bevölkerung verschwunden.
Was diese lapidaren Sätze bedeuten, kann nur derjenige ermessen, der seit
etwa 30 Jahren Augenarzt ist. — Noch in den 20er Jahren gab es in jeder
größeren Augenklinik ständig den Patienten mit „altem“ Trachom und einige
wenige frische Erkrankungen.
Es ist bekannt, daß die Granulöse (Körner- Krankheit = Trachom) auch
heute noch auf Infektion mit unbekanntem Virus zurückgeführt wird. Die
Krankheit ist ansteckend; die Übertragung geschieht durch Kontaktinfektion
(gemeinsame Benutzung von Wäsche, Geräten usw.).
82
T
Die Gefahr des Trachoms beruht in der Narbenbildung der Bindehaut; diese
Narbenbildung führt zur sekundären Schädigung der Hornhaut. Die Horn¬
hautkrankheit bedingt die spätere Erblindung.
Es ist keine 15 Jahre her, daß die Sulfonamid-Therapie in die Behandlung
des Trachoms eingeführt wurde, wie alles Neue großer Kritik ausgesetzt;
es hieß zuerst, daß nur zusätzlich die Begleiterscheinungen reduziert wurden,
aber es ist doch so, daß das Trachom trotz der großen Völkerverschiebungen
des letzten Jahrhunderts in Europa als praktisch erloschen betrachtet werden
kann.
Selbstverständlich muß auch heute der Augenarzt bei hartnäckigen folli¬
kulären Bindehautentzündungen an das Vorliegen eines Trachoms denken,
und der angehende Augenarzt muß die Klinik des Trachoms beherrschen.
Zugänge zu den Blindenanstalten sind aus der Gruppe der Trachomkranken
aber kaum mehr zu erwarten. — Es wäre reizvoll zu erfahren, wie der Zu¬
gang von Erblindungen in den noch heute vom Trachom befallenen Ländern
ist (Nah- Orient, Ägypten u. a.).
Besondere Aufmerksamkeit bedarf bei Besprechung der Erblindungsursache
der Eiterfluß der Neugeborenen. Bis vor 20 Jahren bildeten die am Augen¬
tripper erblindeten Kinder einen hohen Prozentsatz der Insassen der Blinden¬
anstalten. Für denjenigen, der seit etwa 30 Jahren als Augenarzt tätig ist,
ist es eine bedeutsame Tatsache, daß auch diese Erkrankung, vergleichbar
mit dem Trachom, fast nicht mehr vorhanden ist.
Als ich im Jahre 1940 in die Augenabteilung des Rudolf -Virchow-Kranken-
hauses eintrat, fand ich dort ein besonderes Zimmer für die Blennorrhoe-
Kinder vor, das meistens belegt war. Die Blennorrhoe -Behandlung gehörte
mit zu den schwierigsten und aufopferungsvollsten Aufgaben der Augenheil¬
kunde. Tag und Nacht mußten die sogenannten großen Spülungen vor¬
genommen werden, und trotzdem konnte die Einschmelzung des vorderen
Augenabschnittes nicht auf gehalten werden.
Es ist heute auch noch so, daß die Crede’sche Prophylaxe (Einträufeln von
V2%iger Silbernitratlösung) durch die Hebammen gesetzliche Maßnahme ist.
Ob bei Veränderungen der therapeutischen Maßnahmen eine Aufhebung
dieser gesetzlichen Maßnahme erfolgen kann, bleibt abzuwarten.
Selbstverständlich kommen einzelne Erkrankungsfälle immer noch vor; sie
werden in Hautkliniken oder geburtshilflichen Abteilungen oder draußen in
der Praxis zuerst beobachtet und dann der Augenklinik zugewiesen.
Die Prognose ist durch die Sulfonamid- und Penicillin-Therapie gänzlich
umgestellt und so erfolgreich geworden, daß eine schwere Komplikation, die
zur Erblindung führen könnte, wirklich so gut wie nicht mehr vorkommt. * —
Über diese hygienischen Fortschritte kann man sich nur freuen.
Allerdings erfordert nach wie vor die Beobachtung jedes einzelnen Krank¬
heitsfalles große Wachsamkeit und auch Kenntnis der Diagnose und The¬
rapie.
83
Wenn E. Fick unter den Erblindungsursachen Masern, Scharlach, Typhus,
Kindbettfieber angibt, so spielen diese Erkrankungsformen in bezug auf Er¬
blindung so gut wie keine Rolle mehr.
Spricht man von angeborener Blindheit, so könnten in seltenen Fällen die
Lider teilweise oder in ganzer Ausdehnung verwachsen sein. Meist ist hinter
den verschlossenen Lidern der Augapfel nur unvollständig entwickelt oder
fehlt vollständig (Anophtlialmus).
Ein neues Krankheitsbild, welches zur angeborenen Blindheit führt, ist die
hinter der Linse gelegene Glaskörperverschwartung. Diese Erkrankung, die
1942 erstmalig beschrieben wurde, entwickelt sich in den ersten Lebens¬
wochen oder -monaten, und zwar bei unreifen und untergewichtigen Neu¬
geborenen, vorzugsweise Frühgeburten.
Es kommt zu einer schweren Erkrankung des hinteren Augenabschnittes, vor
allem zu dichten Glaskörperverschwartungen. Dieses Krankheitsbild wird in
Zukunft etwas häufiger werden, weil die Kinderheilkunde große Fortschritte
in der Behandlung von Frühgeburten gemacht hat.
Es kann sein, daß in den Blindenanstalten Aufnahmen erfolgen werden,
deren Ursache in dieser Erkrankung liegt. Ob die Fibroplasie behandlungs-
fähig oder besserungsfähig ist, läßt sich heute mit Sicherheit nicht sagen; auf
jeden Fall handelt es sich um ein sehr ernstes Krankheitsbild, was in der
Mehrzahl der Fälle zur Erblindung führen wird.
Der jugendliche grüne Star (Hydrophthalmus, Buphthalmus) hat seine
Schrecken noch nicht verloren. Auch bei der weit fortgeschrittenen konserva¬
tiven und operativen Behandlung der Drucksteigerungen am Auge ist die
Prognose beim kindlichen grünen Star als ungünstig zu bezeichnen.
Die Kinder haben ein schweres Schicksal; sie sind durch die Vergrößerung
der Augäpfel äußerlich erkennbar entstellt, vielfach von Schmerzen geplagt.
Wiederholte Operationen bringen vielfältiges Leiden, und die Beeinträchti¬
gung des Sehvermögens und des Gesichtsfeldes durch Schädigung des Seh¬
nerven läßt sich nicht aufhalten. Das Buphthalmuskind wird nach wie vor
in den Blindenanstalten zu finden sein. Vielfach wurde ein Auge entfernt.
Auf erbliche Einflüsse ist zu achten.
Wenn man sich die Frage auf erlegt, ob die hohe Kurzsichtigkeit (Myopie)
als Erblindungsursache zu- oder abgenommen hat, so ist darauf hinzuweisen,
daß durch die seit 50 Jahren bestehende Möglichkeit, die Netzhautablösungen
einer operativen Behandlung zu unterziehen, wesentliche Gefahrenmomente
herabgemindert sind. — Im jugendlichen Alter kann auch heute eine sehr
schwerwiegende Myopie durch Netzhautablösung zur Erblindung führen mit
geringer Aussicht einer operativen Behandlung und Besserung. Die Zahl der
Erwachsenen, welche zumindest auf beiden Augen infolge hoher Kurzsichtig¬
keit blind werden, hat sicher abgenommen.
Das Gliom der Netzhaut ist eine der gefährlichsten Geschwülste des Auges,
und es entwickelt sich meist im ersten Kindesalter. Häufig tritt die Ge-
84
schwulst beidseitig auf. Selten werden Eltern damit einverstanden sein, daß
man beide Augen entfernt. In solchen Fällen können Radiumbestrahlungen
versucht werden.
Eine sorgfältige Diagnosenstellung ist notwendig, weil ähnliche Krankheits-
bilder aus anderer Ursache Vorkommen. Gliom-Kinder werden nach wie vor
in den Blindenanstalten anzutreffen sein.
Tuberkulose, Skrofulöse und auch Syphilis an den Augen nehmen ab. Die
Prognose der schweren skrofulösen Augenentzündungen ist günstiger ge¬
worden. Dichte Narbentrübungen werden seltener. Die tiefe Hornhaut¬
entzündung auf kongenital syphilitischer Grundlage (Keratitis parenchyma-
tosa) gehört heute zu Seltenheiten und wird von den Assistenten in der
Augenklinik kaum noch gesehen. —
Außerdem sind bei Endzuständen von schweren Augenerkrankungen mit
dichten Hornhauttrübungen neue Möglichkeiten einer Besserung durch die
Ausbreitung der Hornhautüberpflanzung (Keratoplastik) entstanden.
In den letzten 20 Jahren hat dieses operative Verfahren, an dessen Vervoll¬
kommnung Herr Professor L ö h 1 e i n , Berlin, maßgeblich beteiligt war,
an Bedeutung zugenommen. Es gibt einzelne Krankheitsfälle in verschiede¬
nem Lebensalter, die durch eine Hornhautüberpflanzung (es kann Hornhaut¬
material vom Leichenauge überpflanzt werden) gebessert werden können.
Allerdings gehört zur Hornhautüberpflanzung eine sorgfältige Indikations-
stellung jedes einzelnen Krankheitsfalles und eine sehr erfahrene operative
Technik und Nachbehandlung.
Die Hornhautüberpflanzung ist ein eigenes Kapitel der Augenheilkunde ge¬
worden. Der Wunsch, eine Erblindung bei Trübung der Hornhaut zu heilen,
ist schon 100 Jahre alt. Selbstverständlich kann die Besserung des Seh¬
vermögens nur dann eintreten, wenn die Linse und der Glaskörper klar sind
und Sehnerv und Netzhaut funktionieren. —
Man geht so vor, daß von einem Leichenauge ein Stück klare Hornhaut
heraustrepaniert wird; dieses Stück wird nach Entfernung der getrübten
Partie am kranken Auge zum Inplantat, d. h. zu dem zur Heilung bestimm¬
ten Stück. Eine Fülle von Komplikationen können den Erfolg in Frage stellen,
z. B. Einwachsen von Gefäßen, Verschwartungen durch Blutungen, Gefähr¬
dung durch grauen und grünen Star. Der Arzt ist bei jedem Patienten, bei
dem eine Hornhautüberpflanzung in Frage kommt, auch seelisch in einer
schwierigen Lage, weil er nicht sicher ist, ob die Hoffnungen des Patienten
erfüllt werden können.
Gerade bei jugendlichen Blinden sollte man mit zu optimistischen Schilde¬
rungen vorsichtig sein.
LIngeklärte Vergiftungen können durch Sehnervenschwund zur Erblindung
führen; im jugendlichen Alter werden Tabak und Weingeist seltener als
Ursache in Frage kommen.
Einen großen Prozentsatz der Erblindeten stellen nach wie vor Patienten
mit jugendlichem Star dar. Es kommt allerdings heutzutage seltener vor,
85
daß die Operationen des jugendlichen grauen Stars zu keinem Erfolg geführt
haben. Infolge entzündlicher Prozesse und Verwachsungen an der Pupille
wird ein brauchbares Sehvermögen nicht erzielt. Die sympathische Ophthal¬
mie, d. h. die Entzündung des zweiten Auges nach Verletzung oder Opera¬
tion des anderen Auges, ist ebenfalls unter den heutigen therapeutischen
Situationen fast gar nicht mehr anzutreffen.
Zusammenfassend ist zu sagen, daß die Augenheilkunde in der Tat in den
letzten 150 Jahren solche Fortschritte gemacht hat, daß sich das Krankengut
weitgehend verändert hat. Dadurch haben sich auch die Erblindungsursachen
verändert und das Menschengut der Blindenanstalten; die Zahl der Erblin¬
dungen hat abgenommen.
Die Blindenselbsthilfe seit 1945
Von Dr. Alfons Gott w a 1 d
Vorsitzender des Deutschen Blindenverbandes
Im Jahre 1872 wurde in Hamburg die erste Blindengenossenschaft und im
Jahre 1874 in Berlin der erste Blindenverein, nämlich der „Allgemeine
Blindenverein Berlin“, gegründet. Damit war die Blindenselbsthilfe auf den
Plan getreten.
Die Entwicklung bis zum heutigen Tage erfolgte in drei Abschnitten. Der
erste reicht bis zum Jahre 1912, dem Jahr der Gründung des Reichsdeutschen
Blindenverbandes; dann folgt die Wirksamkeit des Reichsdeutschen Blinden¬
verbandes bis zum Jahre 1945. Den dritten Abschnitt bildet die Zeit von
1945 bis zum heutigen Tage.
Die beiden ersten Abschnitte werden ausführlich in einer Schrift behandelt,
die der Deutsche Blindenverband herausgibt und die demnächst erscheinen
wird. Der dritte Abschnitt befindet sich zu sehr im Fluß, als daß es schon
angezeigt wäre, eine ausführliche Darstellung zu geben. Das Wegstück, das
wir seit 1945 zurückgelegt haben, ist hierfür noch zu kurz.
Wohl aber ist es richtig, sich einmal umzuschauen und einen Überblick
über das zu verschaffen, was erreicht wurde und was noch zu erreichen ist.
I.
Infolge des Zusammenbruchs von 1945 mußte auch die Organisation der
Blindenselbsthilfe, der Reichsdeutsche Blindenverband mit seinen Unter¬
gliederungen, seine Tätigkeit einstellen. In der sowjetischen Zone wurde sie
nicht wieder aufgenommen. Dort ist das Bestehen von Blindenvereinen ver¬
boten. Dort gibt es keine Verbände der Blindenselbsthilfe mehr.
Infolge der besonderen Verhältnisse in Berlin nahm auch der Reichsdeutsche
Blindenverband als solcher seine Tätigkeit nicht wieder auf. Für die in den
westlichen Besatzungszonen gelegenen Blindenerholungsheime Timmen¬
dorfer Strand, Kniebis und Wertheim wurden gerichtliche Abwesenheits-
pfleger bestellt, so daß diese Heime während einer Übergangszeit bis zur
Übernahme durch den Deutschen Blindenverband ein Eigenleben führten.
Das in der sowjetischen Zone gelegene Vermögen des Reichsdeutschen Blin¬
denverbandes wurde von sowjetzonalen Stellen übernommen.
In den Westzonen nahmen dagegen die Landesblindenvereine in den Jah¬
ren 1945/46 ihre Tätigkeit wieder auf, und auch der „Allgemeine Blinden¬
verein Berlin folgte bald nach. Zum Teil waren es die gleichen Männer
87
wie vor dem Zusammenbruch; zum Teil traten neue Männer an die Spitze
der Vereine.
Das System der Besatzungszonen und der Neugliederung der Länder brachte
auch eine Veränderung in der Organisation der Blindenselbsthilfe mit sich.
In Baden- Württemberg bildeten sich zwei Badische Blindenvereine, einer
für Nordbaden (amerikanische Zone), einer für Südbaden (französische Zone).
In Übereinstimmung mit der Schaffung des Landes Niedersachsen wurden
die in diesem Gebiet tätigen Blindenvereine zum ,, Blindenverband Nieder¬
sachsen“ zusammengefaßt.
Heute gibt es in jedem Land der Bundesrepublik und in West-Berlin einen
dem Deutschen Blindenverband angeschlossenen Blindenverein. In den Län¬
dern Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg gibt es je drei, und zwar
in Nordrhein-Westfalen den Blindenverband Nordrhein sowie den West¬
fälischen und den Lippischen Blindenverein und im Lande Baden- Württem¬
berg den Württembergischen Blindenverein, den Blindenverein Südbaden mit
der Geschäftsstelle in Freiburg und den Badischen Blindenverein (für Nord-
baden) mit der Geschäftsstelle in Mannheim.
Die Blindenvereine der britischen Zone schlossen sich im Jahre 1946 zum
,, Deutschen Blindenverband e. V. im Gebiet der britischen Zone“ zusammen.
Vorsitzender war Hans Klötscher, Braunschweig, und seit 1947 Her¬
mann Pothmann, Essen.
Die Blindenvereine der amerikanischen Zone gründeten keinen die ganze
Zone umfassenden eingetragenen Verein, sondern sie bildeten unter der Füh¬
rung von Otto G 1 ä n z e 1 , Stuttgart, eine Arbeitsgemeinschaft unter dem
Namen „Deutscher Blindenverband im Gebiete der amerikanischen Zone“.
In der französischen Zone fand überhaupt keine Zusammenfassung statt.
Im November 1947 kamen Vertreter der beiden deutschen Blindenverbände
von der britischen und amerikanischen Zone in Wiesbaden zusammen. Es
wurden eine Reihe von sachlichen Problemen des Blindenwesens besprochen.
Zu einer ständigen Zusammenarbeit der beiden zonalen Verbände kam es je¬
doch nicht.
Eine Sonderentwicklung ging in den Jahren 1947 und 1948 in der britischen
Zone vor sich. Sie hatte allerdings nur episodischen Charakter. Ich meine die
Ausschüsse für das Blindenwesen. In jedem Land der britischen Zone wurde
ein solcher Ausschuß gebildet, bestehend aus sieben Personen: zwei Kriegs¬
blinden, zwei Zivilblinden, einem Vertreter der Blindenanstalten und zwei
Behördenvertretern. Die Ausschüsse für das Blindenwesen hatten aber ledig¬
lich beratende und empfehlende Funktion.
Über den Ausschüssen der Länder stand der Zonenausschuß für das Blinden -
wesen mit Hans Voigt (kriegsblind), Hamburg, als Vorsitzendem und
Dt. Alfons Gott wald (zivilblind), Timmendorfer Strand, als stellver¬
tretendem V orsitzenden, an der Spitze. Diesem Zonenausschuß gehörte als
Behördenvertreter Dr. W e b e r — der spätere Sozialminister von Nord-
rhein-Westfalen und Schöpfer des Nordrhein- Westfälischen Blindengeld¬
erlasses von 1951 — an.
88
Eine Zeitlang existierte auch unter Professor Dr. Carl Str ehl ein Tri-
zonenausschuß, der die drei Westzonen umfaßte, in der amerikanischen und
französischen Zone aber keinen Unterbau hatte.
Das Positive dieser Ausschüsse lag darin, daß in ihnen die Vertreter der
Blindenselbsthilfe und die Behördenvertreter gemeinsam an einem Tische
die Probleme durchsprachen. Darüber hinaus aber haben sie keinerlei Be¬
deutung erlangt. Sie haben dann auch ihre Tätigkeit im Jahre 1949 ein¬
gestellt. Die gesamte Arbeit wurde von den Organisationen der Blindenselbst¬
hilfe durchgeführt. Lediglich in Nordrhein- Westfalen besteht heute noch
der Landesblindenausschuß, dem die Selbsthilfeorganisationen einige zentrale
Aufgaben zugewiesen haben.
Mit der Gründung der Bundesrepublik war dann der Zeitpunkt gekommen,
auch die Selbsthilfeverbände des Blindenwesens bundesweit zusammenzu¬
fassen. Im Oktober 1949 wurde in Meschede der ,, Deutsche Blindenverband
e.V., Spitzenverband der Blinden im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland“,
gegründet1). Vorsitzender des Verbandes wurde der Geschäftsführer des Baye¬
rischen Blindenhundes Friedrich Paul, München, dem ein Jahr später der
Geschäftsführer des Schleswig-Holsteinischen Blindenvereins, Dr. Alfons
Gottwald, Timmendorfer Strand, folgte. Ende November 1953 wurde
die Verbandsgeschäftsstelle von Timmendorfer Strand nach Bad Godesberg
verlegt, wo der Verband ein eigenes Haus erworben hat. Zur Zeit setzt sich
der Verbandsvorstand folgendermaßen zusammen:
Geschäftsführender Vorsitzender:
Dr. Alfons Gottwald,
Amtsgerichtsrat z. Wv. und Rechtsanwalt;
Stellvertretender Vorsitzender :
Dr. Horst Geissler,
Regierungsrat im Bundesminislerium des Innern;
Beisitzer:
Frau Dr. Heister,
Geschäftsführerin des Blindenhundes in Hessen;
Emst Sontheim,
Telefonist bei der Stadt Kempten und Vorsitzender des Bayerischen
Blindenhundes sowie Leiter der Allgäuer Blindenarbeitszentrale;
Alfred Stoeckel,
Konzertsänger und Vorsitzender des Allgemeinen Blindenvereins Berlin;
Wilhelm Marhauer,
geschäftsführender Vorsitzender des Blindenverbandes Niedersachsen und
Geschäftsführer der Konzertgemeinschaft blinder Künstler Deutschlands
e. V.
*) Am 5. Juni 1956 trat der Blindenverein für das Saarland e. V. dem Deutschen Blinden¬
verband e. V. als 15. Mitgliedsverein bei.
89
Neben dem Deutschen Blindenverband e. V. steht der Bund der Kriegs¬
blinden Deutschlands e. V. Beide Organisationen arbeiten in allen Fragen
kameradschaftlich zusammen.
Als spezielle Organisationen der Blindenselbsthilfe bestehen: Der Verein blin¬
der Geistesarbeiter Deutschlands e. V., Sitz Marburg, die Konzertgemeinschaft
blinder Künstler Deutschlands e. V., Sitz Hannover, und als Spitzenorgani¬
sation des Blindenhandwerks die Deutsche Blindenarbeit e. V., Sitz Bonn.
Die Deutsche Blindenarbeit e. V. ist ein Dachverband, der aus drei selbstän-
digen Sparten besteht, nämlich aus dem Verband für das Blindenhandwerk
e. V., Sitz Bonn (Zivilblindensparte), der Kriegsblindenhandwerkerfürsorge
G. G. m. b. H., Sitz Bonn, und der Arbeitsgemeinschaft der Blindenbildungs¬
anstalten, Sitz Hannover.
II.
Die Aufgaben der Blindenselbsthilfe sind sozialpolitischer, fürsorgerischer,
kultureller und rein menschlicher Art.
Die Grundkonzeption knüpft an die allgemeinen Menschenrechte an, wie sie
jetzt in den Artikeln 1 bis 3 des Bonner Grundgesetzes niedergelegt sind.
„Auch der Blinde hat ein Recht auf Leben in Würde“ hieß es auf dem
Spruchband, mit dem das Rednerpodium beim ersten Zivilblindenparlament
am 19. September 1951 in Bonn geschmückt war. Auch der Blinde hat ein
Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, das durch Artikel 2 des Grund¬
gesetzes allen Bürgern der Bundesrepublik garantiert wird. Aus diesen
Grundrechten folgen insbesondere das Recht auf Arbeit, das Recht auf Aus¬
bildung und das Recht auf Blindengeld. Dies ist mit wenigen Worten das
sozialpolitische Programm der heutigen Blindenselbsthilfe.
Das Recht auf Arbeit wurde für die Zivilblinden im Schwerbeschädigten -
gesetz von 1953 verankert. Während das alte Schwerbeschädigtengesetz von
1923 nur die Möglichkeit der Gleichstellung vorsah, sind die Zivilblinden
jetzt von Gesetzes wegen Schwerbeschädigte und haben damit einen Rechts¬
anspruch auf einen Arbeitsplatz. Dieser Erfolg der Blindenselbsthilfe kann
gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Idee des sozialen Rechts¬
staates (Artikel 20 des Grundgesetzes) hat hier Gestalt gewonnen. Seitdem
besteht die Arbeit des Deutschen Blindenverbandes und seiner Untergliede¬
rungen darin, das Gesetz in die Wirklichkeit umzusetzen, d. h. dafür zu
sorgen, daß die Zivilblinden Arbeitsplätze in Wirtschaft und Verwaltung
erhalten.
Auf dem Gebiet der Berufsausbildung ist unser Ziel noch nicht erreicht.
Zwar wurde durch das Fürsorgeänderungsgesetz von 1953 der § 6 e RGr.
dahin ergänzt, daß zum notwendigen Lebensbedarf bei Blinden auch „Hilfe
zur Ausbildung für einen angemessenen Beruf“ gehört. Aber diese Hilfe
wird nur im Rahmen der öffentlichen Fürsorge gewährt; d. h., damit ein
Blinder eine sachgemäße berufliche Ausbildung erhalten kann, werden er
und seine Angehörigen für eine nicht unerhebliche Zeit auf das Niveau von
90
Fürsorgeempfängern herabgedrückt. Daß diese Regelung — so großzügig
auch die Fürsorgebehörden sein mögen — dem Recht auf Leben in Würde
nicht entspricht und darüber hinaus den Rehabilitationswillen nicht stärkt,
dürfte ohne jeden Zweifel sein. Hier liegt eine Aufgabe, die noch zu lösen ist.
In diesem Zusammenhang sei die blindentechnische Grundausbildung, also
der Unterricht in Blindenschrift und Maschineschreiben, hervorgehoben. Es
hat Sozialministerien gegeben, die sich auf den Standpunkt stellten, daß sie
die Mittel für die blindentechnische Grundausbildung späterblindeter Bürsten¬
macher nicht bewilligen, weil ein Bürstenmacher, der in einer Blindenwerk¬
statt arbeitet, zur Verrichtung dieser Arbeit nicht die Punktschrift und das
Maschineschreiben zu beherrschen brauche. Erst durch eine Eingabe des
Deutschen Blindenverbandes hat das Bundesministerium des Innern klar¬
gestellt, daß auch ein blinder Bürstenmacher im Rahmen des § 6 e RGr. die
Kosten für die blindentechnische Grundausbildung erstattet erhält. Es hat
nämlich bestätigt, daß in der Regel die Kosten für diese Ausbildung unter
§ 6 e RGr. fallen (vgl. Blindenwelt 1952, Heft 11).
Auch die Durchführung der Umschulungsmaßnahmen hat die Blindenselbst¬
hilfe vielfach in die eigene Hand genommen. Die Telefonistenausbildung in
Kempten, durchgeführt von der „Fachgruppe Telefonisten des Bayerischen
Blindenhundes“, ist nicht nur in Deutschland, sondern vielfach auch im Aus¬
land weitgehend bekannt. Andere Landesblindenvereine führten Kurse für
bindentechnische Grundausbildung, für Umschulung zum Stenotypisten, für
Weiterbildung von Masseuren sowie hauswirtschaftliche Lehrgänge für blinde
Frauen und Mädchen durch. Die Einrichtung einer Industrieumschulungs-
stätte für Späterblindete ist ein Problem, das hoffentlich bald seiner Ver¬
wirklichung zugeführt werden kann.
Neben Berufsumschulung und Berufseinsatz ist das wichtigste Problem, mit
dem sich die Blindenselbsthilfe seit dem Jahre 1945 befaßt hat, das Problem
des Blindengeldes.
Es ist völlig ausgeschlossen, auf wenigen Druckseiten von der Entwicklung
dieses Problems ein auch nur einigermaßen vollständiges Bild zu geben. Das
muß einer besonderen Schrift Vorbehalten bleiben. Es sei mir daher gestattet,
mich auf nachstehenden Überblick zu beschränken:
1949: Bayerisches Blindengeldgesetz
1950: Hessisches Blindenpflegegeldgesetz
1951: Nordrhein-Westfälischer Blindenpflegegelderlaß
1952: Berliner Blindenpflegegelderlaß
1953: Schaffung des § 11 f RGr. durch das Fürsorgeänderungsgesetz
1953: Bayerisches Blindenpflegegeldgesetz
(Blindenpflegegeld von 90, — DM mtl. ohne Einkommensgrenze)
1954: Berliner Blindenpflegegeldgesetz
(Blindenpflegegeld von 90, — DM mtl. ohne Einkommensgrenze)
1955: Neuer Nordrhein- Westfälischer Blindenpflegegelderlaß
(Blindenpflegegeld von 90, — DM mtl. Einkommensgrenze:
410, — DM mtl., bei Berufstätigen 470, — DM mtl.).
91
Welche unendliche Kleinarbeit des Deutschen Blindenverbandes und seiner
Mitgliedsvereine sich hinter dieser Aufzählung gesetzlicher Bestimmungen
verbirgt, kann nur der ermessen, der an dieser Arbeit teilgenommen hat.
Sie ist noch nicht beendet, das Ziel ist noch nicht erreicht.
Erstrebt wird als sozialpolitische Maßnahme, die jedem Blinden helfen soll,
sich in der menschlichen Gesellschaft zu behaupten, ein allgemeines Blinden¬
geld ohne Einkommensgrenze in der gesamten Bundesrepublik.
Neben der sozialpolitischen Arbeit hat die fürsorgerische Tätigkeit der
Blindenselbsthilfe keineswegs an Bedeutung verloren. Im Gegenteil. Was
den Umfang der Tätigkeit betrifft, so steht sie bei den Mitgliedsvereinen
des Deutschen Blindenverbandes an erster Stelle. Allerdings hat sich die Art
unserer Fürsorgearbeit gegen früher wesentlich verändert.
Durch die Erfolge der Blindenselbsthilfe auf beruflichem Gebiet und auf
dem Gebiet des Blindengeldes ist die frühere Massennot der Blinden beseitigt.
Es ist nicht mehr notwendig, immer und überall mit kleinen Geldbeihilfen
auszuhelfen, die doch nur einen Tropfen auf den heißen Stein bedeuteten.
Zwar werden auch in Zukunft — wie unter Sehenden, so auch unter
Blinden — Menschen in wirtschaftliche Bedrängnis geraten, und es ist eine
selbstverständliche Aufgabe unserer Schicksalsgemeinschaft, ihnen zu helfen.
Es ist aber zu hoffen, daß es Einzelfälle bleiben. Hierfür im Rahmen der
Sozialreform Sorge zu tragen, ist eine weitere wichtige Aufgabe der Blinden¬
selbsthilfe.
Indem die Blindenvereine auf dem Gebiet individueller Geldbeihilfen ent¬
lastet werden, bekommen sie Arbeitskraft und Mittel für die Durchführung
anderer fürsorgerischer Aufgaben frei. So konnten sie sich mit Erfolg der
Schaffung von Wohnungen für Blinde, der Errichtung von Wohn-, Er-
holungs- und Altersheimen widmen. So konnten sie in großem Umfange
'Radiogeräte und Blindenhilfsmittel an ihre Mitglieder abgeben. Im ein¬
zelnen habe ich die fürsorgerischen Leistungen der Blindenselbsthilfe in
meinem gleichnamigen Aufsatz in ,,Die Blindenwelt“ 1954, Heft 7/8, dar¬
gestellt und darf darauf verweisen.
Gegenüber der Frühzeit der Blindenselbsthilfe hat also eine zweifache
Akzentverschiebung stattgefunden. Der Schwerpunkt der Arbeit rückte von
der Fürsorge mehr und mehr zu dem sozialpolitischen Gebiet hin. Innerhalb
der fürsorgerischen Arbeit selbst trat die Unterstützung wegen wirtschaft¬
licher Notlage zurück gegenüber den wirklich produktiven Hilfen.
Im Vordergrund der kulturellen Arbeit stand die Errichtung der Deutschen
Blindenhörbücherei. Im Februar 1951 fand in Bonn die erste Besprechung
über dieses Thema statt; aber erst nach drei Jahren konnte nach mühevollen
Verhandlungen im Februar 1954 in Marburg die Deutsche Blindenhör¬
bücherei G. G. m. b. H. gegründet werden, und erst ein weiteres Jahr später
wurde im April 1955 der Leihverkehr aufgenommen.
Unter dem Gesichtspunkt unseres Themas bietet sich ein Vergleich mit der
Hamburger Punktschriftbücherei, der „Zentralbibliothek für Blinde“ an.
92
Im Jahre 1905 fand sich in Hamburg ein Kreis von sehenden Blinden¬
freunden zusammen und schuf einen Fürsorgeverein mit der Aufgabe, eine
Punktschriftbibliothek zu errichten. Ganz anders der Vorgang 50 Jahre
später. Jetzt traten die beiden großen Verbände der Blindenselbsthilfe zu¬
sammen und gründeten in Gemeinschaft mit zwei führenden Blinden -
einrichtungen und unter engster Fühlungnahme mit dem Bundesministerium
des Inneren eine gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die
,, Deutsche Blindenhörbücherei“. Heute sind es die Blinden selbst, die sich
in kameradschaftlicher Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden ihre
Einrichtungen schaffen.
Damit will ich den Überblick über die Tätigkeit der Blindenselbsthilfe
abschließen. Es war nicht möglich, im Rahmen eines Aufsatzes in einer
Festschrift alle Einzelheiten zu schildern. Die Arbeit der Blindenselbsthilfe
ist so mannigfaltig wie das Leben selbst. Ich hoffe aber, daß es mir ge¬
lungen ist, mit wenigen Strichen ein anschauliches Bild von unserem
Wollen und Streben und von unserer Arbeit in den letzten zehn Jahren
zu zeichnen.
93
40 Jahre Bund der Kriegsblinden
\ on Friedrich Wilhelm H y m m e n ,
Hauptschriftleiter der Monatszeitschrift „Der Kriegsblinde“
Wenn sich die deutschen Kriegsblinden auch nicht rühmen wollen, einen
entscheidenden W andel im Blindenbildungswesen hervorgerufen zu haben,
so lassen sich doch Zusammenhänge eigener Art feststellen, die — wenigstens
seit 1914 die Geschichte der Blindenbildung mit der Geschichte des
Bundes der Kriegsblinden verbinden. Einzelne Wurzeln reichen auch weiter
zurück, so etwa die Einrichtung von Umschulungsstätten für die Kriegs¬
blinden der Freiheitskriege. Es waren fünf sogenannte „Werkschulen“, die
bedeutendste von ihnen in Königsberg, die lange Zeit hindurch bestanden
und mancherlei Anregungen ausstrahlten. Aber erst mit dem Jahr 1914
werden die Kriegsblinden zu einem Faktor im deutschen Blindenwesen,
zunächst noch passiv und geduldig, dann aber mehr und mehr aus eigener
Initiative handelnd. Ohne Frage hat sich damit ein Wandel in der gesell¬
schaftlichen Position aller Blinden vollzogen. Gewiß ist das zu einem guten
Teil nicht ein unmittelbares Verdienst des Bundes der Kriegsblinden,
sondern eine unvermeidliche Folge jener für die Umwelt und für die
Behörden neuen Situation: Das bis dahin übliche System, das im Grunde
auf eine Isolierung und Degradierung des Blinden hinauslief, ließ sich bei
diesen verwundeten Soldaten, die ja bis dahin als Sehende mitten im Leben
gestanden hatten, nicht amvenden. Der Unwille und der Protest der jungen
Kriegsblinden machte das sehr bald deutlich.
Schon Ende 1914 lagen etwa 190 erblindete Soldaten in den Lazaretten.
Was sollte mit diesen Männern geschehen? Die zuständigen Behörden waren
bei allem guten Willen — zunächst hilflos, sie entließen die Kriegs¬
blinden vielfach in die Heimat, sobald die Wunden ausgeheilt waren, ohne
Umschulung, ohne jede Fürsorge. Den Kriegsblinden stand ein unerträg¬
licher sozialer Abstieg bevor, denn die Bezüge nach dem Mannschafts-Ver¬
sorgungsgesetz von 1906 erlaubten kein lebenswertes Leben, ja, nicht einmal
die Gründung einer Ehe. Wenn überhaupt eine Umschulung vorgenommen
wurde, so beschränkte sie sich auf den traditionellen Beruf des Bürsten¬
machers, ohne daß man sich um den bisherigen Beruf des Kriegsblinden
viel kümmerte und ohne daß für die eigentliche Berufsausübung, also etwa
den Vertrieb der Ware, Vorsorge getroffen wurde. Ein Dasein des Elends
schien unvermeidbar, doppelt bedrückend dadurch, daß der Kriegsblinde
nach dem Wesen der Zeit dem mitleidigen Wohlwollen von Fürsorge- und
Wohltätigkeitsvereinen ausgeliefert war. So wurde schon zu Beginn des
Jahres 1915 zu öffentlichen Sammlungen zugunsten der Kriegsblinden auf-
gerufen. Mehrere Millionen Mark kamen zusammen, vor allem bei der
„Deutschen Kriegsblindenstiftung für Landheer und Flotte“, aber die Kriegs-
94
blinden selber hatten keinerlei Mitspracherecht bei der Verteilung dieser
Mittel, auch in den ersten Jahren nach der Gründung ihres Bundes noch
nicht. Der Reichsdeutsche Blindenverband, im Jahre 1911 gegründet, richtete
aus solchen Sammelerträgen ein Erholungsheim für Kriegsblinde in Binz
auf Rügen ein. Hier kamen im Sommer 1915 zum ersten Mal Kriegsblinde
zusammen. Bis dahin hatte kaum eine Verbindung zwischen ihnen bestanden,
kaum eine Möglichkeit zur Aussprache. So begann der Weg des Kriegs -
blindenbundes eigentlich hier in Binz, zunächst mit dem Schmieden von
Plänen, bald aber auch mit ernsthaften Aktionen. Dazu gehörte einige Ent¬
schlußkraft, denn der Gedanke der Selbsthilfe war noch neu, und er war
den Behörden obendrein höchst unwillkommen. Noch gab es keinen einzigen
deutschen Kriegsopferverband! In jeder Hinsicht mußte Neuland betreten
werden. Wohin der Weg führen sollte, mußte also im Ungewissen bleiben.
Bis Anfang Februar 1916 hatte ein kleiner Kreis aktiv gewordener Kriegs¬
blinder mühsam die Anschriften von rund 200 Kameraden erfaßt, die sich
bereit erklärt hatten, dem zu gründenden Verband beizutreten. So konnte
am 5. März 1916 die offizielle Gründung des ,, Bundes erblindeter Krieger
e. V.“ vollzogen werden. 37 Kriegsblinde waren dazu in einem Lokal in der
Linkstraße, nahe dem Potsdamer Platz in Berlin und nahe dem privaten
Kriegsblindenumschulungsheim der Frau von Ihne in der Bellevuestraße,
zusammengekommen. Vorsitzender wurde Wilhelm Hefermann, ein
damals 29jähriger Kriegsblinder, der vor dem Kriege Grubensteiger im
Ruhrgebiet gewesen war. Erheblich an der Gründung beteiligt war auch
der spätere Bundesvorsitzende bzw. langjährige Berliner Landesverbands -
Vorsitzende Axel Bischof f.
Mit einem Idealismus ohnegleichen gingen die führenden Kriegsblinden
daran, ihre Organisation auszubauen und schlagkräftig zu machen. Das
gelang trotz der Kriegsnot in erstaunlich kurzer Zeit, obwohl die Behörden
sich anfangs sogar weigerten, die Anschriften von Kriegsblinden heraus¬
zugeben. Schon 1916 entstanden in den meisten deutschen Bundesländern
Bezirksgruppen, im Januar 1917 kamen die ersten gedruckten Mitteilungen
heraus, ein Jahr später schon die Monatszeitschrift ,,Der Kriegsblinde“,
nachdem im Oktober 1917 der erste große Verbandstag Kriegsblinde aus
dem gesamten Reichsgebiet nach Berlin geführt hatte. Mitte Oktober 1918
traf man sich in Berlin zum ersten „Bundestag“ des Kriegsblindenbundes,
noch ganz im Zeichen der Kämpfe um die Anerkennung des Bundes als
Partner der Regierungsstellen und Behörden. Aber dann war es geschafft:
Die Voraussetzung dafür, daß die Stimme der Kriegsblinden gehört und
respektiert wurde, war nach drei Jahren erreicht, — ein Vorgang, dessen
historische Bedeutung nicht unterschätzt werden darf! Denn was in den
Jahren nach 1919 selbstverständlich wurde, etwa daß der zuständige Par¬
lamentsausschuß sich die Forderungen und Vorschläge der Kriegsblinden
vortragen ließ, war noch wenige Jahre zuvor als ganz und gar abwegiger,
utopischer Gedanke erschienen, selbstverständlich auch für den Kreis der
Zivilblinden.
95
Inzwischen aber war während der Kriegsjahre noch etwas weit Bedeut¬
sameres geschehen: Das Tor zur Welt neuer Blindenberufe war auf gestoßen
worden. Die jungen Kriegsblinden hatten sich innerlich nicht damit abfinden
können, vom Beruf des Kaufmanns oder des Beamten oder auch des Industrie¬
arbeiters zum Beruf des Bürstenmachers umzusatteln. In diesen Bestrebungen
fanden sie hervorragende sehende Helfer wie den Leiter eines Berliner Kriegs¬
blindenlazaretts, Geheimrat Dr. Paul Silex, einen damals berühmten
Augenarzt. Er war es, der zusammen mit seiner blinden Mitarbeiterin
Betty Hirsch sich über die teils grotesken Voreingenommenheiten der
Öffentlichkeit hinwegsetzte und für die Wünsche der Kriegsblinden Ver¬
ständnis hatte. Das begann im Herbst 1915, als Kriegsblinde in einer
Spandauer Munitionsfabrik die Arbeit aufnahmen — die ersten blinden
Industriearbeiter der Welt , das setzte sich fort mit der Entwicklung des
Telefonistenberufs, ebenso und schon 1916 — mit der Erschließung von
Büroberufen als Maschinenschreiber, Aktenhefter und dann auch als Steno -
typist, das fand seinen vorläufigen Abschluß mit dem ersten Kursus für
blinde Masseure, der im Oktober 1918 begann. Das Auftreten der Kriegs¬
blinden hatte auch die Gründung der Marburger Blindenstudienanstalt zur
Folge und nicht zuletzt auch — es war im August 1916 in Oldenburg —
die erste systematische Ausbildung des Blindenführhundes. Es war eine Zeit
des fruchtbaren Aufbruchs im gesamten Blindenwesen.
Der ,,Bund erblindeter Krieger“ förderte diese Entwicklung nach Kräften
und begann sehr früh mit einer Berufsfürsorge auch auf dem schon damals
schwierigen Gebiet des Blindenhandwerks. Eine Leistung besonderer Art
ist auch der Aufbau einer eigenen Kur- und Erholungsfürsorge. Schon 1919
wurde mit einem Pachtheim an der Ostsee der erste Versuch gemacht, und
seit 1920 mit dem Ankauf des ersten eigenen Kurheims — betreibt der
Verband eine umfassende Kurfürsorge, die allerdings heute dem ständig
noch anwachsenden Kurbedürfnis der Kriegsblinden nicht gerecht werden
kann, obwohl acht eigene Heime mit 576 Betten zur Verfügung stehen
(davon 276 Betten für die begleitenden Ehefrauen und für Kinder). Der
Aufbau der Handwerkerfürsorge begann ebenfalls kurz nach Ende des ersten
Weltkrieges, und zwar zunächst in einzelnen süddeutschen Bereichen, um
durch zentrale Übernahme von Einkauf und Verkauf den einzelnen kriegs¬
blinden Handwerker zu entlasten und ihm eine möglichst ergiebige Be¬
schäftigung zu sichern. Heute bestehen neun als gemeinnützig anerkannte
Arbeitsfürsorge -Einrichtungen des Verbandes, dazu als zentrale Institution
die „Deutsche Kriegsblindenhandwerkerfürsorge GmbH“. Über diese 40 Jahre
seit 1916 hinweg sind die meisten Aufgabengebiete die gleichen geblieben,
nicht zuletzt natürlich auch der hartnäckige Kampf um die Sicherung einer
gerechten Rentenversorgung. Der damalige „Bund erblindeter Krieger“
erreichte hier schon bei der Schaffung und Verbesserung des Reichsversor¬
gungsgesetzes von 1920 die Maßstäbe und Prinzipien, die bis heute gelten.
Damals allerdings, nach dem ersten Weltkrieg, waren es im ganzen Reichs¬
gebiet nicht ganz 5000 Männer, die als Soldaten ihr Augenlicht verloren
hatten. Sie fanden sich zu einer so engen, sich gegenseitig helfenden
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Schicksalsgemeinschaft zusammen, daß die machtpolitischen Organisations¬
eingriffe des Dritten Reiches ihnen nichts anhaben konnten. Es gelang
sogar, den Bund als ,,e. V.“ bis 1940 praktisch unangetastet zu erhalten,
auch wenn er als ,, Fachabteilung“ der NSKOV (der Kriegsopfergliederung
der NSDAP) geführt werden mußte.
Nach 1940 hatte sich der Bund aber erst eigentlich zu bewähren: Der zweite
Weltkrieg brachte rund 8000 Kriegsblinde mit sich (genau ließ sich die
Zahl nie erfassen), darunter auch Frauen und Kinder, die durch den Luft¬
krieg oder die Kämpfe bei der Besetzung des Landes ihr Augenlicht ver¬
loren hatten. Dieser zweiten Generation von Kriegsblinden standen alle
Organe des Kriegsblindenbundes in einer Weise zur Seite, die nicht genug
gerühmt werden kann. Den jüngeren Kriegsblinden wurde der Weg in ein
neues Leben, wenigstens bis Kriegsende, so leicht wie irgend möglich ge¬
macht, nicht zuletzt auch in psychischer Hinsicht. Vor allem aber blieben
den jüngeren Kriegsblinden die Kämpfe erspart, die zwischen 1915 und
1925 für sie ausgefochten worden sind: die Kämpfe um die Respektierung
von Berufs- und Bildungsmöglichkeiten, die auch dem Leben in Dunkelheit
einen Inhalt geben können.
Nicht erspart blieb ihnen jedoch das Elend einer Nachkriegszeit, die nicht
nur das Recht auf eine staatliche Versorgung, sondern sogar den Zusammen¬
schluß in einem Verband versagte. Sehr vorsichtig, aber dennoch mit ziel¬
strebiger Energie wurden nach 1945 in den einzelnen Ländern die Zellen
des Bundes wieder aufgebaut. Es entstanden zunächst selbständige Kriegs¬
blindenverbände auf Landes- oder Zonenebene, und im September 1949
schlossen sich diese zum ,,Bund der Kriegsblinden Deutschlands e. V.“ zu¬
sammen. Zum Vorsitzenden wurde der damalige Amtsgerichtsrat Dr. Peter
Plein gewählt, der schon von 1929 bis 1936 den Vorsitz innegehabt hatte.
(1953 übernahm Oberstudienrat i. R. Dr. Hans Ludwig den Vorsitz,
nachdem Dr. Plein in den Justizdienst zurückgekehrt war und bald darauf
Bundesrichter am Bundessozialgericht in Kassel wurde.) Die Neugründung
des Bundes erfolgte gerade rechtzeitig, um die wichtigsten Grundforderungen
der Kriegsblinden bei der Schaffung des Bundesversorgungsgesetzes durch¬
setzen zu können. Eine nicht geringere Aktivität erforderte die Berufs¬
fürsorge, vor allem die Vermittlung von Arbeitsplätzen. Die Kurfürsorge
mußte auf- und ausgebaut werden; nur vier Heime waren dem Bund ver¬
blieben, zwischen 1950 und 1955 konnten vier weitere Heime erworben und
eingerichtet werden. Auch in kultureller Hinsicht wurde manches unter¬
nommen: Die Monatszeitschrift ,,Der Kriegsblinde“ erscheint wieder seit
September 1949, dazu kommt in einer Auflage von jeweils mindestens
100 000 Exemplaren seit dem Winter 1950/51 das ,, Kriegsblindenjahrbuch“,
das bei der sehenden Umwelt für ein besseres Verstehen wirbt. Im Frühjahr
1952 wurde zum ersten Mal der ,, Hörspielpreis der Kriegsblinden“ verliehen,
der einzige auf Bundesebene bestehende Rundfunkpreis, gestiftet vom Bund
der Kriegsblinden als Dank an die Rundfunkautoren. Alljährlich entscheidet
ein Preisgericht, dem neun sehende Fachkritiker und neun kriegsblinde
Rundfunkhörer angehören, welches im Vorjahr von einer Rundfunkanstalt
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gesendete Hörspiel das beste des Jahres genannt werden kann. Die Kriegs¬
blinden wollen mit dieser Preisstiftung zeigen, daß sie vollen Anteil am
geistigen Leben haben, einen Anteil, den sie auch durch ihre Beteiligung an
dei Gründung und Leitung der Deutschen Blinden -Hörbücherei unter¬
streichen.
\ on vielen anderen Arbeitsgebieten des Bundes wäre noch zu berichten,
so etwa von der Arbeit der Blindensportgruppen, von der Wohnungs- und
Siedlungsfürsorge, von der Beteiligung des Bundes an maßgebenden Gremien
in Bonn, von den Bemühungen, auf dem Gebiet des Blindenhandwerks auf
Bundesebene zusammen mit den Zivilblinden und den Bildungsanstalten
Schritt für Schritt weiterzukommen, vom Kontakt mit ausländischen Bruder-
verbänden und nicht zuletzt von der kameradschaftlichen Gesinnung, die
all diese Arbeit trägt. Rückschauend muß aber ein Wort der Dankbarkeit
gesagt werden, gerichtet an verständnisvolle Helfer in Regierung und Par¬
lament, in den Behörden und der Industrie, gerichtet aber auch an die
Blindenbildungsanstalten und an die Blindenlehrerschaft, die nach 1914
und vor allem nach 1959 mit wohltuend einfühlsamer Aufgeschlossenheit
den Kriegsblinden mit der Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten
neuen Lebensmut gaben.
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INHALTSVERZEICHNIS
Grußwort 7
von Senator Professor Dr. Tiburtius
Der Blindenbildungsanstalt Berlin -Steglitz zum Gruß 9
von Bezirksstadtrat Grigoleit
Vorwort 1 ^
von Dr. Jurczek
Aus der Geschichte der Blindenbildungsanstalt
Berlin-Steglitz 13
von Elisabeth Hoffmann -Haibach
Drei Schritte in der Entwicklung des Blinden -
bildungsgedankens 27
von Josef Bischofs
Eine Auswahl blindenpsychologischer Erkenntnisse
in heutiger Sicht 44
von Günter Glorius
Die technischen Errungenschaften für Blinde
in den letzten 150 Jahren 5g
von Wilhelm Heimers
150 Jahre Blindenhandwerk als Aufgabe der Blinden -
bildung 77
von Alfred Schild
Rückgang der Blindheit in den letzten 150 Jahren
infolge der Fortschritte in der Augenheilkunde 82
von Professor Dr. med. Kurd Vogelsang
Die Blindenselbsthilfe seit 1945 87
von Dr. Alfons Gottwald
40 Jahre Bund der Kriegsblinden 94
von Friedrich Wilhelm Hymmen
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